Fabian Hinrichs

Fabian Hinrichs





Weg mit der Quote!

Man sieht es ihm vielleicht nicht auf Anhieb an, aber der eher unscheinbar wirkende Theater- und Filmschauspieler Fabian Hinrichs trägt durchaus eine gewisse Radikalität in sich. Dass es in dem 1974 in Hamburg geborenen Wahl-Berliner mithin brodelt, bekommt man im Gespräch nämlich immer dann zu spüren, wenn es um den Status seines Berufs und die Zusammenhänge von Kunst und Kommerz geht. Da kann der frischgebackene "Tatort"-Star schon mal mit sehr konkreten Forderungen, wie jener, "dass die Quote abgeschafft gehört", auf den Punkt kommen - wohlwissend, dass auch nach der Premiere des neuen "Franken-Tatort" am Sonntag, 12. April, 20.15 Uhr, im Ersten, wieder allzu viele Menschen nur auf die Quote schauen werden. Hinrichs, der im Fall "Der Himmel ist ein Platz auf Erden" seinen Dienst als in Nürnberg ermittelnder Hauptkommissar Felix Voss antritt, gibt auf die Quote ebenso wenig wie auf die Popularität: "Wenn ich einfach meinen Job mache und eine Rolle spiele, heißt das nicht, dass ich an der Eisdiele Selfies schießen muss", sagt der sympathische Charakterdarsteller unumwunden.

teleschau: Jede Woche schauen zwischen sieben und zwölf Millionen Menschen in Deutschland den "Tatort". Ab April speichert dieses Achtel der Deutschen Sie als "Tatort"-Kommissar Voss ab. Damit sind Sie Allgemeingut.

Fabian Hinrichs: Meinen Sie? Diese öffentliche Wahrnehmung muss ich beobachten. Wenn das so ist, dass ich erkannt werde, laufe ich beim Ausflug mit der Familie eben mit Sonnenbrille und Hut rum. Ich finde das nicht toll und mag Sonnenbrillen auch nicht, aber nur weil ich "Tatort"-Kommissar bin, heißt das nicht, dass ich kein Anrecht auf ein Privatleben hätte. Da wird bisweilen etwas verwechselt.

teleschau: Wie lässt sich das beeinflussen?

Hinrichs: Das liegt auch an mir und an dem, was ich preisgebe. Ich mache nur in Ausnahmefällen Interviews mit People-Magazinen und Boulevard-Zeitungen. Ohne mich bebildern die das ja mit jemand anderem. Ich glaube, langfristig wäre der Preis zu hoch.

teleschau: Ist die Popularität nicht Teil des Berufs?

Hinrichs: Wenn ich einfach meinen Job mache und eine Rolle spiele, heißt das nicht, dass ich an der Eisdiele Selfies schießen muss. Das sehe ich überhaupt nicht so.

teleschau: Mit der Wahrnehmung steigt auch das Maß an Kritik. Die kommt mittlerweile nicht mehr nur aus den Medien oder auch aus dem Kollegenkreis, sondern auch vom anonymen "Jedermann" aus dem Netz, der per Kommentar, Facebook-Post oder Tweet Meinung öffentlich äußert, teilweise auch unqualifiziert. Wie gehen Sie damit um?

Hinrichs: Früher habe ich bei meinen Indie-Filmen und Theaterstücken immer sofort die Kritiken gelesen, habe das nachts gegoogelt und war auch teilweise verletzt. Ich bin nicht unabhängig von der Öffentlichkeit. Ich habe einen Beruf, der auf Resonanz beruht. Es wäre eine Lüge zu behaupten, die Resonanz wäre mir egal. Im Theater habe ich auch radikale, sehr karge Sachen gemacht, von denen einige nicht gut ankamen, genau wie Stücke, die den Leute gefallen haben. Beides kann ich vertreten. Irgendwann habe ich mir das gleich Gucken abgewöhnt und eine Zwei-Monats-Frist im Kalender auferlegt. Im Theater wollte ich nicht, dass meine Auftritte dadurch gefärbt werden.

teleschau: Sind Sie da auch eitel?

