Tommy Krappweis

Tommy Krappweis





Von Wünschelrutengängern und Zockern

Sänger in einer Band, Buchautor, Erfinder von "Bernd das Brot", Moderator und Spielemacher: Tommy Krappweis ist ein Multi-Talent. Mit "Mara und der Feuerbringer" (Kinostart: 2. April) liefert er nun seine erste Regiearbeit ab, für die er nicht nur das Drehbuch schrieb, sondern auch schon die Romanvorlage lieferte. Der 44-jährige Münchner wagt sich an das Fantasy-Genre heran und bricht dabei mit üblichen Konventionen. Er verzichtet etwa bewusst darauf, seine Titelfigur als glattgebügelten, niedlichen Teenager anzulegen, was auf persönlichen Erfahrungen beruht, wie er im Interview verrät.

teleschau: Sie hatten eine einmalige Chance: Sie führten nicht nur Regie, sondern schrieben gleichzeitig auch das Drehbuch und die Romanvorlage. Wie nahmen Sie die besondere Situation wahr?

Tommy Krappweis: Naja - wenn das nicht funktioniert, bin ich auf jeden Fall erst einmal alleine schuld und dann kommt ganz lang niemand! (lacht) Aber das bin ich gewohnt, das ist halt so, wenn man mit vielen anderen Leuten Dinge umsetzen möchte, die man selbst erfunden hat.

teleschau: Beim Lesen von einem Buch hat man immer ganz eigene Vorstellungen, wie all die Landschaften und Figuren aussehen. Konnten Sie Ihre Vorstellungen eins zu eins im Film umsetzen oder mussten Sie Abstriche machen?

Krappweis: Das Schwierige ist natürlich, dass wie in jedem Buch so viel mehr Informationen und Bilder stecken, die man nicht alle in einem Film unterbringen kann. Das erschütterte mich aber nicht, ich wusste es ja von Anfang an. Zudem: Wenn man in Deutschland einen Fantasy-Film drehen möchte, muss man mit einem vergleichsweise knappen Budget klarkommen. In Hollywood verbraten sie dafür locker mal das Zwanzigfache. In der Drehbuchphase fliegen also das erste Mal die Fetzen, wenn es heißt: "Nein, das muss jetzt einfach raus!" Zum Glück konnte ich das mit mir selber ausmachen. Ich stellte mich dann gegen eine Wand und würgte, bis ich aufgab und die Meinung des jeweils anderen Ichs annahm. Hat funktioniert!

teleschau: Im Film haben Sie sich sehr an die Fakten der nordischen Mythologie gehalten und sogar mit dem einen oder anderen Klischee aufgeräumt. Sollte ein Film neben Unterhaltung auch immer Bildung bieten?

Krappweis: Nein, ich finde nicht, dass ein Film das unbedingt muss. Aber wenn sich die Gelegenheit bietet, ist es mir auch als Zuschauer lieber, wenn ich Fakten serviert bekomme. Es gibt ja zum Beispiel auch viele biografische Filme, nach denen man als interessierter Zuschauer mal Google anwirft und feststellt: "Neeeee ... Das war Quatsch." Das finde ich als Zuschauer schade. Ich habe mehr Freude daran, dass ich danach Dinge weiß, ohne dass ich sie trocken lernen musste, weil sie dann einfach plötzlich da sind.

teleschau: Woher kommt Ihr Interesse für die nordische Mythologie?

Tommy Krappweis: Ein Mittelalter-Fan war ich schon immer, weil es eine unheimlich interessante und gar nicht so düstere Epoche ist, wie man immer glaubt. Die nordische Mythologie entdeckte ich dann, weil ich nach einem Thema suchte, über das ich eine Mystery-Serie schreiben könnte. Und ich wollte bitte keine Vampire oder Aliens mehr, und so kam ich im Ausschlussverfahren auf die nordischen Götter. Und da stellte ich fest, dass das bei mir auf fruchtbaren Boden fällt. Das Spannende ist, dass das irgendwie ein kollektiver Erinnerungsschatz ist. Vieles davon haben wir schon mal gehört, aber wirklich wissen tun wir's nicht. Und dann erfährt man plötzlich, dass drei unserer Wochentage nach nordischen Göttern benannt sind und macht sich plötzlich auch mal Gedanken, warum wir bei Christi Auferstehung Eier eingraben.

teleschau: Haben Sie selbst Kinder, und welche Kinderbücher haben Sie denen vorgelesen?

