Jeffrey Tambor

Jeffrey Tambor





Ein besserer Mensch geworden

Es war schon eine kleine Sensation, als die Amazon Originals Serie "Transparent" gleich zwei Golden Globes absahnen konnte. Eine der begehrten Trophäen ging an den Hauptdarsteller Jeffrey Tambor (70), der den Preis in einer rührenden Dankesrede der LGBT-Community (Gemeinschaft der Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender) widmete. Obwohl sein Name hierzulande Wenigen ein Begriff sein wird, das markante Gesicht kennt man aus Serien wie beispielsweise "Arrested Development". Dabei gilt der Schauspieler, der in bescheidenen Verhältnissen einer jüdischen Familie aufwuchs, als einer jener Stars, die die sprichwörtliche Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär machten. In der Serie, die ab sofort auf Amazon Prime in deutscher Synchronisation abrufbar ist, spielt Tambor den Familienvater Mort, der im Alter von 70 Jahren beschließt, endlich als die Frau zu leben, die er eigentlich immer war: Maura. Im Interview spricht der Schauspieler darüber, wie sehr diese Rolle sein eigenes Leben veränderte und wie wichtig die Themen Gender und Video-on-Demand aus seiner Sicht sind.

teleschau: Transparent ist nicht nur eine mutige sondern auch eine mutmachende Serie. Vor allem für die LGBT und Trans-Community, denen Sie Ihren Golden Globe gewidmet haben.

Jeffrey Tambor: Ich war erst kürzlich im LGBT-Community-Center in New York City, und ich hatte das Glück, den Trailblazer Award zu gewinnen. Es war eine tolle Feierlichkeit.

teleschau: Hatten Sie vorher bereits Freunde oder Verwandte in der LGBT-Community, die mit solchen Problemen zu kämpfen hatten?

Tambor: Ich hatte das Glück, drei tolle Berater aus der Trans-Community bei den Dreharbeiten als Berater dabei gehabt zu haben. Ich konnte sie wirklich alles fragen, wir haben gemeinsam Ausflüge gemacht in die Community, sie haben mir viel beigebracht.

teleschau: Was war die größte Herausforderung bei dieser Rolle?

Tambor: Dass es dabei mehr um das Innenleben eines Transgenders geht als um Äußerlichkeiten. Mein Charakter Maura steht ganz am Anfang ihrer Umwandlung. Sie weiß noch nicht, wie man Make-Up aufträgt oder wie man als Frau läuft, aber sie ist frei, was ich sehr an ihr mag. Durch ihren Prozess wird sie zu einem besseren Elternteil, ich denke sie ist sogar die mutigste in der ganzen Familie. Es ist einfach sehr bewundernswert und schön, wenn eine 70-jährige Person sich entscheidet, von nun an frei zu sein. Zu einem Zeitpunkt, in dem Alter und Schwerkraft schon längst Spuren hinterlassen haben. Das ist eine tolle Geschichte.

teleschau: Sie haben einmal gesagt, dass die Trans-Berater am Set, Ihnen geholfen hätte, Seiten an sich zu entdecken, von denen sie bislang nichts wussten.

Tambor: Die Leute fragen mich immer, ob ich meine weibliche Seite entdeckt habe, aber das klingt so abgedroschen. Es ist eher so, dass da Seiten sind die ich bislang nicht gezeigt habe, beziehungsweise die ich bislang auch nicht zum Vorschein bringen musste. Maura hat mich aber definitiv verbessert.

teleschau: Als Mensch?

Tambor: Ja. Ich denke, ich bin jetzt ein besserer Vater, eine bessere Person, ein besserer Bürger. Ich bin auf jeden Fall viel dankbarer als zuvor. Jeden Tag wünsche ich mir, dass mich niemand aufweckt aus diesem wundervollen Traum, den ich gerade leben darf. Und am Ende des Tages ist es auch einfach schön, zu wissen, dass man etwas getan hat, dass einer Menge Leute da draußen tatsächlich hilft. Man sagt Schauspielern immer, sie sollen spielen, als würde ihr Leben davon abhängen, und ich spiele nun, als würde das Leben anderer davon abhängen. Die LGBT-Community ist einfach viel Hass und Vorurteilen ausgesetzt, es gibt viele Ängste dort und eine erschreckend hohe Selbstmord-Quote.

teleschau: Wie reagieren die Leute Ihnen gegenüber auf die Serie?

Tambor: Die Leute kommen zu mir und sagen drei Dinge: "Ich wusste, nicht was ich davon halten soll." Was meiner Meinung nach eigentlich heißt: "Ich war mir nicht sicher, ob ich mich mit dem Thema wohlfühlen werde." Dann sagen sie mir, dass sie es am Ende geliebt haben und die ganze Staffel auf einmal geschaut haben. Und dann erzählen sie mir eine Geschichte. Entweder über einen Transgender-Fall in der eigenen Familie, in einer anderen Familie oder etwas, worüber sie gelesen haben. Also kommt das, was wir machen, tatsächlich bei den Leuten an. Unsere Show macht etwas sehr Schönes: Sie stellt die Frage, was passiert, wenn ich mich verändere? Werden die anderen dann noch da sein? Werden sie mich noch lieben?

teleschau: Spannend ist auch, dass die Geschichte nicht in der Gesellschaft ansetzt, sondern innerhalb einer Familie spielt, was das ganze natürlich viel intensiver und emotionaler macht.

