The Prodigy

The Prodigy





"Wir bereuen nichts!"

25 Jahre ist es bereits her, dass The Prodigy ihre "Music For The Jilted Generation" auf die tanzenden Massen losließen. Mit ihrem aggressiven Soundentwurf aus beißenden Breakbeats mit Punk-Attitüde traf das britische Trio Anfang der Neunziger den Puls der Zeit, der mit über 140 Beats per Minute immer noch in den Herzen der Bandmitglieder Maxim Reality, Keith Flint und Liam Howlett schlägt. Im Interview anlässlich ihres neuen Albums "The Day Is My Enemy" sprechen die beiden Letzteren über Kompromisslosigkeit, Knöpfchendrücker-DJs und den Tod elektronischer Tanzmusik.

teleschau: Die Platte heißt "The Day Is My Enemy". Mit welcher Waffe bekämpft man diesen Feind am besten?

Liam Howlett: Mit Musik natürlich. Auf dem Album geht es um all das, was gerade um uns herum passiert - auch im Bereich der elektronischen Tanzmusik. Um darauf aufmerksam zu machen, brauchten wir einen aggressiven Ansatz. Die Szene ist in der Gewalt der Popindustrie, die all das aufweicht und verwässert, was wir all die Jahre aufgebaut haben. Und wir hatten das Gefühl, zu deren Befreiung aufrufen zu müssen.

teleschau: Der Song "Ibiza" richtet sich explizit gegen sogenannte Superstar-DJs wie David Guetta. Was ist Ihr konkretes Problem mit denen?

Howlett: Es nervt mich einfach, wie diese sogenannten DJs lediglich ihren USB-Stick an einen iMac anschließen und auf einen Knopf drücken. Das hat doch nichts mit DJing zu tun. Du gehst doch auch nicht mit einer Gitarre auf die Bühne und lässt dann alles vom Band kommen.

teleschau: Offensichtlich stört es aber weder diese sogenannten DJs noch ihr Publikum.

Howlett: Ja, die Masse schluckt es einfach, und das will mir nicht in den Kopf. Umso mehr liegt es mir am Herzen, auf diesen Missstand explizit hinzuweisen. Man darf den Leuten nicht alles durchgehen lassen. Diese Knöpfchendrücker machen unsere Kultur kaputt. Dagegen wehre ich mich.

teleschau: Sie haben mal gesagt, Sie sehen Musik als eine Form von Angriff. Besitzen Sie ein überdurchschnittlich hohes Aggressionspotenzial?

Howlett: Nein, wir sind keine aggressiven Menschen, auch wenn wir auf der Bühne so wirken mögen.

teleschau: Woher kommt dann die Aggressivität in Ihrer Musik?

Howlett: Ich habe Musik noch nie zum Entspannen gehört. Musik hatte für mich immer nur einen Zweck: mich aufzuwecken, zu pushen. Und das hört man auch bei The Prodigy.

teleschau: Ihre Platten besaßen immer eine Art Punk-Attitüde. Hatte Punk einen Einfluss auf Sie?

Howlett: Ich bin 1971 geboren, war also noch zu jung, um die Anfänge von Punk Mitte/Ende der Siebziger bewusst mitzubekommen. Aber ja: Dessen Attitüde haben wir verinnerlicht, die wurde aber auch in vielen anderen Musikgenres weitergetragen, ob im Rock, im Rap oder in der elektronischen Tanzmusik. Nehmen sie nur mal eine Rap-Combo wie Public Enemy: Die war von ihrer Attitüde her mehr Punk als manche Punkband.

teleschau: Punk war in den Siebzigern eine Reaktion auf die damaligen Umstände. Ist das bei The Prodigy heute auch so?

Howlett: Ja, auch wir reagieren mit unserer Musik auf das, was in der Welt vor sich geht und uns beschäftigt. Zudem ist unsere Musik ein Mischmasch aus den verschiedensten Einflüssen, und auch das ist letztlich ja Punk: Wir nehmen uns das, was wir wollen.

teleschau: Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, Dance Music sei tot. Meinen Sie, Sie können sie mit Ihrem neuen Album reanimieren?

Howlett: Nein, darin sehen wir nicht unsere Aufgabe. Wir arbeiten nicht auf Knopfdruck mit einem bestimmten Ziel vor Augen, auch wenn wir natürlich auf unsere Umgebung reagieren.

