Bilderbuch

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Sex-Appeal statt Schnitzel

Die Wiener Band Bilderbuch hat mit ihrem dritten Album große Ambitionen: Sie wollen der deutschsprachigen Musik mehr Sexappeal verpassen. Was hinter diesen großen Worten steckt, lässt sich auf "Schick Schock" nun nachhören. Bilderbuch mischen Funk mit etwas Elektro und Indie-Rock - und das klingt überaus lässig und cool. Im Interview spricht Sänger Maurice Ernst über die Kleinstadtjugend, den Sexappeal von Österreichern und die bereits jetzt gezogenen Vergleiche mit dem größten Popstar ihrer Heimat: Falco.

Maurice Ernst konnte sich den kleinen Seitenhieb einfach nicht verkneifen, als Bilderbuch im vergangenen Jahr bei den Amadeus Awards, also Österreichs wichtigstem Musikpreis, den Publikums-Award entgegennehmen durften. "Bilderbuch gibt es jetzt seit neun Jahren", sagte er in seiner Dankesrede mit einem verschmitzen Grinsen, "das weiß nicht jeder!" Stimmt. Im Moment ist die Wiener Band in aller Munde, längst wird ihr drittes Album "Schick Schock" als beste deutschsprachige Platte des zugegebenermaßen noch jungen Jahres gehandelt. Doch wer die Geschichte von Bilderbuch in seiner Gänze erzählen will, der muss etwas weiter in die Vergangenheit zurückblicken.

Angefangen hat alles in der 6.000 Einwohner großen Gemeinde Kremsmünster in Oberösterreich. "Da wird vielleicht öfter Schnitzel gegessen", sagt Maurice Ernst, aber ansonsten sei das Teenagerleben auch nicht anders als in jeder x-beliebigen Gemeinde jener Größe. Deswegen machten er und seine Kumpels 2005 das, was man als Teenager eben so macht, wenn einem langweilig ist und man die Mädels beeindrucken will: Sie gründen eine Band. Den ersten Demos folgte 2009 das Debütalbum "Nelken & Schillinge". Die Kritiken waren gut, die Single "Calypso" schaffte es sogar in die österreichischen Indie-Charts, aber viel mehr passierte nicht. Ein Spiel, das sich beim zwei Jahre später veröffentlichten Nachfolger "Die Pest im Piemont" wiederholte. Der große Durchbruch, er wollte sich einfach noch nicht einstellen.

Eines Tages beschlich Sänger Maurice Ernst dann eine entscheidende Erkenntnis: In der deutschsprachigen Musik gäbe es einfach nicht genug Sex. "In Amerika hat Sexyness einen viel höheren Stellenwert - und das hat nichts mit Machogehabe zu tun. Es geht eher um ein Gefühl, das in meinen Ohren hier bei uns schon lange nicht mehr stattgefunden hat", sagt er. "Deutsche Musik ist immer so gradlinig und hart." Vielleicht sind die Deutschen einfach nicht sexy? "Ich könnte jetzt gemein sein und sagen, dass wir Österreicher möglicherweise einen größeren Hang zum Exaltierten haben. Keine Ahnung, ob das sexy ist", lacht er. "Da lehne ich mich zu weit aus dem Fenster. Aber ich finde, man kann auch softer und cooler, gewitzter und kecker auf Deutsch singen. Wir wollen dieses Funk- und Soul-Gefühl wieder in die deutsche Musik bringen."

Auf ihrer 2013 veröffentlichten EP "Feinste Seide" probierten Bilderbuch das erstmals aus. Und siehe da, plötzlich klappte es auch mit dem Erfolg: Das coole Lamborghini-Video zur Single "Maschin" kommt inzwischen auf knapp 1,5 Millionen Klicks, die EP ist längst ausverkauft, und die Kritiker überschlugen sich vor Lob. Mit ihrem neuen Album "Schick Schock" machen Bilderbuch nun genau da weiter, wo sie auf "Feinste Seide" aufhörten. Statt dem zackigen Indie-Rock von früher macht das Quartett heute eine coole und verdammt lässige Mischung aus Soul, Funk, Elektro, R&B und Indie - noch dazu mit ziemlich cleveren Texten - die man in der deutschsprachigen Musik so noch nicht gehört hat, und die tatsächlich irgendwie sexy klingt.

"Man ist ja oft nur Passagier seiner eigenen Kunst", kommentiert Maurice Ernst den radikalen Soundwechsel. "Aber wir wollen uns als Band auf jeden Fall ständig weiter entwickeln. Ich selbst mag Künstler wie David Bowie oder Prince, die ihren Sound von einem Album zum nächsten oft dramatisch veränderten. Wenn wir eines Tages mal auf zehn Alben zurückblicken, würde ich mir wünschen, dass jedes für sich und für eine bestimmte Zeit steht. Auf diesem Album probierten wir eben, wie weit wir gehen können."

Zu einem gewissen Grad rebellieren Bilderbuch damit auch gegen die Gepflogenheiten der österreichischen Szene. Österreich ist ein kleines Land, da wird man schnell mit den Großen gemessen. "Im Pop gibt es eben nur alle zehn oder 20 Jahre einen Künstler, der wirklich bekannt wird und an dem dann alles gemessen wird", erklärt Ernst. "Das ist ganz lustig: Im Fußball wird heute noch von Córdoba geredet (Anm. d. Red.: In der argentinischen Stadt unterlag die deutsche Fußballnationalmannschaft als amtierender Weltmeister im letzten Spiel der WM-Zwischenrunde 1978 der österreichischen Elf mit 2:3) ... und in der Musik eben von Falco."

Bilderbuch kann das egal sein, sie haben ihren eigenen Stil mit "Schick Schock" gefunden - und sind fast zehn Jahre nach ihrer Gründung nun also plötzlich die neuen Hoffnungsträger des deutschsprachigen Pop. "Das ist schon verrückt", sagt Maurice Ernst. "Ich habe mein ganzes Leben seit Ende der Schule eigentlich nichts anderes gemacht als Musik, das ist das Einzige, was mich glücklich macht. Deshalb ist es schön, was uns gerade passiert. Man darf aber auch nicht aus den Latschen kippen. Das soll nicht der Höhepunkt sein, sondern uns geht es um ein langfristiges Ding. Rom ist ja auch nicht an einem Tag gebaut worden. Der Hype ist schön und gut, aber wir müssen jetzt einfach cool bleiben und unser Ding durchziehen!" Aber darin sind Bilderbuch ja sowieso längst Spezialisten.

Bilderbuch auf Deutschland-Tournee:

18.03., Erlangen, E-Werk

19.03., München, Strom

20.03., Berlin, Astra

21.03., Leipzig, Täubchenthal

22.03., Hamburg, Mojo

23.03., Hannover, Faust

25.03., Stuttgart, Wagenhallen

26.03., Köln, Stollwerk

27.03., Frankfurt, Zoom

29.03., Heidelberg, Halle 02

30.03., Münster, Sputnikhalle

Quelle: teleschau - der mediendienst