Bernhard Schütz

Bernhard Schütz





"Die Sache mit Varoufakis? Bigottes Scheißzeug!"

Bernhard Schütz und Politik? Da war doch schon mal was: 1998 gründete der Schauspieler zusammen mit Kollegen wie Christoph Schlingensief die Partei "Chance 2000" - und "ermordete" unter anderem. in einer Kunstaktion Helmut Kohl. Jetzt ist der 56-Jährige in der vierteiligen Polit-Satire "Eichwald, MdB" (ab 16. April, donnerstags, 22.45 Uhr, ZDFneo; ab Freitag, 29. Mai, 23.00 Uhr, ZDF) als angezählter Bundestagsabgeordneter Hans-Josef Eichwald zu sehen. Die politische Agenda wackelt, die Fraktionsvorsitzende meckert, die deutlich jüngere Konkurrenz wartet nur auf Fehler. Was Schütz vom Politikerdasein in der Realität gelernt hat, was er von einem Abgeordneten erwartet, welche Rolle die Medien seiner Meinung nach bei der Machtverteilung spielen, und was die Bürger gegen all den Irrsinn tun können, erklärt er im Interview.

teleschau: Herr Schütz, wenn Sie morgens die Zeitung aufschlagen, was lesen Sie in der Regel zuerst?

Bernhard Schütz: Ich lese immer von vorne nach hinten. Der wichtigste Zeitungsteil ist aber definitiv der Wirtschaftsteil.

teleschau: Weshalb?

Schütz: Weil man durch ihn die Schlagzeilen in den anderen Bereichen besser versteht. Viele Themen bauen sich auf dem Wirtschafts- oder dem Finanzteil geradezu auf.

teleschau: Was ist mit dem Kulturteil?

Schütz: Ach, den kann man immer lesen, selbst betrunken (lacht).

teleschau: Und die Politik?

Schütz: Lese ich interessenmäßig eher am Ende, weil man die meisten Sachen ja schon weiß. Durch die Wirtschaft.

teleschau: Sind Sie allgemein ein politischer Mensch?

Schütz: Ich finde, jeder hat eine Verantwortung für seinen Lebensbereich, und diese Verantwortung kann man von seinem Beruf aus auch übernehmen. Das tue ich. Ein Ideal von Demokratie ist für mich, wenn jeder Mensch in einer Gesellschaft so vorkommt, wie es ihm seine Kraft erlaubt.

teleschau: Soll heißen, Sie wünschen sich mehr Bürgeraktivismus?

Schütz: Ja! Wobei mir die, die von sich selbst oder von anderen als "besorgt", als "man wird doch noch sagen dürfen" beschrieben werden, und die von den Sarrazins und Ulf Kokottes dieser Welt angetrieben sind, suspekt sind. Ich vermute unter dem Schafspelz waschechte Rassisten und Hetzer. Der Umgang miteinander hat sich jetzt schon verändert. Trotzdem habe ich keine Angst vor der Auseinandersetzung mit solchen Leuten, würde denen aber definitiv nicht die Landeszentrale für Bildung zur Verfügung stellen.

teleschau: In ihrer ZDF-Serien-Rolle als Bundestagspolitiker Hajo Eichwald sind Sie überfordert, fast machtlos, nicht zuletzt aufgrund eines fehlenden Programms. Einmal heißt es, ihre "politische Agenda ist so leer, dass man sie als Malblock verkaufen kann". Steht Eichwald für Sie stellvertretend für den typischen deutschen Politiker?

Schütz: Nein, überhaupt nicht, ich habe extremen Respekt vor Politikern. Auch weil ich glaube, dass Politiker immer mindestens fünf Berufe gleichzeitig ausüben und in allem wahnsinnig kompetent sein müssen.

teleschau: Was ist in Ihren Augen die wichtigste Aufgabe eines Politikers?

