Petra Schmidt-Schaller

Petra Schmidt-Schaller





"Hollywood reizt mich nicht großartig"

Laut, selbstdarstellerisch und mit einem Haufen vorgefertigter Antworten im Gepäck: Wer sich solch einen Menschen vorstellt, kennt so ziemlich das genaue Gegenteil von Petra-Schmidt Schaller. Die Schauspielerin geht im Gespräch mit Bedacht auf jede Frage ein - und lässt immer wieder durchblicken, welch sensibler Mensch sich hinter ihrer bisweilen etwas kühl wirkenden Fassade versteckt. Den Zugang zur Filmwelt bekam sie in die Wiege gelegt, als sie vor 34 Jahren als Tochter des Schauspielers Andreas Schmidt-Schaller und der Regisseurin Christine Krüger in Magdeburg geboren wurde. Doch mit der Entscheidung, die Bühne zu erobern, ließ sich die Lebensgefährtin von Schauspieler Thomas Fränzel (eine gemeinsame Tochter) so lange Zeit, bis die Spielleidenschaft keine andere Berufswahl mehr zuließ. Inzwischen ist die Wahl-Berlinerin dank ihres "Tatort"-Engagements für den NDR an der Seite von Wotan Wilke Möhring einem breiten TV-Publikum bekannt. Bevor der nächste Fall im Norden ansteht ("Frohe Ostern, Falke", Ostermontag, 6. April, 20.15 Uhr, ARD), glänzt Petra Schmidt-Schaller aber erst einmal im düsteren ZDF-Thriller "Die kalte Wahrheit" (Montag, 23. März, 20.15 Uhr).

teleschau: In "Die kalte Wahrheit" spielen Sie eine Ärztin, die einen jungen Mann aus Versehen überfährt. Der Tote hatte zu Lebzeiten die Angewohnheit, schöne Momente auf Post-its festzuhalten. Was würde auf Ihren Post-its stehen?

Petra Schmidt-Schaller: Ich könnte Post-its von vielen kleinen Sachen machen. Hauptsächlich wären das Momente, die einem unverhofft geschenkt werden. Gestern Abend habe ich mit meiner Familie einen Spaziergang gemacht, und es fiel leiser Schnee. Oder wenn einem ein schönes Gespräch zufliegt. Mein Nachbar ist zum Beispiel ein ganz toller Mensch. Mit dem führe ich manchmal Gespräche, die mich unheimlich glücklich machen. Oder wenn meine Tochter in einem Wutanfall versucht zu argumentieren und ich sehe, dass sie ein fertiger kleiner Mensch ist, der so tolle Sachen denken kann - das macht mich auch glücklich.

teleschau: "Die kalte Wahrheit" ist schwere Kost wie die meisten Ihrer Filme. Momentan drehen Sie in Berlin erneut einen Thriller für das ZDF. Freuen Sie sich über solch düstere Rollen oder hätten Sie auch mal Lust auf seichtere und amüsantere Rollen?

Schmidt-Schaller: Na klar! Aber mir werden in der Tat nur solche Bücher geschickt. Ich würde auch gerne mal etwas Spannendes oder Extremes wie einen Road-Movie oder Action-Film drehen. Oder auch mal wieder eine Komödie, ja!

teleschau: Welche Rolle gab Ihnen das Gefühl: "Jetzt habe ich es als Schauspielerin geschafft"?

Schmidt-Schaller: Als ich meine erste große Rolle am Theater bekam. Damals hatte ich noch diese jugendlich-naive Idee vom Schauspielern. (lacht) Danach hatte ich dieses Gefühl nie wieder. Jetzt erlebe ich ein tolles Gefühl, wenn ich ein gutes Drehbuch geschickt bekomme, in das ich beim Lesen förmlich eintauche. So entscheide ich auch, ob ich einen Film machen möchte oder nicht.

teleschau: Ihr Vater ist Schauspieler, Ihre Mutter Regisseurin. Sie sträubten sich aber zunächst, Schauspielerin zu werden und wurden erst bei einem Auslandsaufenthalt von der Leidenschaft gepackt. Hatte das Vorbild Ihrer Eltern Sie abgeschreckt?

