Ulrich Tukur

Ulrich Tukur





Pessimist und Kämpfer

Ulrich Tukur, 57, spielt mal wieder einen berühmten Deutschen: Bernhard Grzimek, der als Frankfurter Zoodirektor und Tierfilmer nach dem Krieg berühmt wurde, aber auch als erster "Grüner" der Nation gilt. Das dreistündige Biopic von Roland Suso Richter ("Mogadischu", "Die Spiegel-Affäre") gibt allerdings auch dem privaten Grzimek viel Raum. Auf diesem Gebiet galt die 1987 verstorbene Film- und Fernsehlegende als schwieriger Zeitgenosse, der die Menschen um ihn herum oft enttäuschte. Im Ersten wird daraus ein Themenabend: Dem 165 Minuten langen ARD-Film "Grzimek" über das Leben des berühmtesten deutschen Tierschützers folgt am Karfreitag, 3. April, noch eine Doku (23.00 Uhr).

teleschau: Was wussten Sie über den Privatmann Bernhard Grzimek vor diesem Film?

Ulrich Tukur: Kaum etwas. Natürlich wusste ich von der Tragödie seines Sohnes, der 1959 tödlich verunglückt ist. Dass da aber eine so enorme Diskrepanz war zwischen dem bieder-liebenswürdigen Tieronkel vom Bildschirm und dem Leben des Privatmannes, davon hatte ich keine Ahnung. Für mich war das dann auch der Grund, den Film zu machen. Das andere hätte mich nicht so gereizt, obwohl ich vor Grzimeks Lebensleistung wirklich meinen Hut ziehe.

teleschau: Worin besteht diese Lebensleistung für Sie?

Tukur: Grzimek ist dafür verantwortlich, dass wir Deutsche schon in den 60er-, 70er-Jahren ein ziemlich ausgeprägtes Bewusstsein für Natur- und Umweltschutz entwickelten. Der Begriff Umweltschutz taucht ja überhaupt erst Ende der 60er-Jahre auf. Später, während der Regierung Willy Brandts, hatte Grzimek sogar ein Amt als Beauftragter der Bundesregierung für den Naturschutz inne. Das goutierte er allerdings nicht so sehr, er empfand Politik als viel zu umständlich und verlogen. Grzimek war ja ein Mann der direkten Wege.

teleschau: Womit hat Grzimek die Menschen erreicht?

Tukur: Mit seinen Kinofilmen, aber vor allem mit seinen Fernsehsendungen erreichte er ein Millionenpublikum und war in jenen Tagen sicher einer der populärsten Deutschen. Er hat Unterhaltung, Information und Warnungen vor der Zerstörung der Natur zu einer sympathischen Mischung geformt, die immer gekrönt war von exotischen Tieren, die auf seinen Schultern oder dem Schreibtisch herumturnten.

teleschau: Wie sehr wollten Sie dem echten Grzimek in dieser Rolle gleichen?

Tukur: Ich wollte ihn nicht imitieren, da ist Loriot einfach nicht zu schlagen. Aber es wäre auch die völlig falsche Richtung für unseren Film gewesen. Mit seiner näselnden Stimme und der etwas umständlichen Art, Dinge zu formulieren, fordert Grzimek natürlich ein bisschen zur Imitation heraus. Ich habe aber stattdessen versucht, das Wesenhafte seines Charakters zu greifen, das Ambivalente und Widersprüchliche. Warum liebt ein Mensch Tiere so bedingungslos, während er mit Seinesgleichen nicht umgehen kann?

teleschau: Haben Sie die Frage für sich beantworten können?

Tukur: Grzimek hat mal gesagt, dass Tiere berechenbar und niemals grausam sind. Tiere sind für ihn die besseren Wesen. Friedrich der Große hat sich ähnlich geäußert. Er hat von Menschen wenig gehalten und ließ sich mit seinen Windhunden begraben. Der Mensch ist eben ein kompliziertes, unberechenbares und destruktives Geschöpf. Die Geschichte und auch die Politik unserer Tage beweisen es.

teleschau: Wie kann man sich auf das Leben von Grzimek vorbereiten - als Schauspieler?