Krappweis: Ich habe eine Tochter, sechseinhalb Jahre alt. Zuletzt lasen wir "Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt". Das ist total geil: Es geht um einen Jungen, einen Erfinder, der ein Fliewatüüt erfindet, also eine Art fliegendes, wasserfahrzeugiges Auto, bekommt dann Besuch von einem Roboter, der das Teil mit ihm baut, und muss dann drei Aufgaben für den Roboter lösen.

teleschau: Und hat Ihre Tochter auch Mara zu hören bekommen?

Krappweis: Nein, das ist noch zu früh. Empfohlen werden die Bücher ab zehn bis zwölf Jahren. Dann kann man so langsam auch Maras pubertären Zwist nachempfinden. Ich glaube, je fremder man sich in seiner Haut fühlt, desto besser kann man sich mit Mara identifizieren.

teleschau: Mara war ja auch 14 Jahre alt im ersten Teil?

Krappweis: Im Buch ist sie 14, im Film haben wir sie 15 gemacht. Das war mir wichtig, weil mir bei vielen Filmen die Kids in dem Alter so glattgebügelt erschienen - die pubertäre Zeit wirkt oft fast zielgerichtet und klar. In meiner Erinnerung und in meinem Umfeld war es aber so, dass man gar nicht wusste, was mit einem los ist. Du fühlst dich wie ein Alien und fragst dich: "Warum bin ich überhaupt hier?" Und ich wollte eigentlich eine ganz konsequent schlecht gelaunte Teenagerin haben - und nicht eine Figur, bei der man von vornherein sagt: "Ach, die ist ja eigentlich ganz süß". Mara muss einfach erstm einal knietief durch die Gülle waten, erst später sehen wir dann den ersten Moment, in dem sie lächelt. Da geht dann aber die Sonne auf!

teleschau: Mara ist im Film eine Außenseiterin, die viel gemobbt wird. Waren Sie selbst ein Außenseiter während Ihrer Schulzeit?

Krappweis: Ja, ich war sogar beides: Einerseits dachte ich manchmal, ich wäre toller als die anderen, bekam aber auch ziemlich auf die Fresse. Insofern war es mir auch wichtig, dass es eine Szene gibt, in der Mara als Mobbing-Opfer ihrer Mobberin verzeiht und sie gegenseitig einsehen, was richtig ist und was falsch. Ich hatte zu Schulzeiten irgendwann beschlossen, dass ich einen Cowboy-Hut tragen möchte. Dafür hatte ich richtig heftig auf die Fresse bekommen, das Ding wurde laufend zertreten, auf die U-Bahn-Schienen geschmissen, mein Schulranzen wurde entleert, das volle Programm.

teleschau: Wie gingen Sie damit um?

Krappweis: Ich überwand mich jeden Tag, teilweise unter physischen Schmerzen, das Ding jeden Tag wieder auf meinen Kopf zu setzen. Nach etwa drei Monaten hatte man dann irgendwann das Interesse daran verloren, mich dafür zu peinigen. Da habe ich zwar gewonnen, aber das hat einige Prellungen gekostet und die Sorge, dass mein zum Beispiel Auge nicht mehr abschwillt, das war schon sehr heftig. Aber es war mir wichtig, das durchzuziehen und ich selbst zu bleiben.

teleschau: Maras Mutter ist ja das Klischeebild einer Esoterikerin. Welche Einstellung haben Sie selbst dazu?

Krappweis: Ich finde, solange jemand nicht eines Anderen Freiheit einschränkt, darf der wirklich total gerne machen, was er möchte. Ich wäre der Letzte, der ein Problem damit hat, wenn jemand im Englischen Garten neben meiner Bierbank einen Baum umarmt. Was ich nervig fände, wäre aber, wenn diese Person sich neben mich setzt und mir erklären würde, warum ich das auch machen sollte. Da bin ich ganz erklärter Verfechter der Freiheit. Ich möchte halt nicht damit zugeballert werden, wenn ich offensichtliche Signale gebe, dass das nichts für mich ist.

teleschau: Haben Sie Erfahrungen mit Menschen wie Maras Mutter gemacht?

