Nur eine Stunde Ruhe

Nur eine Stunde Ruhe





Augenblicke der Wahrheit

Egal, wie spät es sein mag - für jeden kommen einmal Augenblicke der Wahrheit. Sogar für den gutsituierten und arroganten Zahnarzt Michel Leproux (Christian Clavier). Vom plötzlichen Hexenschuss niedergestreckt, liegt er irgendwann in "Nur eine Stunde Ruhe" hilflos auf dem Boden. Seine einzige Gesellschaft ist ein kleines asiatisches Mädchen, das ihn aus der Distanz betrachtet und nicht versteht, was der ältere Herr sagt und wie sehr er plötzlich mit seinem Schicksal hadert. Nach "Monsieur Claude und seine Töchter" spielt Clavier hier erneut einen französischen Großbürger, dessen scheinbare Überlegenheit in Frage gestellt wird. Mit der Multikulti-Komödie empfahl sich der "Astérix"-Darsteller auch in Deutschland als Star eines zeitgenössischen Stoffes. Mit "Nur eine Stunde Ruhe" aber geht er ein echtes Wagnis ein.

Danach sieht es zunächst gar nicht aus. Denn die Komödie von Regisseur Patric Leconte ("Mein bester Freund") verbirgt keine Sekunde, auf einem Stück fürs Boulevardtheater zu beruhen. Dessen Autor Florian Zeller zeichnet auch fürs Drehbuch verantwortlich. Das Jammern, das hier für Gelächter sorgen soll, ist im Milieu des französischen Großbürgertums auf sehr hohem Niveau angesiedelt. Umso lächerlicher wirkt es deshalb auch, wenn man mitansehen darf, wie verbissen die Hauptfigur darum kämpft, "Nur eine Stunde Ruhe" zu finden. Denn Leproux hätte gerne die Muße eine Jazzplatte mit dem - äußerst passenden, weil egozentrischen - Titel "Me, Myself And I" hören zu dürfen, die er gerade auf dem Flohmarkt erstanden hat.

Die Hindernisse für den Ohrenschmaus sind dabei hoch aufgetürmt. Die spanische Putzfrau Maria (Rossy de Palma) besteht darauf, das formidable Appartement der Leporux gründlich zu Ende zu saugen. Michels Frau Nathalie (Carole Bouquet) belästigt ihn mit der Frage, ob er sie wirklich liebe. Sein erwachsener Sohn Sébastien (Sébastien Castro) platzt plötzlich herein und informiert darüber, dass er im ehemaligen Dienstbotenzimmer unter dem Dach Flüchtlinge untergebracht hat. Zwei Handwerker schwer lokalisierbarer Herkunft bauen nicht nur lautstark das ehemalige Kinderzimmer von Sébastien um, sondern treffen dabei unglückseligerweise die Wasserleitung. Seine anlehnungsbedürftige Geliebte Elsa (Valérie Bonneton) und Nachbar Pavel (Stéphane De Groodt), der das Hausfest unbedingt bei Michel feiern will, rauben ihm den letzten Nerv. Doch es kommt noch dicker.

Grauhaarig, rüstig, mit vollen Wangen, eher stämmig als schlank, verkörpert Christian Clavier den selbstbewussten und genießerischen französischen Großbürger, der die weniger vom Leben Begünstigten gern mit Spott bedenkt. Der Zahnarzt erinnert an erzkonservativen, reichen, in Ehren ergrauten Notar, den Clavier in "Monsieur Claude und seine Töchter" spielte. Eine Figur, die ihren Rassismus als Wohlwollen missversteht, die Welt nicht mehr begreift, aber doch die Kontrolle behält, nicht zuletzt über das Glück seiner jüngsten Tochter. Sein Michel Leproux in "Nur eine Stunde Ruhe" folgt der Spur dieses Charakters deutlich - mündet aber in dessen absolute Demontage. Es ist ein entschlossener Stoß vom Sockel.

Geradezu atemlos verfolgt man, wie dieser Typ, nur weil er auf der Auszeit besteht, in der er seine Platte hören will, sein ganzes bisheriges Leben aufs Spiel setzt und immer mehr davon verliert. Schritt für Schritt büßt er die Macht über die Menschen seiner Umgebung ein, auch sein Geld hilft nicht mehr. Für dieses unerbittliche Entlarvungs-Schauspiel lohnt sich "Nur eine Stunde Ruhe" durchaus - trotz schablonenhafter Gags.

Quelle: teleschau - der mediendienst