Billie Holiday

Billie Holiday





Die Sängerin, eine Sensation

Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, wie einflussreich die afroamerikanische Sängerin Billie Holiday tatsächlich im heutigen Pop ist. Einerseits singt kaum noch jemand wie sie: so klagend, so knarzig, so durchlässig. Andererseits findet sich Holidays extreme Art, Worte lebendig zu machen und Noten wie Gitarrensaiten zu biegen, bei Sängerinnen vieler späterer Generationen wieder: Intensivsängerin Janis Joplin zum Beispiel oder Roisin Murphy von Moloko, die diesen Sound mit elektronischer Tanzmusik verband. Vor allem aber natürlich bei Amy Winehouse. Die sang 50 Jahre nach Holidays letztem großen Album "Lady Sings The Blues" (1956) auf "Back To Black" nicht nur wie ein Klon Holidays, sondern trachtete auch danach, deren haltlosen Lebenswandel zu kopieren.

Billie Holiday, die in ihrem Leben Prostituierte, Junkie, Bürgerrechtlerin, Alkoholikerin, Liebes-Masochistin und willensstarke Powerfrau war, wäre am 7. April 100 Jahre alt geworden. Von ihrer andauernden Strahlkraft künden nicht nur diverse neue Veröffentlichungen (das Doppel-Album "The Centennial Collection" und das 4-CD-Boxset "Lady Day" sowie ein Coveralbum von Cassandra Wilson), sondern auch eine neue Dokumentation.

"Der Blues", so erzählte es Billie Holiday einem Reporter in sein Mikrofon, "bedeutet für mich, sehr traurig oder krank zu sein, in die Kirche zu gehen, glücklich zu sein. Es gibt zwei Arten von Blues, den glücklichen und den traurigen. Ich habe nie etwas gleich gesungen. Ich singe auch nie das gleiche Tempo." In der empfehlenswerten neuen ARTE-Dokumentation "Billie Holiday: A Sensation" (Sonntag, 12.04., 22.05 Uhr) kommentiert ihre Biografin Julia Blackburn diesen so typisch vieldeutigen und doch irgendwie verständlichen O-Ton wie folgt: "Billie Holiday sang nie dasselbe Lied zweimal. Das ist Teil ihres Charakters. Wahrscheinlich weil ihr frühes Leben so ein Chaos war. Sie musste wohl eine Menge davon vergessen. Und an den anderen Teil konnte sie sich nicht mehr erinnern."

Billie Holiday wurde 1915 in Philadelphia geboren, aufgewachsen ist sie jedoch im Hafenviertel von Baltimore. Vom Vater, wohl ein Jazzmusiker, hatte sie nicht viel und auch ihre sehr junge Mutter war oft abwesend und schlug sich dabei mit Jobs der untersten Kategorie herum. Sie war Serviererin in Zügen, versuchte sich als Imbissbetreiberin und ging immer wieder anschaffen. Es war die Zeit, als in Amerika die Rassentrennung noch lange Zeit der Normalzustand bleiben sollte. Mit elf Jahren wurde Billie Holiday, die damals noch Eleanora Fagan hieß, das erste Mal vergewaltigt. Kein Wunder, das früh entwickelte Mädchen verbrachte viel Zeit im Vergnügungsviertel von Baltimore, wo nicht nur die Puffs, sondern auch die frühen Jazzbars ansässig waren. Meist konnte man sich auch sicher sein, in den Bordellen den besten Jazz zu hören, der dort selbstverständlich live gespielt wurde.

Ihre ersten Aufnahmen als Sängerin machte Billie Holiday im Jahr 1933. Vor ihr kannte in der Regel keiner die Sänger auf Jazzplatten. Oft hatten sie nur wenige Zeilen in einem Stück zu singen. Die Stars jener Zeit waren die Songs selbst. Wenn man überhaupt etwas von den Interpreten kannte, dann waren es die Namen der Bandleader oder deren Orchester. Billie Holiday, die 1929 nach New York umgezogen war, sang in den Bars von Harlem und wurde dort sofort zum Star. Jeder Club wollte sie haben. Bald ging sie mit den großen Jazzbands des Landes auf Tournee oder ins Studio: mit Teddy Wilson, Count Basie oder Artie Shaw.

