Hinnerk Schönemann

Hinnerk Schönemann





"Ladet mich bitte nicht auf ein Bier ein!"

Eine Ausnahmeerscheinung ist der Schauspieler Hinnerk Schönemann schon deshalb, weil er zwar fast omnipräsent, aber alles andere als prominent ist. Der 40-Jährige meidet Boulevard und rote Teppiche mit demselben klaren Bewusstsein, das ihn immer wieder zu herausragenden Rollen führt. Schönemann hat ein Gespür für besondere, menschelnde Charaktere und die seltene Gabe, seine Figuren einerseits leicht und unaufdringlich zu zeichnen, sie andererseits aber nachhaltig wirken zu lassen. Man vergisst sie nicht so schnell, die schrulligen Typen wie den ZDF-Privatdetektiv Finn Zehender, Hauke Jacobs in der neuen ARD-Reihe "Nord bei Nordwest" oder auch den abgründigen Psychopathen aus dem viel gerühmten Knast-Krimi "Tatort: Franziska" (2014). Wie er das hinkriegt, darüber macht sich der schüchterne Schauspieler wohl selbst am allerwenigsten Gedanken. "Hinnerk hat noch gar nicht begriffen, wie gut er ist", sagt der renommierte Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt über den Mann, dem er schon diverse Rollen auf den Leib schrieb. Im 15. "Marie Brand"-Fall ("Marie Brand und der schöne Schein", Samstag, 14. März, 20.15 Uhr, ZDF) ist Schönemann einmal mehr an der Seite von Mariele Millowitsch zu sehen - in seiner Paraderolle schlechthin: als Möchtegern-Supercop Jürgen Simmel.

teleschau: Hat Sie schon mal jemand gefragt, warum Sie so einen besonderen Gang haben, Herr Schönemann?

Hinnerk Schönemann: Ha! Nein, das hat sich noch keiner getraut. Aber was heißt hier besonders? Sagen wir's, wie's ist: Ich watschele, oder etwa nicht?

teleschau: Ach, eigentlich sieht es ganz cool aus, wie Sie so gehen ...

Schönemann: Wahrscheinlich weil Sie nicht sehen, wie ich im richtigen Leben gehe (lacht). Vor der Kamera, wenn ich Figuren wie den Kölner Kommissar Simmel, den Finn Zehender oder den Hauke Jacobs in "Nord bei Nordwest" spiele, versuche ich es auch ein bisschen zu kultivieren: beim Laufen darauf zu achten, meine Füße gerade zu setzen. Es sieht aber immer noch watschelig aus. Hat was mit Anatomie zu tun. Was ich habe, nennt man Hüftausstand: Meine Füße würden am liebsten gerne rechts und links wegstehen beim Laufen. Nee, das ist nicht schön!

teleschau: Auf jeden Fall ist Simmel ein Frauenheld!

Schönemann: Stopp - er wäre gerne einer. Ist ein Unterschied!

teleschau: Waren oder sind Sie selbst denn ein Frauentyp?

Schönemann: Überhaupt nicht. Ich hatte zwar immer irgendwie Freundinnen an der Hand - aber eher so als Kumpels. Der letzte Schritt war halt das Problem: Ich bin ganz oft bei den Frauen, in die ich verknallt war, nicht über das Stadium des besten Freundes hinausgekommen. Ich bin, glaube ich, kein Typ, der besonders gut bei den Mädels ankommt.

teleschau: Echt nicht? Woran liegt das denn?

Schönemann: Das müssen Sie mal die Mädels fragen! Vielleicht meine etwas helle Stimme, meine mit 1,75 Meter vergleichsweise geringe Körpergröße ... Als Mann fällt man heute doch schnell durch ganz viele Raster durch. Ach, egal. Ich kann mich ja nicht beschweren. Ich konnte mir die Frauen zwar nie aussuchen, aber wenn ich eine wirklich haben wollte, dann habe ich sie mir schon geholt, ne! (lacht)

teleschau: Mit welcher Masche?

Schönemann: Humor! Wenn ich sie erst mal zum Lachen gebracht habe, dann wird das schon ...

teleschau: Warum macht es einen so vielbeschäftigten Schauspieler wie Ihnen nach 15 Fällen in sieben Jahren eigentlich immer noch Spaß, den Kommissar Simmel zu spielen?

Schönemann: Weil ich ihn liebe - mit all seinen herrlichen Macken. Simmel fällt auf die Schnauze und steht wieder auf, er fällt auf die Schnauze und steht wieder auf, er fällt auf die Schnauze ... Na ja, Sie wissen, was ich meine! Mit ihm wird es mir nicht langweilig, eine tolle Rolle.

teleschau: Als Polizist ist er erfolgreich, als Frauen-Aufreißer eher das Gegenteil ... Wer ist Simmel?