Schmidt-Schaller: Anfangs ja. Denn Schauspieler und Regisseure stehen ja in ständiger Konfrontation und Reibung, und es kehrt nie Ruhe ein. Es gibt eine stetige Auseinandersetzung mit der Arbeit, die man als Schauspieler mit nach Hause nimmt. Man spricht über die Figuren, die man spielt, und versucht zu verstehen. Da ich nicht konfrontativ, sondern unheimlich harmoniebedürftig und schüchtern war, dachte ich damals: "Schauspielerei sollen lieber andere Leute machen. Das ist nichts für mich!" Aber da kannte ich die andere Seite noch nicht: Wie es ist zu spielen, in Figuren einzutauchen oder wie ein Stück entsteht. Diese kreative Welt hatte ich bis dahin nicht kennengelernt. Als ich dann in den USA bei einem Theaterstück mitmachte, stand es gar nicht mehr zur Debatte für mich, ob ich mit der Konfrontation klarkommen werde oder nicht. Das Feuer war entfacht, und ich konnte nicht anders, als Schauspielerin zu werden.

teleschau: Hat die Rolle als "Tatort"-Kommissarin auch Ihr Schauspielerherz höher schlagen lassen, oder ist das eine Rolle wie jede andere?

Schmidt-Schaller: Ich habe damals erst einen Tag vorher erfahren, dass wir eine neue "Tatort"-Reihe drehen und nicht einfach einen Krimi. Alle am Set waren ganz aufgeregt. Aber ich bin ohne "Tatort" groß geworden und war mir dessen Wichtigkeit gar nicht so bewusst. So saß ich auf einmal im Boot und kam wie die Jungfrau zum Kinde.

teleschau: Sie können den Hype um den "Tatort" also nicht so ganz nachvollziehen?

Schmidt-Schaller: Für die Fans ist der "Tatort" einfach der "Tatort". Diese Stellung anzugreifen, wäre Schwachsinn. Aber es gibt eine Fluktuation von "Tatort"-Kommissaren, die sich nun alle aneinander messen und reiben können. Dafür gibt es mit Sicherheit Gründe, und hoffentlich wird sie den "Tatort" nicht schwächen, sondern stärken.

teleschau: Wie man hört, haben Sie Ihren Vater um Rat gefragt, ob Sie die "Tatort"-Rolle annehmen sollen. Er soll Ihnen geraten haben: "Spring einfach ins kalte Wasser!" Ist das sonst nicht Ihre Art, Dinge einfach zu wagen?

Schmidt-Schaller: Das hängt von dem Gewicht der Entscheidung ab. Ich habe vor Kurzem in dem herrlichen Buch "Ich nannte ihn Krawatte" von Milena Michiko Flasar einen Satz gelesen, in dem es um Lebensentscheidungen ging. Sinngemäß hieß es: "Es ist manchmal fataler, etwas nicht getan zu haben, statt etwas zu tun und dabei in ein Fettnäpfchen zu treten". Man bereut nichts so sehr, wie Sachen, die man nicht gemacht hat. Das kann ich unterstreichen und denke: "Mach einfach, kann ja nur schiefgehen!" Bei Sachen, wo es um Leben und Tod geht, denke ich aber ein bisschen länger nach.

teleschau: Als man Sie zu einem Casting für einen Hollywood-Streifen einlud - mit der Bedingung, fünf Kilo für die Rolle zu verlieren -, haben Sie nicht lange nachgedacht und abgelehnt.

Schmidt-Schaller: Das stimmt. Ich wusste sofort: Das ist nichts für mich! Es war ein Science-Fiction-Film, der sowohl in den USA als auch in Deutschland total floppte. Da hat das Gewicht doch gar nichts mit der Geschichte zu tun. Wenn es jetzt um eine Krankheit oder KZ-Häftlinge geht, die dargestellt werden müssen, dann verstehe ich, dass sie wenig Gewicht haben müssen und man für die Rolle abnehmen muss. Aber wenn von vorneherein gesagt wird: Diese Maße müssen Sie haben - davon bin ich kein Freund! Da weiß man auch schon, was für eine Art Film das ist.

teleschau: Als Schauspielerin steht man aber auch hierzulande unter einem enormen Druck, sehr schlank zu sein. Wie bleiben Sie in Form?