Mit dem weißen Bandleader Artie Shaw machte sie dennoch entwürdigende Erfahrungen. Als eine der ersten schwarzen Sängerinnen, die mit einer weißen Band vor weißem Publikum auftrat, durfte sie nicht mit dem Rest der Band essen oder in ein Hotel einchecken. Die Bühnen, auf denen sie sang, hatte sie durch Hintertüren zu betreten oder musste im Hotel mit dem Lastenaufzug Vorlieb nehmen. 1939 sang Billie Holiday zum ersten Mal ihren politisch sicher einflussreichsten Titel "Strange Fruit". Ein Lied über Lynchjustiz an Schwarzen im amerikanischen Süden. Der weiße New Yorker Jude Abel Meeropol hatte das Lied geschrieben, aber erst durch die intensive Interpretation der leidgeprüften schwarzen Sängerin wurde das Stück zum Superhit, den zuletzt Rapper Kanye West 2013 in seinem Anti-Rassismus-Track "Blood On The Leaves" sampelte.

Die kämpferische und manchmal derbe Holiday wusste sich stets zu wehren - wenn nötig auch mit Fäusten. Mit dem FBI unter J. Edgar Hoover führte sie bald eine Art Privatkrieg, den die Musikerin nicht gewinnen konnte. Das Bureau wollte, dass sie "Strange Fruit" nicht mehr singt, Holiday lehnte ab. Das FBI schickte Störer in ihre Konzerte, die sie als Junkie beschimpften, bei Veranstaltern wurde sie im Vorfeld diskreditiert. Nach einer einjährigen Haftstrafe 1947 wegen Drogenbesitz durfte sie nicht mehr in Clubs auftreten, die Alkohol verkauften - was ihre Möglichkeiten, als Sängerin Geld zu verdienen, erheblich schmälerte.

Seit den frühen 40er-Jahren hatte Holiday zudem mit ihrer Heroinsucht zu kämpfen. Exzessiver Alkoholkonsum kam hinzu. Trotzdem streiten noch heute Biografen und andere Zeitzeugen darüber, wie haltlos der Lebenswandel Holiday tatsächlich war und wie sehr die Geschichten über sie auch politisch gelenkte Legenden waren, um in einem rassistisch-konservativen Amerika eine unbequeme Frau zur Strecke zu bringen. Fakt ist, dass Holiday eine masochistische Ader in Sachen Männer hatte. Sie fühlte sich zu Kerlen hingezogen, die brutal waren und sie schlecht behandelten. Ihr erster Ehemann war folgerichtig ein Zuhälter, ein späterer Junkie und Dealer.

Mit ihrer extrem durchlässigen Art zu singen, die gekreuzt mit der Nonchalance ihrer Blues- und Jazzphrasierung noch heute modern klingt, dass es eigentlich nach wie vor keine Sängerin gibt, die ihr in Sachen Intensität das Wasser reichen kann, hat sich Billie Holiday unsterblich gemacht. Ihr physisches Leben endete durch eine Leberzirrhose: Als sie am 17. Juli 1959 in einem New Yorker Krankenhaus starb, standen Polizisten an ihrem Bett, um sie erneut wegen Drogenbesitz zu verhaften.

Die Spuren, die Billie Holiday im offiziellen Amerika hinterließ, sind gemessen an der Strahlkraft ihrer Kunst vergleichsweise gering. Erst im Jahr 2000 wurde sie in die "Rock'n'Roll Hall of Fame" aufgenommen. "Sie sollte eine führende Ikone der Bürgerrechtsbewegung sein", meint auch Julia Blackburn, die 2005 die viel gelobte Biografie "With Billie" veröffentlichte. "Billie Holiday", so Blackburn, "hat durch das Singen von 'Strange Fruit' mehr für die Bürgerrechte getan hat, als viele andere zu dieser Zeit und danach." Dennoch fehlt der Name Holiday weitestgehend in der Geschichte jener Bewegung. Stattdessen gibt es gerade mal ein Denkmal für die vielleicht größte Sängerin aller Zeiten - in ihrer Geburtsstadt Baltimore. Es steht in einem Slumviertel.

Quelle: teleschau - der mediendienst