Hinrichs: Ganz sicher. Die Frage ist aber, worin die Eitelkeit besteht. Eitelkeit ist auch so ein Begriff. Ich finde, kaum eine Berufsgruppe ist so eitel wie die Ärzteschaft beispielsweise oder Architekten. Das würde man ja erst einmal gar nicht denken. Bei Schauspielern ist das auffälliger, weil sich Extrovertiertheit oft mit Blödheit paart. Das ist eine ungute Mixtur und so augenfällig. Das heißt nicht, dass ich mich für den schlausten Typen halte. Schaut man genauer hin, findet man viele narzisstisch belastete Berufsgruppen. Ich finde es zu einfach zu sagen: Der tritt auf, deshalb ist das ein selbstbezogener Beruf. Es gibt Schauspieler - auch welche, die ich schätze -, die das kolportieren in Interviews, die sagen, die Schauspielerei ist der eitelste Beruf der Welt. Das sehe ich nicht so. Man nimmt ja nicht nur, man gibt auch. Mir ist auch nicht so wichtig, wie ich aussehe im Film. Meistens sehe ich mir meine Filme gar nicht an. Mir fehlt die Distanz, um sie zu beurteilen.

teleschau: Was stresst Sie an Ihren Filmen?

Hinrichs: Thomas Bernhard schrieb mal, dass auf Fotos festgehaltene Freude das Schlimmste sei. Bei bewegten Bildern ist das wahrscheinlich etwas Dissoziatives, ein eigenes Bild passt nicht mit dem zusammen, was man sieht. Ich versuche aber, ein entspannteres Verhältnis zu diesem Phänomen zu entwickeln, um mir professionell meinen Film ansehen zu können, ohne Ausschlag zu kriegen oder hektische Flecken. Grundsätzlich gilt aber: Ich mache Filme nicht, um mir Filme von mir anzusehen, sondern aus anderen Gründen.

teleschau: Zum Stichwort Soziale Netwerke: Ihre Gastrolle im "Tatort"-Krimi "Der tiefe Schlaf" aus München führte zur Facebook-Aktion "Wir wollen Gisbert Engelhardt zurück". Wie haben Sie das wahrgenommen?

Hinrichs: Ich war damals im Urlaub in Myanmar und habe davon nichts mitbekommen. Im Nachhinein hat mich das ungemein gefreut. Für mich war jetzt jedoch wichtig, dass das, was ich mache, damit nicht viel zu tun hat. Das war wunderbar geschrieben, die Rolle war besonders. Aber das fortzuführen, wäre absurd, darum ging es ja - um den Tod des Gisbert.

teleschau: Sie spielen im "Franken-Tatort" einen von zwei Kommissaren, die nicht aus Franken kommen. Kann man kann die Eigenarten der Region durch eine Fremdheit der Figuren deutlicher zeigen?

Hinrichs: Ich habe gehört, einige fränkische Lokalpatrioten waren enttäuscht, dass die Hauptermittler keine Franken sind. Ich glaube, dass der Kontrast zwischen den Franken und den Nicht-Franken dadurch größer und sichtbarer wird. Dagmar Manzel kommt aus der Lausitz, ist aber schon länger da und ich aus dem Norden.

teleschau: Max Färberböck, der Regisseur von "Der Himmel ist ein Platz auf Erden", sprach von "Spannungen, die er in Nürnberg spürt". Können Sie das bestätigen?

Hinrichs: Franken war eine sehr einflussreiche Gegend, was sich im Lauf der Geschichte nun ein wenig verändert hat. Ich empfinde Nürnberg fast als paradigmatisch für Deutschland, mit seiner wechselvollen, teilweise düsteren Geschichte. Das bildet die Architektur ab, zum Beispiel in der Kaiserburg, und du siehst den besonderen, roten Sandstein in der Altstadt. Das ist für Leute aus Berlin oder Hamburg schon sehr fremd. Dazu die Leichname des Strukturwandels, wie Grundig, AEG oder Quelle, die waren da alle. Einer der Taxi-Fahrer war bei Grundig Elektro-Facharbeiter, was sollen die machen, nachdem Grundig weg ist? Die können keine PC-Arbeit. Nürnberg hat eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Bayern und gleichzeitig einen hohen Anteil an Zuwanderung und Migranten. Eine der Anforderungen der Zukunft ist es, eine erhöhte Zuwanderung als Realität anzuerkennen und damit umzugehen. Das sorgt für Spannungen, weil Deutschland nicht soweit ist. Deutschland ist noch kein Einwanderungsland.

teleschau: Sie kommen aus einer Polizisten-Familie und wissen, wie Polizei-Arbeit funktioniert. Konnten Sie davon etwas für die Rolle gebrauchen?

Hinrichs: Ich habe da gar nichts übernommen. Wahrscheinlich habe ich aber einen klareren, hoffentlich klischeefreien Blick auf Polizei. Das heißt nicht, dass ich das alles umsetzen kann. Mein Vater war ja auch nicht bei der Kriminalpolizei, und mein Bruder ist es auch nicht.

teleschau: Ziehen Sie beruflich eine Grenze zwischen Unterhaltung und Kunst?