Keith Flint: Deshalb dauert es auch immer so lange, bis wir ein neues Album fertig haben - ein stetes Ärgernis für unsere Plattenfirma.

teleschau: Ist das so?

Howlett: Ja. Wir lassen uns halt nicht von unserer Plattenfirma reinreden. Wir schreiben ihr keine Hit-Singles, wir scheißen auf ihre Vorschläge, und wir halten uns auch nicht an vorgegebene Deadlines. Unser Label muss nehmen, was es kriegt.

teleschau: Haben Sie etwas gegen Kompromisse?

Howlett: Wenn es um unsere Musik geht: Ja. Und das hat sich ausgezahlt, ich meine: Wir sind immer noch da. Wobei uns Platten an sich gar nicht so sehr interessieren. Im Zentrum von The Prodigy stand stets die Bühne. Wir sind eine Live-Band. Unsere Songs sind nur Mittel zum Zweck, damit wir auf die Bühne können.

teleschau: In Anlehnung an Ihren Albumtitel: Haben Sie noch andere Feindbilder als den Tag?

Howlett: Nein. (grinst) Aber natürlich ist das nicht wortwörtlich zu verstehen. Der Tag steht für einen Geisteszustand, für eine Denkweise, für eine Form von gesellschaftlich anerkannter Ordnung, gegen die wir uns zwar nicht zwangsläufig auflehnen, aber die wir zumindest mal in Frage stellen wollen.

teleschau: Wird es mit den Jahren einfacher, eine neue Platte zu machen, oder schwieriger?

Howlett: Einfacher wird es nicht, denn du fängst immer wieder ganz von vorne an. Und es ist jedes Mal anders.

Flint: Sobald du meinst, einen Weg zu kennen, stellt er sich als Sackgasse heraus. Das ist immer so.

Howlett: Und das ist furchtbar frustrierend. Aber solange es dich noch frustriert, merkst du zumindest, dass noch dein Herzblut daran hängt. Wir wollen keine dieser Bands sein, die mit jeder Platte bloß ein einstiges Erfolgsrezept wiederholen. Es ist ja mittlerweile wahnsinnig einfach geworden, elektronische Musik zu machen - du brauchst dir dafür bloß ein Programm aus dem Internet runterladen. Doch die wirklich guten und innovativen Produzenten gehen immer noch einen Schritt weiter und versuchen, etwas anderes zu machen. Etwas, das sich von der Masse abhebt. Etwas mit Substanz. Das ist unser Anspruch.

teleschau: In diesem Jahr feiern Sie ihr 25-jähriges Bestehen.

Howlett: Es mag Leute geben, die das feiern - wir nicht. (lacht)

Flint: Das war uns gar nicht so bewusst, weil wir eine andere Zeitrechnung haben.

Howlett: Wir hangeln uns immer nur von Album zu Album, nicht von Jahr zu Jahr. Zudem liegt es uns nicht sonderlich, zurückzublicken und uns an vergangenen Zeiten festzuhalten. Wir sind eine vorwärtsgewandte Band. Sobald du dich an die Vergangenheit klammerst, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass du keine Ideen mehr hast. Dann ist es Zeit aufzuhören.

teleschau: Gibt es Karriereentscheidungen, die Sie gerne rückgängig machen würden?

Howlett: Nein. Selbst vermeintliche Tiefpunkte waren wichtig, um als Band daran zu wachsen.

Flint: Das Schöne ist ja: Unser Schicksal lag stets in unseren eigenen Händen. Jeden Fehler, den wir machten, hatten wir selbst zu verantworten. Deswegen können wir nach wie vor zu allem stehen - auch zu unseren Fehlern.

teleschau: Sie sind innerhalb der Band alle recht starke Charaktere ...

Flint: ... und das bewahrte uns stets vor faulen Kompromissen. Es gab immer starke Meinungen innerhalb der Band, sodass es nie wischiwaschi wurde. Keiner von uns ist ein Ja-Sager, der Entscheidungen nur aus Bequemlichkeit trifft. Insofern: Wir bereuen nichts!

The Prodigy auf Deutschland-Tournee:

11.04., Berlin, Velodrom

12.04., Hannover, Swiss Life Hall

05.06., Rock im Park / Rock am Ring

Quelle: teleschau - der mediendienst