Leviathan

Leviathan





Am Ende bleibt nur Wodka

Seine Weltpremiere feierte "Leviathan" bereits im Mai 2014 bei den Filmfestspielen in Cannes. Brandaktuell ist der Film des russischen Regisseurs Andrei Swjaginzew aber immer noch: In Zeiten, in denen Putin-Kritiker endgültig zum Schweigen gebracht werden und sich die Welt mehr denn je Fragen über das politische System des Landes stellt, kommt nun "Leviathan" in die Kinos. Ein Film, der anhand eines Einzelschicksals - nicht nur - viel über Russland erzählt - und mit dem sich der Regisseur im eigenen Land alles andere als beliebt machte.

Auch wenn Swjaginzew mit "Leviathan" den Oscar als "Bester fremdsprachiger Film" am Ende doch nicht gewann, so sorgte allein die Nominierung und der Sieg bei den "Golden Globes" für weltweite Aufmerksamkeit - und in seiner Heimat für heftige Kritik von offizieller Seite. Der Regisseur musste sich den Vorwurf gefallen lassen, für den Erfolg im Ausland russische Stereotype wie Alkoholismus zu bedienen und die nationale Kultur und Kirche zu verunglimpfen. Und das in einem staatlich geförderten Film - es wurden schon Stimmen zur Rückforderung der Gelder laut.

Tatsächlich gehören Witze über den eifrigen Genuss von Hochprozentigem mit zu den besten Szenen des Films. Da bietet ein betrunkener Polizist den anderen an, sie in seinem Auto mitzunehmen, weil ihm ja nichts passieren könne. Auch der Held der Geschichte, Automechaniker Kolia (Alexei Serebrjakow), trinkt Wodka wie Wasser. Am Wochenende geht er in die karge Natur am russischen Nordmeer zu Schießübungen. Anlässlich einer Geburtstagsfeier kommt dabei sogar eine Kalaschnikow zum Einsatz. Ein Übereifriger mäht die gesamten leeren Flaschen nieder und tröstet seine empörten Freunde mit besseren Zielscheiben, die er aus dem Auto holt: gerahmte Bilder ehemaliger russischer Staatschefs - allerdings nur bis Gorbatschow. Weit weg von Putin also, dessen Porträt in allen Amtsstuben - selbst in den entlegensten Orten - hängt.

In solch einer Ecke Russland spielt auch "Leviathan". Die Natur zeigt sich rau und unwirtlich, aber doch auch geheimnisvoll schön. Hier führt Kolia einen aussichtslosen Kampf. Der Bürgermeister eines kleinen Fischerdorfs hat es auf sein Grundstück mit Meerblick abgesehen. Er plant dort - unter dem Beifall der Priesterschaft - eine prunkvolle Heiligenstätte zu errichten. Der Mechaniker will das Haus, in dem schon seine Vorfahren gewohnt haben, auf keinen Fall aufgeben. Er beginnt sich mit rechtlichen Mitteln und mit Hilfe eines befreundeten Anwalts aus Moskau, gegen den Übergriff zu wehren. Damit löst er eine Reaktion aus, die seine Familie und ihn zerstört.

Grandios zeigt der Regisseur, wie ein Mann an einem System scheitert, das sich gegen rechtschaffene Bürger wendet. Fast scheint es so, als ob nur derjenige sich durchsetzen kann, der selbst schon gegen das Gesetz verstoßen hat. Ganz am Anfang glaubt man, dass auch Kolia diesen Weg einschlagen wird und sieht ihn bereits mit dem Gewehr auf seinen Widersacher losgehen. Doch Swjaginzews Erzählung ist eine andere, sein Held ist eine Art Hiob, der sich nichts zu Schulden kommen lassen will.

Dank seines bissig-humorvollen Tonfalls gelingt dem Regisseur das Kunststück, trotz der schwerwiegenden Thematik einen erstaunlich leichten Film abzuliefern. Bilder wie das Skelett des gestrandeten Wals - ein Sinnbild für ein durch Stillstand zum Scheitern bestimmtes System - haben eine starke Wirkung. Zudem besitzt die Geschichte universellen Charakter: Nicht nur in Russland mag der Staat vom Bürger oftmals als unbezwingbares Ungeheuer empfunden werden. Dieses Drama könnte überall spielen, wo sich korrupte Beamte und Amigo-Politiker gegenseitig den Rücken freihalten. All das macht "Leviathan" zu einem nachhaltigen Kinoerlebnis mit nachdenklich stimmenden Einsichten.

Quelle: teleschau - der mediendienst