Krappweis: Oh ja! Meine Stiefmutter hat oder hatte eine Drahtpyramide auf ihrem Obst stehen, die Energien bezieht, die aus nicht weiter erklärbaren Gründen das Obst länger frischhalten. Mein Vater macht ihr dann immer eine Freude und schneidet dann die Druckstellen ab von dem Obst, die die Pyramide da überhaupt erst verursacht hat. (lacht) Meine Mutter hatte auch einmal eine Wünschelrutengängerin eingeladen, die nachgucken sollte, warum mein Bruder immer so schlimme Schmerzen am Computer hatte. Die Dame hat dann zweifelsfrei den Computer als Ursache aller Schmerzen ausgemacht, stand aber tatsächlich nur vor dem Monitor und wusste nicht, dass der Computer vier Meter weiter weg in einem anderen Schrank steht ... Das war wirklich sehr lustig!

teleschau: Sie sprechen sowohl im Film, aber auch bei der Statistensuche und der Definition der Zielgruppe des Films immer wieder "Gamer" an. Wie kommt es ausgerechnet zu dieser speziellen Zielgruppe bei einem Kinderfilm?

Krappweis: Wir alle hier in der Firma sind sehr gaming-affin, wir brachten ja auch das Spiel zu "Bernd das Brot" heraus. Und ich habe viele Freunde in dem Bereich, die jetzt auch auf YouTube aktiv sind. Ansonsten ist das Gaming aber einfach ein Teil unserer Kultur, der aber in Filmen viel zu wenig stattfindet. Das ist wie mit den "Star Wars"-Zitaten - die verwendet Mara auch als Mädchen einfach so nebenbei, und jeder weiß heute, was gemeint ist, wenn man sagt "Das sind nicht die Droiden, die ihr sucht", das ist einfach im Sprachgebrauch drin. Und viele Filmemacher haben da Berührungsängste. Gaming und Gamer sind ein ganz normaler, selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft und im Leben unserer Kids, und das muss man dann auch einfach so darstellen.

teleschau: Sie sind ein mediales Multitalent: Buchautor, Regisseur, "Bernd"-Erfinder. Sie haben ein Spiel geschaffen, Shows moderiert, machen Musik und jetzt eben den Film. Was ist Ihr persönliches Highlight, ist Ihr großer Traum schon erfüllt?

Krappweis: Mein großer Traum ist dann erfüllt, wenn Leute auch in den Film gehen. Ich bin nicht so, dass ich mich freue, wenn ich mir was Schönes in den Schrank stellen kann, sondern ich möchte tatsächlich, dass das anderen Leuten gefällt, und möchte auch, dass es vielen gefällt. Ich sehe mich nicht so sehr als das, was man einen Künstler nennen würde. Die machen etwas ausschließlich, weil sie selbst das jetzt machen möchten. Das ist zwar bei mir auch der Fall, aber mit dem Unterschied, dass ich wirklich möchte, dass Leute daran Spaß haben. Das muss bei einem Künstler nicht zwangsläufig der Fall sein.

teleschau: Wenn man so viele Projekte hat, kommt immer auch etwas zu kurz. Welchem Talent oder Hobby würden Sie gerne mehr Zeit schenken wollen?

Krappweis: Ich würde wirklich gerne mal mit meinen Musikerkollegen in Ruhe ein Album aufnehmen, aber dazu fehlt jegliche Zeit. Und ich würde wirklich gerne einfach mal ... schlafen. Oder ein Buch lesen, weil ich einfach nur ein Buch lesen möchte. Die Muse dazu habe ich leider verloren, was ich schlimm finde, weil ich eigentlich sehr gerne lese.

teleschau: Was ist Ihr nächstes großes Projekt?

Krappweis: Das kommt tatsächlich darauf an, wie viele Leute jetzt ins Kino gehen. Wenn der Film erfolgreich läuft, dann weiß ich, was ich die nächsten vier Jahre mache. (lacht)

Quelle: teleschau - der mediendienst