Tukur: Ich habe die Autobiografie gelesen, mir seine berühmten Filme wie "Serengeti darf nicht sterben" noch einmal angesehen. Auch ein paar Folgen seiner Fernsehsendungen "Ein Platz für Tiere". Man soll sich aber nicht zu sehr zuschütten. Wichtig ist, dass man eine Idee für die Rolle hat.

teleschau: Wie war es für Sie, die alten Grzimek-Sendungen noch mal zu sehen? Viele, die in den 60-ern und 70-ern groß wurden, saßen da als Kinder staunend davor ...

Tukur: Ja (lacht), mir kam alles viel hölzerner und unbeholfener vor, als ich es in Erinnerung hatte. Es war ja live, Teleprompter gab es nicht, und wenn etwas schieflief, dann lief es eben schief. Aber die Sendungen haben etwas liebenswürdiges, und es ist sehr berührend, wie leidenschaftlich und ehrlich Grzimek seiner Hoffnung folgt, die Zuschauer durch gute Unterhaltung erziehen zu können. Wir haben ein paar dieser Auftritte nachempfunden, und die Unfälle, die dabei passierten, stehen lassen, auch als Hommage an ein Fernsehzeitalter, das einfacher, ehrlicher und substanzieller war.

teleschau: Sie haben mit vielen Tieren gedreht. Welche von denen waren angenehm und welche konnten Sie nicht ausstehen?

Tukur: Der Ochsenfrosch war hervorragend, denn er hat sich kaum bewegt (lacht). Extrem unangenehm war ein Steppenpavian, auch Baboon genannt. Das sind richtige Spacken! In Gruppen sind sie schlimmer als eine Jugendgang aus Neapel. Kaum lief die Kamera, riss der Affe meine Schreibtischschublade auf, griff sich mein Drehbuch und mein Handy, das es damals ja noch nicht gab, und suchte das Weite. Ich habe versucht, mein Eigentum zurückzuholen, da hat er die Zähne gefletscht. Irre waren auch zwei junge Löwenbabys. Die konnte man einfach nicht bändigen. Sie waren gerade mal einen Meter lang und noch nicht wirklich gefährlich. Zwei Monate später - das sah man schon - würden sie dich in Stücke reissen.

teleschau: Das hört sich nun eher nach Schwierigkeiten an. Haben Sie denn auch ein Tier beim Dreh richtig liebgewonnen?

Tukur: Toll fand ich die Begegnung mit einem Okapi im Frankfurter Zoo. Das ist eine sehr scheue Giraffenart, die erst 1901 in den Wäldern des Kongos entdeckt wurde. Okapis sind extreme Fluchttiere und Grzimek war ihr größter Fan. Er hat seine Filmfirma später auch Okapia genannt. Okapis zählen zu den scheusten Lebewesen überhaupt, nicht einmal die Tierpfleger können sie anfassen, ohne dass die in Panik geraten. Als wir eine Interviewszene drehten vor dem Okapi-Käfig, kam der in der Ecke stehende Bulle auf einmal ganz langsam ans Gitter, steckte seine Schnauze durch die Stäbe und ließ sich von mir streicheln. Das hat mich sehr berührt. Es war ein Moment, in dem ich das Spirituelle dieses Tieres spürte. Absolut magisch.

teleschau: Grzimek ließ sich auch gerne mit Geparden fotografieren. Er lebte sogar mit dem Tier, nahm es mit nach Hause. Wie war Ihr Gepard?

Tukur: Wir drehten mit zwei Geparden. Einem deutschen, der sehr nervös und mir darum etwas unheimlich war, und einem in sich ruhenden Südafrikaner. Geparden knurren unentwegt, daran muss man sich gewöhnen. Sie sind aber die Raubkatzen, die sich am besten zähmen lassen und mit denen man wirklich angstfrei umgehen kann. Einen Leoparden hätte ich mir nie und nimmer auf den Tisch setzen lassen.

teleschau: Was haben Sie aus dem Film mitgenommen?

