Ronald Zehrfeld

Ronald Zehrfeld





"Wir Männer sind große Jungs"

Schon im Kindergarten schlug Ronald Zehrfeld alle im Judo, sein Kosename Obelix deutet auf magische Kräfte hin, 2014 ließ der Ost-Berliner für seine Darstellung in "Mord in Eberswalde" beim Grimme-Preis die Konkurrenz hinter sich. Nun ist der hünenhafte Siegertyp, der beinahe Profisportler geworden wäre, als Privatermittler im Polit-Thriller "Dengler - Die letzte Flucht" (ZDF, Montag, 20. April, 20.15 Uhr) zu sehen. Gemeinsam mit Hackerin Olga (Birgit Minichmayr) verfolgt er als Georg Dengler einen kühnen Plan, um die skandalösen Machenschaften eines Pharma-Riesen aufzudecken. Im Gespräch verrät der 38-Jährige, für welche Werte er selbst einsteht, was ihm am Kapitalismus nicht schmeckt und bei welchen Szenen im Film das Kind in ihm Purzelbäume schlug.

teleschau: Sie spielen in "Dengler - Die letzte Flucht" einen Polizisten, der seinen Posten aufgibt, um sein Leben auf die Reihe zu kriegen, etwa den Kontakt zu seinem Sohn wiederaufzubauen - sich jedoch schon bald in einem Komplott der Pharma-Industrie verstrickt. Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Ronald Zehrfeld: Dengler ist einer, der menschliche Ideale vertritt, jenseits von Machtstreben und Geldgier. Jemand, der klar heraus sagt, was er denkt und fühlt. Und den Mut hat, viel zu riskieren, wenn er an etwas glaubt. Das sind Tugenden, die mir imponieren.

teleschau: Besitzen Sie sie persönlich?

Zehrfeld: Das kann ich schwer sagen. Ich suche Rollen danach aus, was der Stoff, die Darstellung eines Charakters, mit mir machen. Das ist eine Möglichkeit zu zeigen, wofür ich als Privatperson stehe. Und es ist mein Weg, einen Beitrag zu leisten.

teleschau: Welche Themen machen besonders viel mit Ihnen?

Zehrfeld: Ich mag brisante, politische Stoffe. Einen Film über einen Pharmaskandal finde ich wichtig, weil nur die wenigsten wissen, was teilweise hinter den Vorstandstüren abgeht. Eiskaltes Kalkül ist in unserer Gesellschaft fast normal geworden, das erschreckt mich.

teleschau: Worin liegt das Kalkül in diesem konkreten Fall?

Zehrfeld: Es wird mit den Hoffnungen von verzweifelten Menschen gespielt, mit der Möglichkeit einer Lebensverlängerung werden Millionen verdient. Der Patient ist nicht mehr Mensch, sondern ein Kunde, ein Käufer, ein Absatzmarkt. Es geht nicht darum, Schwerkranken zu helfen, es geht um Märkte, Dividenden, Zahlen. Ich hatte in meinem privaten Umfeld schon einige Krankheitsfälle, also war es für mich nicht komplett neu. Ich habe jedoch mit Erschrecken festgestellt, wie viele es gibt, mit denen diese Information gar nichts macht. Man beschäftigt sich wohl erst damit, wenn man persönlich konfrontiert wird, mit Krebs, Multipler Sklerose, Alzheimer oder HIV. Vielleicht kann dieser Film ja helfen, die Menschen dafür zu sensibilisieren.

teleschau: Ein zentrales Thema ist die Hoffnung - was ist Ihre persönliche Hoffnung?

Zehrfeld: Was die Pharmaindustrie betrifft, wünsche ich mir mehr Transparenz, etwa wenn neue Medikamente auf den Markt kommen. Für die Gesellschaft hoffe ich auf mehr Ehrlichkeit und das Eintreten des Einzelnen für eine breitere Masse. Das Legislaturperioden-Denken von Politikern stinkt mir gewaltig. Es braucht einen gesunden Egoismus, aber auch ein gemeinschaftliches Bewusstsein, ein Hinausschauen über den eigenen Tellerrand.

teleschau: Sie sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen, da war die Sicht bekanntlich begrenzt. Inwiefern hat Sie das geprägt?

Zehrfeld: Das Miteinander, die Hilfsbereitschaft waren ausgeprägter. Weil man gewisse Sorgen und Nöte hatte und die geteilt hat. Das habe ich erst rückblickend erkannt, als die Mauer schon weg war.

teleschau: Können Sie sich an Ihre ersten Schritte im Westen erinnern?

Zehrfeld: Ja. An die Verwunderung über das Sortiment im Supermarkt, über die 30 Sorten Zahnpasta, 30 Sorten Waschmittel, 30 Sorten Joghurt, und die Frage: Wer benötigt das? In meiner Kindheit standen andere Werte im Vordergrund, wichtigere, wie ich finde. Das ist vermutlich der Preis einer kapitalistischen Gesellschaftsform, wo alles auf Geld, auf Markt, auf Besitz ausgerichtet ist - und für wesentliche Dinge wie Großzügigkeit, Mitgefühl, Solidarität wenig Platz ist. Das finde ich schade.

teleschau: Das heißt, Sie lehnen den Konsum-Überfluss ab?