Tambor: Jede Familie hat ihre Geheimnisse. Manchmal sind es die Geheimnisse, die die Familie zusammenhalten. Wenn man jetzt aber das Geheimnis lüftet, wird die Familie bestehen bleiben? Eine Familie ist eine Tyrannei, die vom schwächsten Familienmitglied beherrscht wird. In diesem Fall erhebt sich der vermeintlich schwächste Part allerdings zum meiner Meinung nach mutigsten und stärksten.

teleschau: Hat "Transparent" Ihre eigene Sicht auf das Thema Transgender verändert?

Tambor: Ich kam von purer Ignoranz dahin, jeden Tag etwas dazuzulernen. Ich bin stolz, jetzt zu sagen, dass ich ein Verbündeter der Community bin. Das Thema wurde ein sehr wichtiger Aspekt meines Lebens. Ich musste allerdings sehr sehr viel lernen.

teleschau: Wenn ein Verwandter sich bei Ihnen geoutet hätte, bevor Sie Maura spielten, hätten Sie anders reagiert als heute?

Tambor: Das wahrscheinlich nicht. Ich wuchs sehr liberal in San Francisco und der Theaterszene auf. Ich hatte nie Vorurteile oder so etwas. Was mir allerdings fehlte, waren die Informationen, die Hintergründe. Wie der Prozess der Umwandlung stattfindet, mit den Hormonen und den Operationen und so weiter ... Aber nun ist es einfach Teil des Zeitgeists. Die Welt verändert sich, es ist eine Revolution im Gange.

teleschau: Wo man vor Jahren noch sagte, man soll sich anpassen, heißt es heute, anders sein, ist gut?

Tambor: Ja. Und die Gender-Grenzen verschwimmen! Was schön ist, weil viel mehr Toleranz und Akzeptanz damit einhergeht. Beim Sundance-Festival sprach mich beispielsweise ein Paar an, das mit mir über Transparent reden wollte. Sie erzählten, dass die Show sie und ihren neunjährigen Sohn enger miteinander verbindet. Er kam eines Tages vom Softball-Training heim und bat seine Eltern, dort nicht mehr hingehen zu wollen. Er sei kein "boy Boy". Als sie ihn fragten, was er meint, antwortete er, er wolle wie Katy Perry sein, wenn er groß ist. Und sie haben ihm zugehört. Weiß man mit neun Jahren, dass man im falschen Körper steckt? Natürlich! Und er hat es auf seine Art ausgedrückt.

teleschau: Trotzdem existiert noch viel Hass im Bezug auf das Thema. Haben Sie auch negatives Feedback zur Serie bekommen?

Tambor: Mein Ziel ist es, dass die Leute darüber reden. Egal ob sie es gut oder schlecht finden. Hauptsache, man hört auf, das Thema als ein Tabu zu behandeln. Ab und an sagen mir Leute tatsächlich, dass ich mich schämen sollte. Das zeigt mir allerdings nur, dass noch viel Arbeit vor uns liegt.

teleschau: Viele kritisierten auch, dass Maura von Ihnen und nicht von einer Transgender-Schauspielerin gespielt wird.

Tambor: Das kann ich auch verstehen. Maura ist allerdings bislang noch am Anfang ihrer Umwandlung. Vor Hormonen oder Operationen. Sobald sie diese Schritte geht, ist es aber wohl besser, wenn jemand anderes sie spielt.

teleschau: Es spielen allerdings auch Transgender-Schauspielerinnen in der Serie mit.

Tambor: Wir haben um die 16 Transgender-Schauspieler am Set und viele Leute hinter den Kameras. Jill Soloway (Erfinderin und Regisseurin der Serie) würde es nicht anders wollen. Es gibt keine Gender-Einseitigkeit an diesem Set, was es zum sichersten Ort macht, den man sich denken kann. Es ist so schön, weil es keine Fehler gibt, kein richtig oder falsch. Im Fernsehen muss normalerweise immer alles schneller und schneller gehen. Jill hingegen ist bedacht darauf, eine Ruhe in die Dreharbeiten zu bringen. Es herrscht viel Liebe und Harmonie.

teleschau: Hat diese Atmosphäre etwas damit zu tun, dass die Serie von Amazon produziert wird?

Tambor: Amazon hat den Mut und den Geschmack eines Wegbereiters. Es gab so viel künstlerische Freiheit am Set, weil man uns einfach machen ließ.

teleschau: Glauben Sie, dass Video-on-Demand die Zukunft des Fernsehens ist?

Tambor: Auf jeden Fall! Wer sich jetzt nicht damit beschäftigt, wird früher oder später auf der Strecke bleiben. Die Kinder, die heutzutage morgens zum Bus laufen, schauen sich Serien auf ihren Smartphones an. Außerdem wollen die Leute nicht mehr eine Woche auf die nächste Episode warten müssen, sondern alles am Stück schauen. Es herrscht also eine ganz neue Sehgewohnheit, die auch neue Formate verlangt. Der Inhalt regiert wieder. Es muss keine Spannung mehr zur Werbepause aufgebaut werden und so etwas. Man kann die Geschichten schreiben wie Romane. Auch deshalb wollen die ganzen Schauspieler und Regisseure jetzt Serien machen.

teleschau: Maura sagt in der Serie, dass sie sich ihr ganzes Leben als Mann verkleidet hat und nun endlich sie selbst sein kann. Haben Sie sich jemals als jemand verkleidet, der Sie nicht sind?

Tambor: Ja! Jedesmal, wenn ich mich vom Schauspielen entfernt habe, was vielleicht erst mal paradox klingt. Ich war schon Schuhverkäufer, Truckfahrer, Professor, das war alles nichts für mich. Jedesmal wenn ich von meinem Weg als Schauspieler abkam, fühlte ich mich deplatziert.

Quelle: teleschau - der mediendienst