Cobain: Montage Of Heck

Cobain: Montage Of Heck





Entmystifizierung einer Legende

"It's better to burn out than to fade away" - eine Liedzeile, die weniger durch ihren Schöpfer Neil Young Berühmtheit erlangte, als durch den Abschiedsbrief einer Ikone: Vor 21 Jahren erschoss sich Kurt Cobain, bereits damals Legende, in seinem Haus in Seattle. Auch für Teenager-Generationen danach repräsentierte der Nirvana-Frontmann verzweifeltes Aufbegehren und intensives Leiden an der Welt. Viele Dokumentationen widmeten sich dem Faszinosum Cobain vor allem plakativ: als jesushafter Erlösergestalt, aufständigem Rockrebellen oder heroinsüchtigem Junkie. Brett Morgans "Cobain: Montage Of Heck" wählt einen anderen Weg: Künstlerisch nähert sich die Collage durch Interviews, Animationen und unveröffentlichte Privataufnahmen einer ambivalenten Figur - und schafft es, diese zu entmystifizieren.

"Montage of Heck" nannte der junge Kurt Cobain ein Mixtape, auf dem er Songschnipsel, Alltagsgeräusche und allerlei verstörende Sounds zu einer recht bizarren Collage vermengte. Brett Morgen, der seine Dokumentation nach dem Tape benannte, unterlegt die wütenden wie rauschenden Aufnahmen mit Bildern: Gefühlvoll animiert von Stefan Nadelman und Hisko Hulsing, sieht man den dünnen blonden Jungen in seinem Zimmer an jenen Tönen und Gefühlsausdrücken werkeln, die kurze Zeit später nicht nur die Subkultur revolutionieren sollten.

Beeindruckend gelingt es Morgen, der Kreativität und Weltwahrnehmung Cobains gerecht zu werden - vor allem, weil sich seine außergewöhnliche Dokumentation an der Form der "Montage aus der Hölle" orientiert: Fernsehbilder, die den gesellschaftlichen Geist der Zeit überspitzt aufgreifen, verbinden sich mit irritierenden Videos von Natur und Innereien als Visualisierung der chronischen körperlichen Schmerzen Cobains. Dazu erwachen die bisweilen Furcht erregenden Zeichnungen und Skizzen des psychisch labilen Stars grandios animiert zum Leben, ebenso wie seine Notizen, Lied- und Textentwürfe.

Beinahe psychedelisch anmutend blickt man auf diese Weise nicht nur auf Cobain, sondern blickt mit ihm, dem sensiblen, nuancenreichen Charakter, auf die Welt. Von seiner Kindheit in der Provinz Aberdeens, über den Ausbruch aus dem Redneck-Mief bis zur plötzlichen Transformation zum weltgrößten Rockstar seiner Zeit fokussiert die vielschichtige Experimentaldoku Cobain immer nah, intim - und reflektiert. Klug und empathisch kombiniert Morgen diese zeitweise wirklich nahegehende Sicht eines hochintelligenten Genies mit unaufgeregten Interviews: Zu Wort kommen musikalische Begleiter wie Nirvana-Bassist Krist Novoselic ebenso wie Cobains Eltern, eine Ex-Freundin sowie seine Witwe Courtney Love. Allen lässt der Film viel Raum für Schweigen.

Love war es auch, die gemeinsam mit der an der Produktion beteiligten Tochter Frances Bean und der Cobain-Familie erstmals jene Archiv-Aufnahmen in vollem Umfang freigab, die "Montage of Heck" zum wahren Juwel geraten lassen: Nicht nur zeigen sie einen engelsgleichen, blonden Kurt bereits als Kleinkind musizieren, nicht nur geben Familien-Homevideos und Kinderzeichnungen Einblick in eine unkonventionelle, aber gar nicht so traumatisierende Kindheit. Vor allem die Aufnahmen von Courtney und Kurt, als Kleinfamilie mit Frances oder nackt herumalbernd im Bad, helfen dabei, gewaltigen Mythen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

So präsentieren sich die beiden liebevoll im Umgang miteinander und überaus selbstironisch in Bezug auf ihre mediale Wahrnehmung als neue Yoko und John oder Sid und Nancy. "Warum bist du nochmal die meistgehasste Frau Amerikas zur Zeit?" fragt Kurt beispielsweise sarkastisch, während er sich die Zähne putzt. Die hartnäckige Legende, die Courtney Love als böse Unterdrückerin Cobains imaginierte, wird durch die beiläufigen Videos ad absurdum geführt. Doch "Montage Of Heck" romantisiert oder verharmlost auch nicht: Cobains Schmerzen und Heroin-Sucht beleuchtet Morgen vorsichtig, doch ausführlich.

So mancher wird die intimen Momente und banalen Szenen aus dem Alltag womöglich als weitere Ausschlachtung des Mythos Cobain wahrnehmen. Doch das ginge an dem zarten Porträt meilenweit vorbei: "Montage Of Heck" suhlt sich nicht in lüsternem Voyeurismus, sondern dekonstruiert selbigen. Der Medienblick auf Cobain wird gewendet zur Kritik am medialen Rausch, seine Vergötterung als rebellierender Rockstar zur sanften Annäherung an einen zweifelnden und später verzweifelten Menschen. "Montage Of Heck" bringt uns Cobain in dessen eigener Sprache näher als je zuvor.

Quelle: teleschau - der mediendienst