Die Orsons

Die Orsons





"Günther Oettinger ist ein Orson"

Die Orsons erklären das Ende der Band? Zumindest sei es möglich - noch nicht ganz sicher. Es war eben schon immer schwierig, sich die vier Rapper als Band, als Geistesverwandte vorzustellen: Hier der nachdenklich-kritische Maeckes, dort der melancholisch-ernste Tua. Und auf der anderen Seite wären da der immer lustige Bartek und der vor Liebe strotzende Kaas. So schwankte immer alles, was die vier Schwaben seit ihrem Debüt 2008 auf bisher drei Alben veröffentlichten, zwischen albern und bedeutungsvoll, zwischen poppig und doch Rap-lastig. Die Mischung war nicht jedermanns Sache, und wie Kaas und Bartek im Interview zugeben, taten sich die Label-Kollegen von Cro (Chimperator) selbst auch immer wieder schwer damit: "Nach jedem Album war die Band eigentlich am Ende", erklären sie. Dieses Spiel scheint sich fortzusetzen. Dabei ist auf "What's Goes?" (VÖ: 20.03.) erstmals ein stringenter Sound-Faden zu erkennen - und auch die Band scheint erstmals wirklich zufrieden mit ihrem Produkt zu sein.

teleschau: Sie benutzen Günther Oettingers Englisch-Gestammel für den Titeltrack Ihres neuen Albums. Keine Angst, dass der EU-Netzminister Ihnen den Internetanschluss kappt?

Kaas: Quatsch. Wir luden ihn ins Studio ein, der kam vorbei und hat die "Line eingespittet". Dann rauchten wir, tranken ein bisschen und feierten eine schöne Party. Auf Staatskosten natürlich. War 'ne super Nacht.

teleschau: Also ist der CDU-Mann eigentlich ganz cool drauf?

Bartek: Ich glaube zumindest nicht, dass er sich verarscht fühlt. Ich ließ mir sagen, der mache, was er wolle. Auch wenn ihm Berater sagen: "Hey, du solltest vielleicht keine Rede auf Englisch halten", sagt er: "Scheiß drauf, mach ich trotzdem." Der ist eigentlich ein Orson. Ich sag's frei raus: Günther Oettinger ist ein Orson.

teleschau: Also schämten Sie sich auch nicht für Ihren schwäbischen Landsmann und dessen Englischkenntnisse?

Bartek: Ach, dieser Ausschnitt aus einer Rede ist einfach ein Klassiker und wunderschön. So eine Position zu haben, und sich mit einem solchen Englisch da raus zu trauen ... Das ist der Orsons-Geist. Wir griffen ja schließlich auch schon furchtbar daneben. Zum Beispiel die Single "Horst und Monika" vom letzten Album "Das Chaos und die Ordnung". Das war so ein komisches Pop-Ding. Das konnten wir offensichtlich ebenso nicht, und wir trauten uns trotzdem raus damit.

teleschau: Damit hatte aber wohl auch Ihr Major-Vertrieb Universal zu tun.

Kaas: Wir wollten den Deal eigentlich auflösen. Das lag vor allem an der unzufriedenstellenden Zusammenarbeit beim letzten Album. Aber die verhandelten lange mit uns, gaben uns das Gefühl, dass sie unbedingt mit uns weiterarbeiten wollten. Vor allem aber versprachen sie uns, dass es dieses Mal ganz anders werde. Keiner rede uns rein, wir dürften machen, was wir wollen. Wir bekamen dann ein neues Team, und bisher läuft auch alles gut.

teleschau: Was waren die Erwartungen des Vertriebs? Wollte Universal mit Ihnen auf den Cro-Erfolgszug aufspringen?

Kaas: Das hatte weniger mit irgendwelchen Erwartungen zu tun. Unser Betreuer war zwar ein ganz lieber Mensch, aber er brachte sich zu stark ein und lenkte uns von dem ab, was wir eigentlich wollten. Kein Plan, ob er das freiwillig machte, aber wir fühlten uns dadurch manipuliert bei der Arbeit. Universal erwartete keine Über-Hits, aber es sollte schon poppig sein. Und wir ließen uns da halt zu stark reinreden, weil wir ja auch höfliche und nette Menschen sind. Auch wenn es dann nur zwei, drei poppige Songs waren, waren wir am Ende halt nicht so zufrieden mit der Platte. Dank des Erfolgs von Cro hätte es uns dann auch gereicht, nur über Chimperator zu veröffentlichen. Der hat das Label ja unglaublich größer gemacht.

teleschau: Schaut man die Erfolge des deutschen Straßen-Raps an, ist "poppig" aber nicht unbedingt Erfolgsformel Nummer eins.

Bartek: Das stimmt. Ich verstehe aber vieles davon nicht, was gerade so auf die Eins geht. Aber die haben anscheinend echt treue Fans. Man muss sich dabei allerdings auch die Zahlen zu Gemüte führen. Diese ganze Chartplatzierungs-Geschichte ist den Labels ja gar nicht so wichtig. Es kommt halt auch immer auf die Verkaufswoche an. Wir erreichen lieber 20.000 Käufer und gehen auf Platz zwölf oder 13, als in einer schwachen Woche von Platz eins zu grüßen. Insgesamt ist es aber schon geil, dass HipHop wieder so präsent ist. Dass die Musik und die Szene, die wir so lieben, so starken Anklang findet.

teleschau: Oft ist im Deutschrap von einer Spaltung die Rede. Straßen-Rap hier, Casper, Marteria, Cro und die Orsons dort. Sehen Sie das genauso?

