Andreas Dresen

Andreas Dresen





Die Lust an der Zerstörung

Andreas Dresen bildet in seinen Filmen ("Halbe Treppe", "Wolke 9") gerne mitfühlend das Leben ab. Semi-dokumentarisch wird sein Stil genannt, er ist technisch minimalistisch, oft improvisiert und kommt manchmal ganz ohne Musik aus. In der Romanverfilmung "Als wir träumten" (Kinostart: 26.02.) erzählt der 51-Jährige nun von fünf Jungs, die im Leipzig der Nachwende-Zeit ihre Jugend in ihrem eigenen Club feiern. Dresen überrascht dabei mit lauten (Techno-)Tönen, mit stylischen und zugleich rauen Bildern, mit Prügel- und Sauf-, Verfolgungs- und Tanzszenen. Im Interview spricht der in Gera geborene Regisseur über das Recht der Jugend auf Rebellion, die eigene Lust an der Zerstörung und seine Erinnerungen an die DDR.

teleschau: Die Figuren aus "Als wir träumten" leben im Rausch einer ganz besonderen Zeit, in der sich ein System verabschiedet hat und das andere noch nicht ganz etabliert ist. Ist das jetzt Ihr "Wendezeitfilm"?

Andreas Dresen: Es geht um eine Gruppe, die einfach losgeht und sich vom Leben nimmt, was sie will. Dabei scheren sie sich nicht um irgendwelche Regeln. Die Erwachsenenwelt schafft das dann schon früh genug, sie wieder einzufangen. Als ihr Underground-Techno-Club endlich brummt, kommt der Chef der Skinheads und macht ihnen klar, dass der Markt ihm gehört. Da sind sie, die Regeln. Sie verweigern sich weiter und müssen schmerzhaft erkennen, dass sie zu funktionieren haben. Das hat mehr mit der Welt zu tun, als dass es nur eine Geschichte über die Nachwendezeit wäre, das ist universell.

teleschau: Welche Rolle sollten Jugendliche in unserer Gesellschaft übernehmen?

Dresen: Die Leute, die heute jung sind, denen gehört morgen die Welt. Deshalb müssen sie losgehen und ihre Fragen und Forderungen stellen. Da wünschte ich mir heute mal mehr Anarchie, mehr Wildheit und Verrücktheit. So lange die Welt so ist wie sie ist - nicht die beste aller möglichen - muss man sie immer wieder in Frage stellen. Es ist ein Privileg der Jugendlichen, dies zu tun.

teleschau: Wenn Menschen auf der Suche sind, besteht auch die Gefahr einer Radikalisierung ...

Dresen: Jugendliche sehnen sich nach einem System, das sie herausfordert, das sie mitnimmt, aber auch Reibung bietet. Man kann jetzt viel über junge Leute lesen, die zum IS gehen - und das aus einer Gesellschaft, die wenig ideologische Reibungspunkte bietet, außer dass sie nach den Regeln einer Marktwirtschaft und Demokratie funktioniert. Demokratie ist mühsam und auf den ersten Blick langweilig, man muss viel arbeiten, damit sie funktioniert. Ich finde das toll, aber für jemand, der sehr jung ist, sieht das erst mal fade aus, da sucht man sich große, krasse Herausforderungen.

teleschau: Die Jungs sind voller Energie, die sich vor allem im Destruktiven entlädt. Man kennt Sie als sanften Regisseur, und nun bringen Sie Randale auf die Leinwand. Wie ging es Ihnen dabei?

Dresen: Ich muss ehrlich sagen, als wir die Szene drehten, in der die fünf Jungs das Auto zerlegen, hätte ich tierisch gerne mitgemacht. Eigentlich traue ich mich ja nicht mal, irgendeinen Rückspiegel abzutreten. Aber es gibt eine Lust am Destruktiven, die ist einem erst mal ein bisschen fremd, aber wenn man dann daneben steht und die Möglichkeit spürt, denkt man, dass das geil ist - und in diesem Fall legal.

teleschau: Man spürt bei Ihnen eine Sympathie für die Figuren - obwohl sie ständig Mist bauen ...

Dresen: Ihre Taten, wie das Auto zu zerlegen, sind eine Ansage an die Gesellschaft: "Wir interessieren uns nicht für eure Werte." Es geht nicht darum, Autos zu klauen und zu besitzen, denn das gehört wieder zur normierten Gesellschaft. Sie sehnen sich nach einer Wildheit und Abenteuer, sie wollen sich selbst und die Welt spüren und sich abnabeln von den Erwachsenen. Dabei sind sie auch süße Menschen, die füreinander da sind, wenn sie Liebeskummer haben und dazwischen gehen, wenn ein Alkoholiker seine Frau vermöbelt. Diese Momente haben sie auch, diese Jungs sind nicht verloren, die sind voll da.

teleschau: Techno ist ein wichtiges Stilmittel im Film - kamen beim Einsatz dieser Musik bei Ihnen Erinnerungen an Clubnächte?

Dresen: Nein, ich war in den 90er-Jahren auf dem Gitarrentrip und bin dann erst bei Ausläufern mit TripHop und Drum & Bass eingestiegen. Techno war bei diesem Film die große Entdeckung für mich. Ich fand das wunderbar und hätte nicht gedacht, dass mich das so mitreißt. Wenn man einen guten DJ hat - wie Marusha bei der Premierenparty auf der Berlinale - geht das richtig gut los, da konnte ich voll zu abtanzen.

teleschau: Der Film erzählt auch in einigen Szenen von der Kindheit der Figuren zu DDR-Zeiten. Gab es für Sie nostalgische Momente?

Dresen: Von Nostalgie bin ich völlig frei. Ich bin froh, dass der Mist weg ist. Aber ich empfinde teilweise Rührung, wenn ich diese Kinder sehe, da kommen eigene Erinnerungen hoch. Bei den DDR-Szenen war mir wichtig, dass sie erinnerungsverklärt sind und nicht aussehen wie Nordkorea. Natürlich weiß ich noch wie diese komischen Verteidigungsübungen abliefen, die wir auch an der Schule hatten, und dass ich nach den Mädchen in Uniformen guckte, weil sie schick aussahen. Und beim Halstuch der Pioniere wollte man das haben, das die Ältesten trugen. Ideologie spielte dabei keine große Rolle, man wollte so groß und cool sein wie die.

teleschau: Sie haben auf der Berlinale viel über den Film gesprochen und gehen damit auf Kinotour - gerät man da nicht in eine Art künstlichen Tunnel?

Dresen: Die Berlinale ist tatsächlich wie eine Walze, die über einen hinweggeht und man fühlt sich wie auf einem Trip. Nach so etwas brauche ich ein paar Tage zu Hause, gehe dreimal wieder einkaufen und komme so wieder auf ein normales Lebenslevel mit der Einsicht, dass es nur ein Film ist. Es gibt Wichtigeres, da braucht man nur die Zeitung aufzuschlagen und die Seiten eins bis drei lesen, nicht immer nur das Feuilleton. Da merkt man, dass es andere Fragen des Lebens gibt, die sich in den Vordergrund drängen. Aber: Film ist eine sehr schöne Nebensache.

Quelle: teleschau - der mediendienst