Schönemann: Ein Mann auf der Suche nach der großen Liebe, zart und hart zugleich (lacht). Und ein Typ, den wir alle aus dem richtigen Leben kennen: einer, der vorgibt ewas zu sein, was er nicht ist. Simmel wäre schon gerne der C.S.I.-Checker mit Designer-Anzug und Sonnenbrille, er stolziert herum wie ein aufgeplusterter Hahn. Aber irgendwann lässt er eben immer wieder Federn und fällt auf die Fresse. Das ist so schön menschlich - auch wenn wir das Ganze natürlich überzeichnen. Simmel ist cool, weil er nicht cool ist!

teleschau: Und das macht ihn so sympathisch. Gibt es viele weibliche Simmel-Fans?

Schönemann: Ich weiß jetzt nichts von Fanklubs oder dergleichen. Aber es ist schon so, dass ich mit dieser Rolle immer bekannter werde. Ich habe das sozusagen von Fall zu Fall immer heftiger gespürt: Die Leute erkennen mich auf der Straße. Und an ihrem Grinsen meine ich auch zu erkennen, dass sie wohl gar nicht mich, sondern eher den Simmel vor sich wähnen (lacht).

teleschau: Begegnen sie Ihnen mit einer bestimmten Erwartungshaltung?

Schönemann: Kann sein. Das Komische ist: Es sind ja immer wildfremde Leute, die mich ansprechen, aber sie tun das auf eine Weise, als wären wir schon jahrelang befreundet. Ich bin da immer etwas ratlos, weil ich prinzipiell ein höflicher Mensch bin und diese Leute einem ja nichts Böses wollen. Aber ich bin eben auch schüchtern. So was wie Smalltalk kann ich nicht, das bin ich nicht. Das wissen die anderen, die da mit erwartungsvollem Blick vor mir stehen, natürlich nicht.

teleschau: Also was tun Sie?

Schönemann: Ich versuche einfach, so normal zu sein wie immer. Damit fahre ich gut, und anders geht's ja nicht. Ich habe noch nie etwas Negatives bei diesen Situationen erlebt. Ich denke auch, dass das ein Riesenkompliment für mich und meine Rollen ist. Die Leute scheinen zu mögen, was ich mache. Toll! Aber mit der Bekanntheit umzugehen, das muss ich immer noch lernen.

teleschau: Waren Sie schon immer schüchtern?

Schönemann: Ja, und das ist keine Koketterie. Es hat sich nie gelegt. Ich gehe eigentlich nie auf rote Teppiche, lebe privat sehr zurückgezogen. Ich fliege auch nicht mal eben für eine schöne Premiere runter nach München oder so. Ich bleibe bewusst außen vor.

teleschau: Dabei sind Sie, wenn wir das so sagen dürfen, der Typ, mit dem man gerne mal ein Bier trinken gehen würde ...

Schönemann: Ja, ist lustig, ne? Ich höre das ja immer wieder, dass ich so ein Kumpeltyp sei. Aber, bitte, bitte glauben Sie mir: Ich gehe nie mit Leuten auf ein Bier! Auch nicht am Set, nach der Arbeit, so was gibt es nicht. Aus dem schlichten Grund, weil ich das nicht kann. Ich weiß nicht, wie das geht, was ich mit den Leuten reden soll. Also, wie soll man das nennen? Extrem schüchtern oder auch ein bisschen asozial, würde ich sagen.

teleschau: Wie schwer macht Ihnen dieser Wesenszug das Leben?

Schönemann: Es war nie ganz leicht. Wenn heute Kollegen zu mir sagen, "ach, komm doch noch mit in die Kneipe, auf ein Glas", stresst mich das enorm. Denn es ist ja nicht so, dass ich die Leute nicht schätze, ich mag meine Kollegen - aber Drehschluss ist Drehschluss, dann will ich alleine sein - oder bei meiner Familie. Also, liebe Freunde, ladet mich bitte nicht auf ein Bier ein! Sorry. Inzwischen bin in einem Alter, in dem ich das klar und deutlich sagen kann (lacht).

teleschau: Aber Sie sind Schauspieler! Spielen Sie doch einfach für ein, zwei Stunden eine Rolle!

