Big Eyes

Big Eyes





Platt gewaltzt

In den 50er-Jahren war das Leben für Frauen in den USA nicht einfach. Sie lebten in einem Käfig aus Erwartungen und Rollenvorgaben, und nur die Ehemänner hatten einen Schlüssel. Dass die schüchterne Margaret trotzdem aus ihrem trist-gepflegten Suburbia abhaut, dass sie die Scheidung einreicht und mit ihrer kleinen Tochter in San Francisco allein von vorn beginnt, ist ziemlich mutig. Doch lohnt sich der Neustart: Dort kann sie ihre Bilder von Kindern mit großen Augen malen und sich als Künstlerin fühlen. Zumindest bis die Geltungssucht mit ihrem neuen Ehemann Walter Keane durchgeht. Tim Burton erzählt in "Big Eyes" die wahre Geschichte eines großen Kunstskandals als lieb gemeintes Porträt einer ewig Gefangenen - leider ziemlich unentschlossen, mit überhöhtem Zuckerspiegel und einem unkontrollierbaren Hauptdarsteller.

Das Leben als alleinerziehende Mutter ist alles andere als einfach: Margaret (Amy Adams) nimmt in Kalifornien einen Job in einer Möbelfabrik an und verkauft am Wochenende ihre Porträts für einen Dollar. Bis sie Walter Keane (Christoph Waltz) verfällt: Der ist ein Hallodri und Dampfplauderer, ein Hochstapler und Diktator. Aber das weiß Margaret noch nicht, oder ignoriert es, als sie einwilligt, Mrs. Keane zu werden.

Walter jedenfalls, selbst ein Maler von maximaler Mittelmäßigkeit, erkennt das Potenzial seiner Frau recht schnell: Die Leute stehen auf die "big eyes", Bilder von großen Augen in kitschigen Kindergesichtern. Weil Walter ein gewiefter Geschäftsmann ist, verkauft er die Bilder als seine eigenen. Aus ökonomischen Gründen ist das durchaus sinnvoll, in einer Zeit, in der Frauen in der Kunstwelt höchstens belächelt wurden. Wer Bilder verkaufen wollte, war mit männlichem Geschlecht besser dran.

Die zunehmend frustrierte Margaret wird alsbald in einen zum Atelier umgebauten Abstellraum abgeschoben. Dort produziert sie fleißig weiter, was ihr Mann mit zunehmendem Erfolg verkauft. Aus der anfänglichen Liebe zwischen den beiden wird eine reine Geschäftsbeziehung, die vor allem auf Angst basiert: Margaret und Walter fürchten, dass der Kunstbetrug auffliegt. Die eine aus Schamgefühl, der andere aus finanziellen Gründen.

Wo das Aufeinandertreffen von zarter künstlerischer Seele und kommerziell erfolgreicher Eitelkeit normalerweise ein für jeden Film dankbares Konfliktpotenzial bietet, gibt's in "Big Eyes" nur: Christoph Waltz. In der Rolle Walter Keanes darf er den Film als Bühne für eine persönliche Schurkenparodie ausnutzen. Burton, der ohnehin nicht er selbst zu sein scheint, dem der von ihm gewohnte Mut und seine Verrücktheit fehlen, lässt Waltz einfach gewähren - und ist schon bald nicht mehr der eigene Herr im Haus. "Big Eyes" entgleitet dem Regisseur zusehends und wird zum Plattwaltzer: Die grimassierenden Übertreibungen, mit denen Waltz in Tarantino-Filmen schon zwei Oscars gewann, ziehen "Big Eyes" ins Lächerliche.

Dabei hätte "Big Eyes" zumindest ein klassisches, geradliniges Biopic über eine missverstandene Künstlerin werden können. Ein Film, der den Irrsinn der Kunstwelt auf die Schippe nimmt und sich mit emanzipatorischen Grundsatzfragen beschäftigt. Das alles ist im Drehbuch angelegt, man ahnt bisweilen, wie großartig der Film hätte werden können. Vor allem für Amy Adams, die Margaret Keane mit sensibler und Golden-Globe-prämierter Würde spielt, ist der Film eine verpasste Chance.

Auch Tim Burton hat sich nicht wirklich einen Gefallen getan. Er wechselt immer wieder den Ton und den Stil: Mal ist "Big Eyes" das Psychogramm eines Gestörten, mal eine melodramatische Reflexion über die Rolle der Frau, mal ein Noir-Thriller, mal eine Kunstwelt-Satire und schließlich sogar ein Justizdrama. Immer aber ist "Big Eyes" nah am Kitsch. Mal mehr, selten weniger. Bei soviel Zuckerguss und Zaghaftigkeit werden dann auch die eigenen Augen ganz groß.

Quelle: teleschau - der mediendienst