Tom Schilling

Tom Schilling





Der nachdenkliche Dauerjüngling

Vor wenigen Jahren noch zählte man ihn zur Generation der "jungen Wilden", der vielversprechenden Talente des deutschen Films. Inzwischen hat Tom Schilling die 30 längst überschritten und als auch international begehrter Schauspieler den Status des Nachwuchskünstlers hinter sich gelassen. Dennoch: Mit seiner noch immer teenagerhaften Erscheinung und introvertierten Art wird Schilling die ewige Rolle des nachdenklichen Jünglings so schnell nicht ablegen können. Nach der hochgelobten und mit dem Deutschen Filmpreis prämierten Darstellung eines gescheiterten Studenten in "Oh Boy" gibt der 33-Jährige in seinem neuen Film "Tod den Hippies - Es lebe der Punk!" (Kinostart: 26. März) gar einen Abiturienten. Immerhin aber einen, der zum sinnlosen Exzess neigt.

Seit Anfang der Nullerjahre weist die Karriere dreier Altersgenossen der deutschen Schauspielriege steil nach oben: Während Matthias Schweighöfer als einer davon mit albernen wie harmlosen Komödien mittlerweile ein Millionenpublikum in die Kinos zieht und Robert Stadlober sich in den letzten Jahren wieder verstärkt auf das Theater konzentrierte, wandelte sich Tom Schilling nur dezent, beinahe unmerklich. Noch immer gilt er neben den beiden extrovertierten Schönlingen als der stille Intellektuelle und nachdenkliche Melancholiker.

Von Beginn an manifestierte sich diese Wahrnehmung im Vergleich zu seinem ewigen Konkurrenten Stadlober, mit dem er mittlerweile eng befreundet ist: Früher seien die beiden "ziemlich häufig bei denselben Castings gewesen. Ich habe Roberts Erfolg damals ausschließlich auf seine extrovertierte Art zurückgeführt. Es hat mich wahnsinnig genervt", verriet Schilling in einem Interview mit der "Glamour". "Ich saß mit meinem Walkman in der Ecke und habe die Fresse nicht aufgekriegt."

Schilling, der Stille, der Zerbrechliche - "Dieses Etikett klebt an mir. Ist auch ein wichtiger Bestandteil des Schauspiels: Dass man sich angreifbar macht", erzählte er einmal im Interview mit der "Neon". Zu diesem Bild trägt natürlich bei, dass er über sein Privatleben nicht viel erzählt. "Ich bin glücklich mit meinem braven Leben", so Schilling, der gemeinsam mit seiner Freundin im neobürgerlichen Prenzlauer Berg lebt, wo er auch schon als DDR-Kind wohnte. Grufti sei er mal gewesen, auch Punk, aber alles "halbherzig". "Ich bin keiner, der mit breiter Brust in den Szeneclub marschiert", sagt der "Rammstein"-Hörer von sich.

Tatsächlich stand der markante Junge mit dem ernsten Blick auch schauspielerisch zunächst im Schatten: Seine erste große Kinorolle spielte Schilling in "Crazy" recht unauffällig an der Seite des umjubelten Hauptdarstellers Stadlober. Es war der Film seiner Generation und bescherte dem aufstrebenden Schilling, der ursprünglich Malerei studieren wollte, den Bayerischen Filmpreis. Nach dem Abitur ging es für den 1982 in Ost-Berlin geborenen Sohn zweier Kartografen geradewegs in die Oberetage des jungen deutschen Kinos. In der New-Wave-Hommage "Verschwende deine Jugend" spielte Schilling 2003 erneut mit Stadlober; seine fantastische Rolle im Nazidrama "Napola" bescherte ihm 2004 den Österreichischen Filmpreis und 2006 ein Stipendium am Lee-Strasberg-Studio in New York. Leicht fiel ihm die Zeit im Big Apple nicht: "Vor dem Abflug habe ich so viel geheult wie noch nie. Ich sollte für 1.500 Euro in einer Kakerlakenbruchbude in der Lower East Side wohnen. Und kannte dort niemanden".

