Florian Stetter

Florian Stetter





An der Grenze des Menschlichen

Die Neuverfilmung des KZ-Romans "Nackt unter Wölfen" galt schon im Vorfeld als eine der wichtigsten und engagiertesten Projekte des Fernsehjahres 2015. Und tatsächlich ist Regisseur Philipp Kadelbach nach "Unsere Mütter, unsere Väter" wieder ein großer Wurf gelungen. "Nackt unter Wölfen" (Mittwoch, 1. April, 20.15 Uhr, ARD) beschreibt die letzten Wochen im Konzentrationslager Buchenwald vor seiner Befreiung im April 1945. Der Film erzählt pathosfrei, aber in drastischen Bildern und mit großer emotionaler Wucht vom Versuch einer Gruppe politischer Häftlinge, ein ins Lager geschmuggeltes jüdisches Kind zu verstecken. Eigentlich eine Mission Impossible. Der 37-jährige Florian Stetter ("Die geliebten Schwestern", "Nanga Parbat") spielt den inhaftierten Kommunisten Hans Pippig, dem im Laufe des Films die Aufgabe zuteil wird, sich mit allem, was er hat, um das Kind zu kümmern.

teleschau: Wie kann man sich auf eine Rolle als KZ-Häftling vorbereiten?

Florian Stetter: Es war nicht leicht. Mir hat vor allem geholfen, dass wir in Köln einen noch lebenden ehemaligen Insassen von Buchenwald getroffen haben. Er hat auch die letzten Wochen dort miterlebt, die wir im Film erzählen. Was er sagte, hat mich extrem berührt Ich habe plötzlich ein Gefühl von dieser Depression bekommen, die dort herrschte. Die sich auch durch den Hoffnungsschimmer auf eine baldige Befreiung nicht aufhellen ließ. Letztlich waren die Erlebnisse so drastisch, dass selbst nach der Befreiung des Lagers kein Gefühl der Erleichterung eintrat. Ich denke, das will unser Film auch zeigen.

teleschau: Für Sie als Schauspieler ging es also vor allem darum, sich in diese bestimmte Stimmung zu versetzen?

Stetter: Ja, schon. Ich bin ein sehr visueller Typ, und es gibt ja viel über Buchenwald, das man sich ansehen kann. Mir hat auch die Auseinandersetzung mit unserer Kostümfrau und dem Maskenbildner sehr geholfen, die sich akribisch mit dem Leben in Buchenwald auseinandersetzten. In der Kostümabteilung hingen ganz viele Fotos von Häftlingen, die ich mir immer wieder lange ansah. Ich habe versucht, in den Gesichtsausdrücken zu lesen. Auch das hat mir einen Zugang verschafft.

teleschau: Welche Stimmung haben Sie da aufgenommen, die Sie in der Rolle transportieren wollten?

Stetter: Ich habe gespürt, aber auch aus Erfahrungsberichten gelernt, dass die Stimmung im Lager keineswegs immer nur traurig war. Viele Insassen verhielten sich sehr pragmatisch. Zumindest musste man so drauf sein, wenn man länger überleben wollte. Wer ins KZ kam, musste sich ganz schnell einen Plan zurechtzulegen, der ein längeres Überleben begünstigte. Wenn man nur einen Fehler machte, war man ganz schnell weg. Jeder Tag, den man überlebte, nährte ein Stück weit die Hoffnung, dass man die Befreiung erlebt. Zumindest in dieser Spätphase von Buchenwald, die wir im Film schildern.

teleschau: Welche Fehler konnte man als Häftling machen?

Stetter: Da gab es vieles. Wenn du zum Beispiel nicht rechtzeitig beim Appell warst, die Stube nicht richtig gefegt hattest oder deine Schlafliege nicht ordentlich gemacht war. Oder wenn dir ein Stein zu schwer war im Steinbruch. Oft reichte schon ein leichtes Zögern, um aussortiert und nach Auschwitz gebracht zu werden. Wir reden hier über die Jahre 1944 und 1945. Davor hatte man die Juden im "Kleinen Lager" von Buchenwald inhaftiert und später in Auschwitz umgebracht. In der Endphase gingen in Buchenwald auch die Öfen an. Dann hat man alles gleich da gemacht.

teleschau: Gab es, bei aller Schikane, dennoch eine Art Regelwerk, dessen Befolgung einem das Überleben sichern konnte?