Schönemann: Ja, Sie haben mich. Manchmal muss man im wahrsten Sinne des Wortes mitspielen, wenn es mit dem Beruf zu tun hat. Denn ich liebe meinen Beruf, also kriege ich inzwischen beispielsweise auch so ein Interview geregelt. Es fällt mir nicht leicht, aber es klappt.

teleschau: Darf man es ein bisschen schräg finden, dass ausgerechnet so eine introvertierte Person sich gerne auf die Bühne und vor eine Filmkamera stellt?

Schönemann: Das darf man sogar sehr schräg finden, ja. Aber vielleicht erkläre ich es technisch: Es ist wie ein Schalter, den ich umlege. Es macht klick, und ich schlüpfe in eine Rolle - das macht diesen Beruf ja aus. Aber wenn es dann abermals klick macht, bin ich eben wieder still. Total still.

teleschau: Haben Sie in Ihrer Kindheit und in der Schule nicht furchtbar darunter gelitten?

Schönemann: Nein. Weil: Wenn man gerne alleine ist, ist man gerne allein. Ich war natürlich der Außenseiter in gewisser Weise, aber das habe ich nie als negativ empfunden. Damit lebe ich gut. Mir tut's nur immer für die anderen leid, für die Leute, die vielleicht enttäuscht sind, weil ich sie vor den Kopf stoßen muss. Das meine ich ganz aufrichtig.

teleschau: Schmerzt es Sie eigentlich noch, dass Sie damals von Quentin Tarantino die erhoffte kleine Rolle in "Inglourious Basterds" nicht bekommen haben?

Schönemann: Ach, überhaupt nicht mehr. Die Absage von Tarantino hat mir sogar geholfen - denn man munkelt, dass man als Tarantino-Schauspieler keine Chance hat, an eine Spielberg-Rolle zu kommen. Ich hatte dann ein paar Monate später das große Vergnügen.

teleschau: Sie standen 2011 für Steven Spielbergs Kriegsepos "Gefährten" vor der Kamera. Er bezeichnete Sie damals als einen "wundervollen Schauspieler". Ein Ritterschlag?

Schönemann: Ja, so empfinde ich das schon. Aber vor allem bin ich froh, dass sich die Tarantino-Sache, bei der ich einfach das Casting verbaselt hatte, so schön gerundet hat für mich. Weil es mich wieder mal in meinem Glauben bestätigt hat: Es ist, wie es ist, und am Ende ergibt immer alles einen Sinn - im Ernst, davon bin ich überzeugt.

teleschau: Wie wär's mit Hollywood?

Schönemann: Oh, für eine Hollywoodproduktion würde ich jederzeit liebend gerne wieder arbeiten. Aber hinziehen und dort leben, das käme mich für mich nicht in Frage.

teleschau: Sie leben in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, wo Sie sich einen Schweinestall umbauen.

Schönemann: Mein Traumhaus! Das Projekt Schweinestall wird Ende dieses Jahres endlich abgeschlossen werden, ich freue mich sehr darauf. Die Sehnsucht nach diesem 50-Seelen-Ort ist so stark, dass ich meistens sofort nach Drehschluss dorthin rase - egal, wo ich gerade arbeite, dafür nehme ich auch sechs, sieben Stunden Fahrtzeit in Kauf. Ich bin dort glücklich, ich möchte nie wieder in einer Stadt leben! Lässt sich vielleicht auch leicht sagen, wenn man so viel in der Stadt arbeiten darf wie ich. Beides zu haben, das ist absoluter Luxus, klar.

teleschau: Sind es die Menschen, die das Land für Sie so besonders machen?

Schönemann: Ja, auch. Obwohl die natürlich genauso speziell sind wie anderswo auch. Aber das Schöne ist, dass ich da überhaupt nicht als der Schauspieler wahrgenommen werde, das interessiert niemanden. Ansonsten ist's eher so wie in einer großen Familie - wenn es drauf ankommt, rückt man zusammen und hilft sich. Glaube ich jedenfalls. Ja, wir sind eine lockere Großfamilie (lacht).

teleschau: Tauschen Sie sich über Facebook und Co. mit der Außenwelt aus?

Schönemann: Also, ich kann telefonieren, smsen und Mails schreiben - aber Facebook, Twitter und all das kenne ich zwar, aber ich habe für mich erkannt, dass es mich nicht weiterbringt im Leben. All die Leute, die sich da mit Kaffeetasse in der Hand selbst fotografieren und gegenseitig auf die Schultern klopfen ... Ich meine, was soll das? Die Zeit habe ich gar nicht. Ich habe ja mein Projekt, außerdem gibt es auf dem Hof Tiere zu versorgen. Wir nehmen auch immer wieder welche auf, denen es nicht so gut geht, bis sie weitervermittelt werden können. Man hat Verantwortung.

Quelle: teleschau - der mediendienst