Was für Schilling damals Erwachsenwerden bedeutete, legte auch die Weichen für die künstlerische Linie, die sein Werk prägen sollte: Die grandios glaubwürdige Verkörperung junger Menschen, die voller Übermut und Ideale oder als früh Gescheiterte und verzweifelte Unverstandene in völlig verschiedenen Zeiten der (deutschen) Geschichte erwachsen werden. So arbeitete der ambitionierte Jungstar in "Agnes und seine Brüder" sowie "Elementarteilchen" von Oskar Roehler, mit dem er auch sein neuestes Werk drehte, die familiär-sexuellen Verunsicherungen junger Menschen auf.

Überhaupt ist die Funktion und Psyche des Heranwachsenden im größeren Kontext ein gewichtiges Thema für den großen Hermann-Hesse-Fan. Historisch gewichtige Zeiten haben es Schilling dabei insbesondere angetan: Nach "Napola" beschäftigte er sich mit dem Jungsein in der Nazizeit auch in "Die letzte Schlacht" (2005) und im TV-Kriegsdrama "Unsere Mütter, unsere Väter" (2013), für das er einen Bambi erhielt. In "Mein Kampf" spielte Schilling 2009 gar Adolf Hitler persönlich und mit Josef Bachmann, dem Attentäter von Rudi Dutschke, verkörperte er im RAF-Thriller "Der Baader Meinhof Komplex" eine weitere historische Figur.

Die Rollen sucht er sich dabei sehr bewusst aus, sagt Schilling: "Dahinter steckt aber keine prinzipielle Haltung des Wählerischseins, sondern nur mein ganz profaner Selbsterhaltungstrieb". Maßstab ist ihm dabei vor allem inhaltliche wie künstlerische Qualität: "Ich habe irgendwann begriffen, dass ich ohne ein gutes Drehbuch und ohne einen guten Regisseur selbst niemals gut sein kann." Eine Haltung, die sich offenbar rentiert: Für seine Hauptrolle als Studienabbrecher im Drama "Oh Boy" erhielt Schilling 2012 den Deutschen Filmpreis als bester männlicher Hauptdarsteller und wurde 2014 für den Europäischen Filmpreis nominiert.

Mit "Oh Boy" gelang Schilling eine Paraderolle: In Schwarz-Weiß schleicht er stilvoll und ziellos durch Berlin. Ein Dandy ist Schilling auch privat, einer, der Anzüge ironisch gebrochen trägt: "Auf Partys werde ich entweder dafür angemacht, wie ein Versicherungsazubi rumzulaufen, oder als Pseudodandy beschimpft." Dabei ist sein großes Vorbild Nick Cave, "der Überkünstler", wie er sagt - "Er beweist, dass Anzüge die beste und zeitloseste Art sind, sich zu kleiden." Dennoch - oder deswegen - gibt er gern den Außenseiter im deutschen Film: Im Hackerthriller "Who Am I - Kein System ist sicher" genauso wie jetzt in der grotesken Punkhommage "Tod den Hippies" und der für 2016 geplanten Verfilmung des Christian-Kracht-Bestsellers "Imperium".

Doch es scheint, als zöge es den zweifachen Vater in Richtung des internationalen Films, als würde er der deutschen Filmprovinz langsam, aber sicher entfliehen: Im amerikanisch-britischen Kunstdrama "Woman in Gold" und im britisch-französisch-kanadischen Weltkriegsfilm "Suite française" wird Schilling 2015 erstmals, wenn auch in Nebenrollen, in nicht-deutschen Produktionen zu sehen sein. Zeit wird es. Schließlich sind nachwachsende Talente wie David Kross und auch Newcomer seiner Generation wie Alexander Fehling schon länger international zugange. Sicher ist: Mit seiner wunderbar brüchigen Stimme, dem jungenhaft glatten Gesicht und der in sich gekehrten doch rebellischen Dandy-Attitüde wird Tom Schilling auch außerhalb Deutschlands wieder den trotzig-nachdenklichen Jüngling geben.

Quelle: teleschau - der mediendienst