Stetter: Ja, wenn man stark, gesund und geschickt war, hat das die Chancen deutlich erhöht. Es gab einen Kodex, an den man sich als politischer Häftling halten konnte. Dazu gehörte, dass man unscheinbar, unauffällig agierte. Politische Häftlinge wie meine Figur hatten ja auch Aufgaben im Lager. Das hat viele auch irgendwie am Leben und in der Realität gehalten. Das alles gilt aber nicht für die jüdischen Häftlinge aus dem "Kleinen Lager". Die hatten keine Chance zu überleben. Sie haben nur auf den Tod gewartet.

teleschau: Der Film zeigt auch die pragmatische Zusammenarbeit zwischen Nazis und Gefangenen. Ein nicht unwichtiges Detail, das man bisher in kaum einem Film aus dem KZ gesehen hat.

Stetter: Es gab diese Zusammenarbeit tatsächlich. Dass der Film dies zeigt, ist meiner Meinung nach eine besondere Stärke. Die Welt der Gefangenen war fast ebenso hierarchisch organisiert wie die der Aufseher. Es gab Lagerälteste und andere Gruppenführer unter den Häftlingen. Diese Leute trugen die Verantwortung für die anderen Häftlinge. Sie haben natürlich auch mit den Nazis "gedealt", um schwächere Mitglieder ihrer Gruppe zu schützen. Da wurde dann durchaus mit der Lagerleitung verhandelt. Diese Details beschreibt übrigens auch die Neuauflage des Romans von Bruno Apitz. Im alten DDR-Film von Frank Beyer durften solche Dinge nicht erzählt werden, sie waren auch im Roman gestrichen worden.

teleschau: Der Film ist drastisch, aber auch ziemlich nüchtern erzählt. Ist das die passende ästhetische Mischung für diesen harten Stoff?

Stetter: Ja, ich denke schon. Als ich das Drehbuch las, war für mich klar, dass ich das mache. Ein Film, der komplett im KZ spielt, verleitet natürlich zu einem gewissen Pathos in der Erzählweise. Dass dies komplett wegfällt, fand ich sehr wichtig. Die Machart hat eine gewisse Bescheidenheit. Man versucht, filmisch eine absolute Extremsituation des Lebens nachzuvollziehen. Der Film maßt sich aber nicht an, darüber zu urteilen oder eine Realität abbilden zu wollen. Das hat mir gefallen.

teleschau: Es gibt Schauspieler, die sagen, es ist leichter, drastische Szenen zu spielen als einen leisen Moment. In "Nackt unter Wölfen" gibt es eine unglaubliche Szene, in der sie alles dafür tun, um von Wachposten erschossen zu werden. Um einem Kind das Leben zu retten ...

Stetter: Ja. Und ich empfand diese Szene alles andere als leicht. Es geht ja darum, dass man eine bewusste Entscheidung fällt, sein Leben zu opfern. Ich hatte durchaus Angst vor dieser Szene. Mir half, dass wir die etwa um fünf Uhr morgens gedreht haben. Da ist man schon so durch, dass man dem Wahnsinn dieses Aktes durchaus näher steht als sonst. Ein anderer Regisseur hat mal zu mir gesagt, ich sei am besten, wenn ich müde bin. Vielleicht hatte er Recht. Es ist sicher von Vorteil, wenn man als Schauspieler nicht zu sehr verkopft ist. Wenn man sich in manchen Szenen wie dieser einfach fallen lässt, ganz ohne Absicherung.

teleschau: Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, was der Film beim Zuschauer bewirken soll - was wäre das?

Stetter: Ich wäre schon zufrieden, wenn sich die Menschen den Film einfach nur ansehen und sich ihre eigene Meinung dazu bilden. Sich dem Grauen auszusetzen, das wir da erzählen, ist ja auch schon eine Anerkennung dessen, was Menschen im KZ erlebt haben. Andererseits finde ich, dass man sich diesen Film auch ansehen kann, ohne sich gequält zu fühlen. Einerseits ist er spannend und von Regisseur Philipp Kadelbach filmisch ganz toll umgesetzt. Andererseits transportiert er auch eine Botschaft der Hoffnung. Die lautet, dass, wenn man die Initiative ergreift, man selbst in einer scheinbar hoffnungslosen Situation etwas erreichen kann. Die Häftlinge in Buchenwald und anderen Konzentrationslagern haben auf sich selbst und auf andere aufgepasst. So, dass manche von ihnen aus eben diesem Grunde überlebt haben. Und das im denkbar menschenverachtendsten System, das wir uns vorstellen können. Ich finde, so etwas macht schon Hoffnung und führt dazu, dass Menschen eben auch drastische Bücher und Filme wie "Nackt unter Wölfen" lesen und ansehen.

Quelle: teleschau - der mediendienst