Schütz: Politiker sind dazu da, um im richtigen Moment mit den richtigen Leuten die Mehrheit zu bilden. Das sollte ihre Aufgabe sein: eine gewisse Mittelmäßigkeit, um die Frustrationstoleranz aufzubieten, die man für ihren Job braucht.

teleschau: Werden Politiker allgemein zu hart angegangen?

Schütz: Zumindest richtet sich die Aufmerksamkeit vieler Kritiker nicht auf die wichtigen Dinge, sondern auf das, was für den Boulevard interessant sein könnte. Ich denke zum Beispiel an die Sache mit Varoufakis. Das war ein so hochgepushtes, bigottes Scheißzeug! Und es steht in der Zeitung direkt neben den wirklich entscheidenden politischen Themen.

teleschau: Sie stören sich also nicht an Politikern, sondern eher an bestimmten Medien?

Schütz: Ich störe mich an einer bestimmten Inszenierung mancher Medien. Wichtige Fragen wie die, ob die Autobahnen nun an Versicherungsunternehmen verkauft werden oder nicht, unterliegen da plötzlich irgendeiner Geschichte über ein Bobby-Car. Das steht in keinem Verhältnis.

teleschau: Der Abgeordnete Hajo Eichwald wollte einst das Leben der Menschen in Deutschland ein bisschen besser machen. Geschafft hat er das nicht. Was bräuchte man denn Ihrer Meinung nach, um es schaffen zu können?

Schütz: Drogen (lacht). Nein, im Ernst: Eichwald hat angefangen als Pflasterstein, und mittlerweile ist er ein ausgelutschter Kiesel. Diesen Idealismus, der bei ihm am Anfang stand, konnte er einfach nicht aufrecht erhalten. Dass passiert ja ständig. Schauen wir uns doch mal die Realität an: Eine Ursula von der Leyen kommt als Laie in dieses Monsterministerium und soll wahnsinnig wichtige Entscheidungen vorantreiben. Eine extreme Aufgabe, die zu extremer Überforderung führen kann. Dadurch entsteht bei Politkern ja oft das sogenannte Power-Aging, abzulesen vor allem an den Gesichtern von Kanzlern.

teleschau: Würden Sie als Politiker in den Bundestag ziehen, wenn Sie die Möglichkeit hätten?

Schütz: Definitiv nicht.

teleschau: Aber sie waren mal als Politiker engagiert und recht ambitioniert. 1998 gründeten Sie mit Leuten wie Christoph Schlingensief die Partei "Chance 2000".

Schütz: Das war ein Selbstversuch: Verstehen durch Nachspielen. Wir haben damals zum Beispiel in einer Kunstaktion Helmut Kohl symbolisch ermordet.

teleschau: Was haben Sie als Politiker gelernt?

Schütz: Dass wenn man eine Partei gründet, die wahnsinnigsten Leute ankommen und alles an sich reißen wollen. Das ist das größte Problem neuer Parteien. Sie zerlegen sich dadurch schnell selbst.

teleschau: Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass es Ihnen egal wäre, ob ein Politiker zu einer Prostituierten geht, so lange er gute Politik macht ...

Schütz: Das ist falsch zitiert worden. Jetzt muss ich mich schon wie ein Politiker zu verdrehten Sachen äußern. Mir geht es um diese "Wir müssen unser Körbchen sauber halten!"-Haltung. Diese uralte Spießergeschichte, diese Bigotterie, sich über den Schmutz beim anderen zu erregen. Was mir nicht egal ist, wenn ein weißer heterosexueller Mann Zugriff auf Prostituierte hat. Aber das ist ein anderes Problem. Und vergessen wir nicht: "Eichwald, MdB" ist ein Entertainment-Produkt und keine Politik!

teleschau: Noch einmal zurück zu Ihrer Zeitung. Wenn Sie die morgen früh aufschlagen, welche Schlagzeile würden Sie am liebsten auf der Titelseite lesen?

Schütz: "Endlich! Religion abgeschafft! Es lebe das konkrete Wesen!"

Quelle: teleschau - der mediendienst