Jennifer Aniston

Jennifer Aniston





An der richtigen Stelle gekratzt

Nicht mal eine Nominierung? Dass Jennifer Aniston (46) bei den Oscars nicht berücksichtigt wird, war bislang keine Meldung wert. Natürlich nicht. Nach dem Ende der Gassenhauer-Sitcom "Friends" war die aus Los Angeles stammende Schauspielerin vor allem in (vielen) mehr oder (einigen) weniger unterhaltsamen romantischen Komödien zu sehen. Filme, die sich vor allem durch Belanglosigkeit auszeichneten, Filme, in denen Aniston spielte, was von ihr erwartet wurde: "Everybody's Darling" - hübsch, gutgelaunt, liebenswert. Doch dieses Jahr ist alles anders. Jennifer Aniston hat sich gemausert - zu einer ernstzunehmenden Charakterdarstellerin. Sie nimmt, so scheint es, ihre Karriere endlich selbst in die Hand. Im Suchtdrama "Cake" (Kinostart: 9. April) spielt sie eine Schmerzpatientin mit ungesundem Hang zu Tabletten und Alkohol - ungeschminkt, ungeschönt, unglaublich gut. Ganz nebenbei rettet ihre Performance den Film auch noch vor der Belanglosigkeit.

"Snub" nennen es die Amerikaner, wenn jemand bei den Oscars brüskiert wird. Jennifer Aniston war, zumindest was das mediale Echo betrifft, der größte "Snub" in diesem Jahr. Niemand konnte und wollte verstehen, warum sie nicht einmal nominiert wurde. Im Schlabberlook, mit Narben und beißendem Zynismus spielt sie in "Cake" ein Scheusal und lässt jeden an ihren chronischen Schmerzen teilhaben: eine Rolle, die so gar nicht zum Image des "All American Girl" passt, deren Stil von Millionen Frauen auf der ganzen Welt kopiert wird.

Das Männermagazin "Men's Health" wählte die Schauspielerin 2011 zur "Hottest Woman of All Time", also zur heißesten Frau aller Zeiten. Doch nicht etwa die perfekt trainierten Kurven verhalfen ihr zu diesem Titel, entscheidend war vielmehr ihr Humor: "Witzig zu sein, ist sexy, und Jennifer Aniston ist witzig", begründete das Magazin die Wahl. Zuletzt spielte die Blondine sogar selbstironisch mit ihrem Image als Sexsymbol. In "Kill the Boss" (2011) brachte sie als laszive Nymphomanin einen Kollegen zur Verzweiflung, die Komödie "Wir sind die Millers" (2013) wäre ohne ihre Stripeinlage keiner Rede wert.

Jahrelang profitierte die 1969 geborene Tochter eines griechischen Vaters und einer schottisch-italienischen Mutter davon, dass die ganze Welt in ihr vor allem den liebenswerten Darling und das sympathische Beach-Girl mit der unverwechselbaren Frisur ( "Pro Jahr dürfen maximal fünf Zentimeter ab!") sehen wollte. Durch den Megaerfolg von "Friends" zu Hollywoods gefragtestem Star mit astronomischen Gagen aufgestiegen - pro Folge der Sitcom gab's zuletzt eine Million Dollar - machten ihre Kinofilme vor allem eins: Kasse.

"Bruce Allmächtig" (2003), "Trennung mit Hindernissen" (2006) und "Marley & Ich" (2008) waren Blockbuster. Die Zuschauer wollten ihre "Jen" sehen, eine Frau, in die sie ihre Sehnsucht nach Perfektion und Glamour projizieren konnten und die dabei so herrlich natürlich wirkte. Die 1,64 Meter kleine Schauspielerin bediente diese Wünsche - und ließ sich auf ein Rollenprofil festlegen, aus dem es kein Entrinnen gab. Doch "Cake" habe ihr die Augen geöffnet, sagte Jennifer Aniston in einem Interview.

"Es ist als hätte ich mich an einer Stelle gekratzt, die unbedingt gekratzt werden musste. Und das fühlt sich gut an." Sie liebe es, komplexe Figuren zu spielen, mit denen sie zutiefst menschliche Erfahrungen machen könne. "Dabei ist es unwichtig, ob der Film ein Drama ist oder eine Komödie: Das Leben hat ja auch nicht nur eine Seite."

Da spricht jemand mit Erfahrung. Bei allem Erfolg hatte es Jennifer Aniston beileibe nicht immer leicht. Lange Zeit plagten sie Selbstzweifel, dachte sie, dass sie nicht klug sei: "Ich konnte mir einfach nichts merken." Erst mit Anfang 20 wurde bei ihr Legasthenie festgestellt. Die Diagnose änderte alles: "Ich hatte das Gefühl, eine Erklärung für all die traumatischen Erlebnisse, Tragödien und Dramen meiner Kindheit zu haben", gestand die Patentochter von "Kojak"-Darsteller Telly Savalas in einem Interview mit dem "Hollywood Reporter".

Und dann gab es da noch diese Männergeschichte, die sie jahrelang verfolgte: Brad Pitt. Mit ihm war Aniston fünf Jahre (2000 bis 2005) verheiratet, bis ihr Mann "Mr. & Smith" drehte und mit Co-Star Angelina Jolie zum Überpaar Brangelina verschmolz. Der Boulevard stürzte sich auf diese Geschichte, auf die Scheidung, auf die Tränen, auf die Verzweiflung. Schlimmer aber war: Ein Publikum aus postmodernen Gaffern nahm in einem beispiellosen Voyeurismus Teil an der menschlichen Tragödie. Team Brad oder Team Jen? Das war die große Frage, die lustvoll und mit schmutzigen Details diskutiert wurde.

Trotz schmerzvoller Erfahrungen hegt die chronisch gut gelaunte Golden-Globe-Gewinnerin keinen Groll gegenüber ihrem Ex-Mann. "Wir haben eine gute Zeit miteinander verbracht und uns gegenseitig etwas bedeutet. Es ist ja nicht so, dass jemand gestorben wäre - wir befinden uns alle noch auf diesem Planeten", stellte sie gegenüber "People" fest.

Die Hoffnung aufs Familienglück hat sie noch nicht aufgegeben. "Ich glaube, die Leute wollen mich als verheiratete Mom barfuß und schwanger in der Küche sehen. Ich sage: 'Entspannt euch! Das kommt schon noch.'" Vielleicht ja noch in diesem Jahr. Die Hochzeit mit ihrem Verlobten Justin Theroux, den Aniston bei den Dreharbeiten zu "Wanderlust" kennenlernte, ist für den Herbst geplant. Und da wird dann auch ein Oscar-"Snub" völlig unwichtig.

Quelle: teleschau - der mediendienst