Schmidt-Schaller: Mittlerweile habe ich mir selbst gegenüber eine sehr gute Einstellung. Ich mache eine Art Pilates-Workout, das man gut unterwegs alleine machen kann. Ich achte alleine schon durch meine Laktose- und Gluten-Unverträglichkeit darauf, dass ich mich gesund ernähre, und versuche, nicht aus Frust zu essen. Das ist auch eine bewusste Entscheidung, die man als Schauspielerin treffen muss. Mein persönliches Standing ist: Ich bin im normalen Leben schlank, und wenn ich im Fernsehen etwas voller aussehe, dann ist das eben so. Mich dafür herunterzuhungern, dass ich im Fernsehen total dünn aussehe, das ist eine Denkweise, die ich nicht verfolge und auch nicht unterstütze.

teleschau: Das Leben soll ja noch lebenswert bleiben.

Schmidt-Schaller: Genau! Meines Erachtens rechtfertigen die 40 Drehtage, die man für einen Film arbeitet, nicht die restlichen 325 im Jahr, um sich dafür zu kasteien. Ich müsste mich wirklich total kasteien, um im Fernsehen sehr schlank auszusehen. Das will ich einfach nicht. Da gehöre ich lieber der gesunden Fraktion an.

teleschau: Wenn Hollywood mit einem Angebot käme, bei dem man, ohne sich abzumagern, die Rolle bekäme, könnten Sie sich dann vorstellen, Berlin für ein paar Monate zu verlassen?

Schmidt-Schaller: Hollywood reizt mich nicht großartig. Worüber ich mich freuen würde, wäre, in der EU zu drehen. Zum Beispiel in Frankreich, England oder in einer Gemeinschaftsproduktion mehrerer Länder. Es geht um den Stoff und nicht um Hollywood - dort sind ja eh häufig alles nur leere Hüllen!

teleschau: Sie verlassen Ihre Wahl-Heimat Berlin ohnehin nur ungern, oder?

Schmidt-Schaller: Stimmt. Es gibt nur eine andere Stadt, in der ich mir vorstellen könnte zu leben: Hamburg.

teleschau: Was lieben Sie an der Stadt, die sich ja sehr verändert hat und es weiterhin tut?

Schmidt-Schaller: Ich liebe, dass Berlin immer noch wie eine Wunde daliegt. An manchen Stücken ist sie verheilt, an manchen bricht sie wieder auf. Selten kommt Ruhe rein, und Berlin befindet sich im stetigen Wandel. Ich glaube, diese Stadt will auch gar nicht zur Ruhe kommen. Dadurch entsteht einerseits Unruhe, andererseits aber auch eine schöne Kreativität.

teleschau: Wie entkommen Sie der Unruhe, wenn sie zu viel wird?

Schmidt-Schaller: Ich liebe auch Berlins Umgebung sehr und fahre öfter mal raus und gehe spazieren. Sobald ich frei habe, unternehme ich viel mit meinen Freunden. Das brauche ich sehr. Außerdem habe ich festgestellt, dass es etwas gibt, was mich früher irre gemacht hat und ich nicht gut konnte, aber heute sehr schätze: Schlaf.

teleschau: Den braucht man auch als Mutter, die Kind und Karriere kombiniert.

Schmidt-Schaller: Ja, es ist schwer und kostet viel Kraft, das zu vereinen. Ich habe viele Engagements und bin deshalb auch oft weg. Selten kann ich meine Tochter entspannt mitnehmen, denn sie hat ihre Freunde und geht in den Kindergarten. Das Zuhause ist einfach Zuhause. Da sollte man auftanken und entspannen.

teleschau: Können Sie sich in Berlin in der Öffentlichkeit noch entspannt bewegen, oder werden Sie auf der Straße oft angesprochen?

Schmidt-Schaller: Erkannt werde ich meistens, wenn gerade ein Film im TV lief. Aber da ich oft ungeschminkt herumlaufe und dann echt anders aussehe, hält sich das in Grenzen. (lacht)

teleschau: Dürfen wir uns Sie im typischen Berlin-Style mit Undone-Dutt auf dem Kopf und Jute-Beutel über der Schulter vorstellen?

Schmidt-Schaller: Genau, so ungefähr! (lacht)

Quelle: teleschau - der mediendienst