Hinrichs: Der Schauspielberuf ist im Film ein gefährdeter Beruf. Da gibt es immer weniger Raum. Bei dem "Tatort" war das nicht der Fall, der BR und besonders die Redakteurin Stephanie Heckner schaffen ungewöhnlich gute Bedingungen, aber natürlich auch, weil Max Färberböck ein Schauspiel-Narr ist, er liebt Schauspieler und verachtet sie nicht. Er geht fordernd mit ihnen um, respektiert aber den Beruf. Es gibt Leute, die sehen in Schauspielern Hindernisse für ihr Regie-Konzept und Leute mit lästigen aber verwertbaren Neurosen. Oft gibt es wenig Zeit für Proben. Daran sind die Schauspieler auch beteiligt, indem sie Geld für Proben haben wollen. Man müsste mehr Proben und mehr Drehtage haben. Für den "Tatort" waren früher mal 28 Tage vorgesehen, dann 26, dann 25 ... Beim Bayrischen Rundfunk haben wir 23, das geht noch. Aber es ist ja nicht weniger Geld im System, nur wird es anders verteilt.

teleschau: Also kommt die Kunst zu kurz?

Hinrichs: Sozialversicherungsrechtlich ist die Schauspielerei kein künstlerischer Beruf. Ich kann nicht in die Künstler-Sozialkasse. Rein rechtlich bin ich angestellt und weisungsgebunden. Das heißt, ein Produzent kann mir vorgeben, wie ich die Rolle ausgestalten soll. Das ist ein Standardvertrag, und der ist heftig. Per se ist das kein künstlerischer Beruf, damit er einer sein kann - de facto, nicht für die Versicherung - braucht man Raum für Selbstständigkeit. Ist dafür keine Zeit oder kein Raum, um sich auszuprobieren, bist du ausschließlich dem Druck ausgesetzt, möglichst schnell konsumerable Ergebnisse abzuliefern. Wir brauchen mehr Raum für Schauspiel und den Schauspielberuf.

teleschau: So könnte dann auch Film zu Kunst werden?

Hinrichs: Genau, das sieht man Filmen und Serien an, wenn dieser Raum da ist. Die darstellende Kunst hat die Aufgabe, zum Spiegel zu werden. Der Zuschauer erkennt darin die Welt, sich selbst, eine Wahrhaftigkeit. Dadurch lernt er im besten Fall Empathie und bekommt Mitgefühl und ein Verständnis für Zusammenhänge, für Nöte, für seine Umwelt, für Beziehungen. Das kann die Kunst nur, wenn die Darstellung so eindrücklich ist und die Potenz hat, zum Symbol zu werden. Dann ist es vielleicht Kunst. Damit das überhaupt möglich ist, braucht man Begabung, Raum und Zeit. Sonst stellt man nur ein Angebot zur Zerstreuung her. "Harry und Sally" ist Kunst, genau wie "Die nackte Kanone". Radikalerer Nonsens als "Die nackte Kanone" ist schwer zu finden. "Harry und Sally" ist so radikal sentimental, so radikal leicht, das ist große Kunst, nicht nur Antonionis "Blow up".

teleschau: Wo liegt das Problem der Öffentlich-Rechtlichen?

Hinrichs: Erst mal denke ich, dass die Quote abgeschafft gehört. In der Hinsicht bin ich Adorno-Schüler. Nach Auschwitz muss man die Leute und sich selber zur Mündigkeit erziehen. Das muss nicht gleichbedeutend damit sein, dass ein Film primär politisch ist. Es muss kein Film über den Mindestlohn oder Verteilungsgerechtigkeit sein.

teleschau: Was sollte man noch ändern?

Hinrichs: Das Geld anders verteilen, zum Beispiel von der Sportberichterstattung, von den Volksmusik- und Kochsendungen, von Rosamunde Pilcher was wegnehmen und in politische Sendungen und fiktionale Formate stecken, Autorenkollektive fördern. Alle reden über Writersrooms, das öffentlich-rechtliche Fernsehen könnte das leisten, wenn es keine Quote gäbe. Anschließend könnte diskutiert werden, ob der Film gut oder schlecht war - auch in den Medien. Aber alles wird von dieser merkwürdigen Quote diktiert. Die Programme werden stark danach ausgerichtet. Das Überleben einer Sendung hängt davon ab. Es geht nicht darum, ob die Sendung gut ist und man vielleicht einen langen Atem beweisen muss, auch wenn das nur 800.000 gucken.

Quelle: teleschau - der mediendienst