Zehrfeld: Ja und Nein. Wenn man ihn nie gesehen hat, und nicht weiß, dass er existiert, vermisst man ihn nicht. Wenn man aber weiß, dass es ihn gibt, will man ein Stück davon haben. Es ist schwer, in einem bunten Einkaufsladen zu sein und es nicht schön zu finden. Ich habe als Kind den Intershop, in dem es nur West-Produkte gab, geliebt. Es roch für mich nach Paradies. Andererseits ziehe ich den Hut vor Menschen, die von ihrem Reichtum abgeben können. Bescheidenheit gefällt mir.

teleschau: Im Film geht es unter anderem um die zentrale Entscheidung im Leben: Will man sein Wissen und Können zum Wohle der Allgemeinheit einsetzen oder es dazu nutzen, einen fetten Porsche zu fahren. Als Schauspieler haben Sie sich ja erst mal für das unsichere Pflaster entschieden ...

Zehrfeld: Und das ist es geblieben. Ich habe den Weg bestimmt nicht wegen dem roten Teppich eingeschlagen. Ich sehe eine Verantwortung in diesem Beruf. Ich habe Achtung vor Schauspielern, bei denen man etwas zwischen den Zeilen lesen kann. Früher zu DDR-Zeiten am Theater war unterschwellige Regimekritik möglich, das macht Kultur für mich aus. Es ist Teil des Auftrags, systemkritisch zu sein.

teleschau: Apropos Theater - was hat Sie hingezogen?

Zehrfeld: Dort hat sich das aufregende Leben abgespielt, man hat spannende Menschen getroffen, es gab die besten Partys, es war intensiv. Auf der Bühne zu stehen, bedeutet, Abgründe zu spüren und über seine Grenzen hinauszugehen. Es macht Spaß, kann jedoch süchtig machen.

teleschau: Ist eine Rückkehr vorstellbar?

Zehrfeld: Vorerst nicht. Ich werde dem Film noch einige Zeit erhalten bleiben. Wer weiß, vielleicht gelingt mir ja der Schritt aus Deutschland heraus? Ich mag nordische Filme, und ich würde gern mit den Franzosen zusammenarbeiten. Am liebsten in einer Serie, in der ich den dargestellten Charakter weiterentwickeln kann.

teleschau: Zurück zum Dengler - gab es Momente beim Dreh, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Zehrfeld: Die Fluchtszenen im Tunnel. Wenn die U-Bahn an dir vorbeirauscht, da pocht das Blut schon gewaltig in den Adern. Diese Action-Szenen sind spannender als auf einem Bürostuhl zu sitzen. Wir Männer sind halt große Kinder.

teleschau: Sie waren schon des Öfteren in der Rolle des Polizisten zu sehen. Haben Sie einen Hang zur Darstellung von Action-Helden oder Gutmenschen?

Zehrfeld: Das kann ich schwer beantworten. Es gab Gründe, warum ich mich dafür entschieden habe. Aber ich muss ehrlich sagen: Ich hätte große Lust, einen richtigen Widerling zu spielen.

teleschau: Wäre eine Karriere als Polizist eine Option für Sie gewesen?

Zehrfeld: Nein, auf keinen Fall. Lehrer hätte ich mir gut vorstellen können, gern in den Fächern Sport, Geografie, Biologie.

teleschau: Sie wurden bereits mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2014 mit dem Grimme-Preis. Was bedeuten solche Trophäen für Sie?

Zehrfeld: Sie sind eine Bestätigung dessen, dass sich der Einsatz gelohnt hat, und sie können motivieren. Ich bin mir allerdings bewusst, dass ich nur das Ende einer Kette bin. Ich setze mich in ein gemachtes Nest. Der Ausstatter hat schon ein tolles Set gebaut, der Drehbuchautor hat längst eine gute Geschichte geschrieben, die Produzenten haben Möglichkeiten geschaffen, dass das Projekt überhaupt realisiert werden kann. Wenn ich dann noch etwas dazu beitragen kann, dass der Film anschaubar wird und meine Arbeit geschätzt wird, dann bin ich glücklich.

teleschau: Ob Ihnen das als Dengler gelungen ist, werden wir in Kürze sehen ...

Zehrfeld: Ich freue mich auf die Ausstrahlung. Darauf, zu sehen, was der Film mit den Zuschauern macht. Als TV-Darsteller bekomme ich das Feedback für die geleistete Arbeit ja immer erst zeitversetzt. Ich werde kritisch mit mir sein. Im Grunde habe ich aber eine gewisse Distanz. Ich denke immer, das bin gar nicht ich, den ich da auf dem Bildschirm sehe. Dazukommt: Bei den Dreharbeiten habe ich alles um mich herum vergessen, auch mich selbst. Ich war nur noch in der Handlung, daran kann ich erkennen, dass ich meinen Job maximal erfüllt habe.

Quelle: teleschau - der mediendienst