Bartek: Ach, ich bin großer Rap-Fan - aber weniger von Deutschrap, muss ich zugeben. Ich kann da jetzt wenig dazu sagen. Es gibt nun mal verschiedene Bereiche im HipHop: Straßen-Zeugs, Geschichtenerzähler, Singsang-Rapper. Die dürfen meiner Meinung nach alle koexistieren, ist doch ganz normal. Es geht wohl vor allem um zwei verschiedene Fanlager, die diese Spaltung reinbringen.

teleschau: Für die meisten Rap-Hörer sind Sie halt zu schlau ...

Kaas: Ach, der einfachste Grund ist wohl das Alter. Manches ist halt schnell und leicht bekömmlich, der Humor und die Aussagen sind direkt. Unser Zeug wird wohl dagegen nicht von jedem 14-Jährigen verstanden. Wir wollen jetzt nicht sagen, wir wären megaschlau und Professoren ...

Bartek: ... aber wir sind megaschlau und Professoren.

Kaas: Stimmt schon. Aber ich vergleiche das gerne mit dem Kino: Ein Actionfilm kommt halt auch besser an als Arthouse. Was jetzt aber nicht heißen soll, dass wir Arthouse-Musik machen ...

Bartek: ... aber wir machen Arthouse-Musik.

Kaas: So ein bisschen halt. Es ist wie kommerzielles Arthouse. Und das muss sich dann halt hinter dem Mainstream-Blockbuster anstellen. Bei uns sind Texte gerne mal verschachtelt, und es wird eben viel Wert auf das Lyrische gelegt. "Wir sind hier und saufen", was jeder auf Anhieb versteht, wird es bei uns halt nicht geben. Unsere Musik braucht Zeit, man muss sie erforschen, kennenlernen.

teleschau: Was aber nicht zu jedem Orson so unbedingt passen mag. Maeckes gibt sich gerne nachdenklich, Tua melancholisch.

Kaas: Das sind eben die Orsons. Wir versuchen, authentisch zu sein. Und dabei kommt es darauf an, was uns gefällt. Wer bei uns mal im Tourbus mitfährt, der würde merken, dass wir vom totalen Nonsens-Scheißdreck ...

Bartek: ... zu Nietzsche wechseln.

Kaas: Aber es ist auch immer ein Kampf, dass alle vier zufrieden sind und sich ausleben können in unseren Songs. Das ist durchaus anstrengend auf Dauer. Das führt zu echten Tiefphasen während einer Album-Produktion. Und dann trennen wir uns mal wieder - wie nach jedem Album (lacht). Dann geht es wieder auf Tour, und alles ist wieder geil. Es ist ein bisschen so wie schwanger sein. Man freut sich erst, dass es los geht, dann tut alles weh, man ist am Arsch und hat keinen Bock mehr.

Bartek: Und dann ist das Kind da, und man kann einfach zwei Jahre nicht mehr schlafen nachts.

Kaas: Genau, weil man übelst Party macht (lacht).

teleschau: "What's Goes?" ist also doch nicht das letzte Orsons-Album?

Kaas: Wir wissen echt nicht, ob noch mal ein Orsons-Album passiert. Wir wollen alle auf jeden Fall erst solo richtig abgehen. Und ob man Maeckes und Tua nochmals dazu bekommt, ein gemeinsames Album zu machen? Einen von denen muss man immer überzeugen. Aber vielleicht bin ich ja der Nächste, der sich ziert.

teleschau: Haben die beiden Kritiker-Lieblinge also nur noch ihre Solo-Karrieren im Kopf?

Bartek: Manchmal scheint es so (lacht). Aber nein, ich hoffe nicht.

Kaas: Wir haben im Endeffekt alle unsere Solo-Karrieren im Kopf. Das ist der ewige Zwiespalt bei den Orsons. Wir haben nie gesagt: Wir sind jetzt die Orsons und fertig. Wir sind eher Solo-Künstler, die immer mal wieder zusammenkommen, vor allem weil es wahnsinnigen Spaß macht, gemeinsam auf Tour zu gehen. Und für Tua ist das auch wichtig, da er ja scheinbar nur mit uns witzig sein kann (lacht). Bei seinen Solo-Sachen ist der ja immer so ernst, nachdenklich. Alles ist abgestimmt und zehnmal überdacht. So ist er ja gar nicht. Bei den Orsons zeigt er sich dann wieder als Mensch. Deswegen mag er das auch mehr, als er es zugeben mag.

teleschau: Tua gemeinsam mit Gast-Sänger Cro auf einem luftigen Pop-Lied wie "Horst und Monika" zu hören, war schon fast verstörend.

Kaas: Voll. Aber gerade das Verstörende macht den Reiz aus. Und es ist einfach echt, dass er sich für so etwas hergibt. Dann schämt er sich danach immer fürchterlich. "War ich da echt dabei?". Das ist wie: "Hab ich das betrunken auf der Party echt gemacht?". Aber das gehört halt bei uns dazu.

Quelle: teleschau - der mediendienst