Tukur: Grzimek führte seinen Lebenskampf leidenschaftlich und bis an die Grenzen seiner Kraft. Und doch ahnte er, dass er den Untergang der Natur und des Planeten nicht würde verhindern, allerhöchstens ein wenig hinauszögern können. Das nehme ich aus dem Film mit nach Hause: Auch wenn du die Welt nicht verändern kannst, versuche es trotzdem!

teleschau: Sehen Sie sich denn als Künstler mit einer Aufgabe versehen?

Tukur: Offensichtlich ist es meine Aufgabe oder mein Lebensthema, die Leistungen vergangener, auch vergessener Künstler lebendig und wach zu halten. Den Menschen, die heute leben, klar zu machen, dass wir auf dem Rücken so vieler dahingegangener Generationen existieren und ohne sie gar nicht möglich wären. Ich könnte mich in meiner Zeit nicht verorten, wenn ich nicht wüsste, woher ich komme.

teleschau: In den letzten Jahren haben Sie viele historische Figuren gespielt: Rommel, den Schulleiter der Odenwaldschule, nun Grzimek. Fühlen sich solche Rollen grundsätzlich anders an, als wenn man fiktive Figuren spielt wie zum Beispiel Ihren "Tatort"-Kommissar Felix Murot?

Tukur: Historische Figuren sind immer heikel. Und je klarer ihr Bild in den Köpfen der Menschen verankert ist, desto schwieriger wird es. Man weiß, dass es vielen Leuten nicht gefallen wird, denn sie tragen möglicherweise ein ganz anderes Bild dieser Person in sich. Das trifft in besonderem Maß auf die Angehörigen zu. Bei Rommel sagten viele erst einmal: Das ist ein Nazi-General, wie kann man so was spielen? Als Darsteller übernehme ich dann die Rolle des Strafverteidigers, der den Angeklagten raushauen soll. Ich entschuldige nicht, ich mache klar, dass diese Figur aus ihrer Zeit heraus verstanden werden muss, zeige, wie und wo sie irrte, Fehler machte, aber auch Großartiges leistete. Ich zeige einen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen und manchmal auch Abgründen, dann erst soll der Zuschauer urteilen.

teleschau: Selbst einen Kinderschänder wie den Odenwald-Schulleiter müssen Sie für Ihre Rolle auf Zeit sympathisch finden?

Tukur: Nein, ich fand Gerold Becker nicht sympathisch, ich fand ihn widerlich. Die Szenen, die ich da mit den Jungs spielen musste, waren schwer zu ertragen. Das ging nur mit Humor und einem großen Vertrauen, das ich zu den jungen Kollegen aufbauen konnte. Dennoch war es meine Aufgabe, diesen Menschen von innen heraus zu verstehen und in seinem So-Sein erst einmal zu akzeptieren. Gerold Becker war kein Monster, er war ein Mensch, der moralisch furchtbar ausgeglitten ist. Es gibt sie, diese Menschen, sie zeigen uns den Abgrund und die Perfidie unserer Spezies. Trotzdem darf ich im Spiel nicht urteilen, sonst geht meine Arbeit nicht auf. Urteilen soll der Zuschauer.

teleschau: Sind Sie denn auch unterschiedlich zufrieden mit historischen Rollen, die Sie gespielt haben?

Tukur: Die eine funktionierte, die andere weniger. Als Helmut Schmidt habe ich in der "Nacht der großen Flut" keine glückliche Figur abgegeben. Eine Perücke spielte sich selbst (lacht). Herr Schmidt lebt ja noch, und ich habe mir vorzustellen versucht, wie er bei meinem Anblick vor Schreck seine brennende Zigarette verschluckt.

Quelle: teleschau - der mediendienst