Der schöne Schein

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"Birdman" ist mit vier Auszeichnungen der große Gewinner der 87. Oscar-Verleihung

Er hoffe, dass jemand an diesem Oscar-Abend die Rolle von Kanye West übernehme, so Moderator Neil Patrick Harris in seinem Eröffnungssong. Doch natürlich stürmte niemand die Bühne, wie es der Rapper gerne mal tut. Und niemand regte sich über vermeintlich unverdiente Gewinner auf. Denn auch bei der 87. Oscar-Verleihung zeigte sich Hollywood so, wie es sich selbst am liebsten sieht: als große, friedlich vereinte Familie, als Traumfabrik, als Heimat großer Kunst. Dass mit "Birdman" ein Film mit vier Auszeichnungen Sieger des Abends wurde, der virtuos und bildstark vom Comebackversuch eines abgehalfterten Schauspielers und Ex-Hollywoodstars erzählt, zeigte einmal mehr die Liebe der auszeichnenden Academy zu ihrem eigenen Schaffen. Aber wirklich mutige und kontroverse Entscheidungen darf man bei einer Oscar-Verleihung auch nicht erwarten. Einige starke, emotional aufwühlende und politische Statements sowie überraschende Auftritte gab es dennoch. Und sogar einen deutschen Gewinner - der allerdings kein Wort darüber verlor.

Einen Seitenhieb konnte sich Neil Patrick Harris nicht verkneifen: "Heute ehren wir Hollywoods Beste und Weißeste. Äh, sorry, Hellste", begrüßte er das Publikum. Eine Anspielung auf die kontroversen Diskussionen, die nach der Bekanntgabe der Nominierungen aufflammten: Unter den 20 Schauspieler-Nominierten befand sich kein einziger schwarzer Darsteller, das Martin-Luther-King-Biopic "Selma" wurde nur für zwei Oscars vorgeschlagen - beides zu Unrecht, wie viele Kommentatoren fanden. Auch Harris nahm darauf Bezug, wirklich bissig waren seine Kommentare aber selten. Der "How I Met Your Mother"-Star und erfahrene Awardshow-Moderator lieferte eine solide Leistung. Er hangelte sich trotz eher flachen Ideen - ein kurzer Stunt nur in Unterhosen als "Hommage" an "Birdman" - aber dank einiger (selbst)ironischer Statements durch die Show, ohne wirklich zu glänzen.

Die großen Auftritte überließ er - ganz seine Rolle als "Everybody's darling" in Hollywood spielend - dann doch den Preisträgern. Bei den Schauspielern durften die vorab gehandelten Top-Favoriten die Bühne betreten und sich artig und geübt bedanken: Julianne Moore, "Beste Hauptdarstellerin" für ihre Rolle als Alzheimer-Patientin in "Still Alice", widmete ihren Preis allen Alzheimer-Kranken. Eddie Redmayne, "Bester Hauptdarsteller" für seine Darstellung von Stephen Hawking, seinen Oscar der Familie des Physik-Genies und allen ALS-Kranken. Als "Bester Nebendarsteller" im Musiker-Drama "Whiplash" nahm J. K. Simmons den Preis entgegen und rief dazu alle dazu auf, ihre Mütter anzurufen. Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ allerdings Patricia Arquette, die als "Beste Nebendarstellerin" in "Boyhood" ausgezeichnet wurde: Sie rief dazu auf, für gleiche Bezahlung und gleiche Rechte für Frauen zu kämpfen. Angesichts dessen hielt es nicht nur "Übermutter" Meryl Streep, die in der gleichen Kategorie für ihren 19. Oscar nominiert war, nicht mehr auf ihrem Sitz. Auch zahlreiche Schauspiel-Kolleginnen äußerten sich in sozialen Netzwerken begeistert über Arquettes Worte.

Ähnliches schaffte Graham Moore, der den Oscar für das Beste adaptierte Drehbuch für "The Imitation Game" entgegennahm und in seiner Dankesrede persönlich wurde: "Als ich 16 Jahre alt war, wollte ich mich umbringen, weil ich mich anders fühlte und seltsam. Und nun stehe ich hier. Ich will allen da draußen den Rat geben: Egal, wie seltsam ihr denkt, dass ihr seid: Bleibt seltsam! Bleibt anders!" Sein "Stay different, stay weird" fand nicht nur in der Twitter-Gemeinde großen Anklang. Das stärkste Statement des Abends lieferten jedoch Rapper Common und Sänger John Legend: Ihre kraftvolle Performance von "Glory" aus dem Biopic "Selma", der als "Bester Song" ausgezeichnet wurde, führte zu Standing Ovations, bei ihrer Dankesrede betonten beide, dass die Ungerechtigkeiten, gegen die Martin Luther King gekämpft hatte, auch heute noch die Gesellschaft spalten würden. Heute säßen mehr Schwarze im Gefängnis als zu Zeiten der Sklaverei unterdrückt worden wären, erklärte Legend: "Selma is now" lautete seine Botschaft an das Publikum.

Auch der vielleicht größte Überraschungsmoment des Abends war musikalischer Natur: Superstar Lady Gaga verblüffte - in einem für ihre Verhältnisse schlichten, weißen Kleid - mit einer stimmungs- und stilvollen, stimmgewaltigen Hommage an den oscarprämierten Musicalklassiker "The Sound Of Music", der vor 50 Jahren in die Kinos kam. Selbst Hollywood-Legende Julie Andrews, die im Film damals die Hauptrolle spielte, spendete begeistert Applaus und bedankte sich mit herzlichen Worten.

Der einzige deutsche Gewinner - Regisseur Wim Wenders und Komponist Hans Zimmer gingen leer aus - konnte hingegen keine großen Reden halten: Dirk Wilutzky gewann als Produzent einen Oscar für "Citizenfour", kam aber auf der Bühne nicht zu Wort. Dass der Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, in dem Filmemacherin Laura Poitras den Whistleblower Edward Snowden porträtiert, kam ebenfalls kaum überraschend. Das galt auch für die Königskategorien.

Denn spätestens als Alejandro González Iñárritu für das beste Original-Drehbuch und die beste Regie geehrt worden war, führte an "Birdman" als bestem Film kein Weg mehr vorbei. Dass Wes Andersons "The Grand Budapest Hotel" wunderbar aussieht, immerhin aber vier Oscars für Make-up/Hairstyling, Kostümdesign, Produktionsdesign und Soundtrack gewann, dass Regisseur Richard Linklater am liebevollen Coming-of-age-Drama "Boyhood" rekordverdächtige zwölf Jahre gearbeitet hatte und überraschend leer ausging, zählte nicht. Die Academy entschied sich für den Film, der die Kino- und Schauspielkunst in ihrer ganzen Schönheit, aber auch Härte zeigt. Und wer will da Hollywood noch seinen selbstverliebten Schein vorwerfen?

Quelle: teleschau - der mediendienst