Aljoscha Stadelmann

Aljoscha Stadelmann





"Ich fühle mich männlich, wenn ich versage"

Aljoscha Stadelmann ist keine Rampensau, macht keine Selfies und ist nur eitel, wenn es ums Kochen geht. Der 40-Jährige, der in der ARD-Produktion "Harter Brocken" (Samstag, 7. März, 20.15 Uhr) als rauer Polizist mit weichem, fast filigranen Kern zu sehen ist, verkörpert keine Schauspielerklischees. Was ihn dennoch auf die Bühne zieht, welche Extreme er dort sucht, welche modernen Männlichkeitsideale er verfolgt und was er in sozialen Netzwerken tut, erzählt er im Interview.

teleschau: Herr Stadelmann, was ist Ihnen lieber: Sehen oder gesehen werden?

Aljoscha Stadelmann: Ich habe keinen Fernseher, komme kaum mehr ins Kino, seit ich Kinder habe, und Theaterbesuche gehören im Moment auch nicht zu meinen Prioritäten. Sehen ist also gerade nicht so meins.

teleschau: Und was ist mit gesehen werden?

Stadelmann: Ich mache wahnsinnig gerne Theater und Filme, muss aber nicht ständig auf einer Bühne sein. Ich genieße es auch, wenn ich Schauspielstudenten korrigierend zur Seite stehe, wie ich es in Hannover schon seit einigen Jahren tue.

teleschau: Also keine klassische Rampensau?

Stadelmann: Nein. Aber ich merke schon, dass mir die Bühnensituation im Theater fehlt, wenn ich mal eine Zeitlang vor allem Filme drehe.

teleschau: Viele Ihrer Schauspiellegen brauchen scheinbar die ständige Aufmerksamkeit eines Publikum. Was brauchen Sie?

Stadelmann: Ich bin allgemein nicht daran interessiert, dass sich andere für mich interessieren. Aber ich spiele eben wahnsinnig gerne, und wenn ich spiele, also auf der Bühne eine Geschichte erzähle, möchte ich natürlich schon, dass die Leute voll dabei sind. Wenn das passiert, kann ich auch zur Rampensau werden (lacht). Dann will ich das Publikum voll und ganz packen.

teleschau: Betrachtet man Ihre Präsenz in sozialen Netzwerken, fällt ebenfalls auf, dass es Ihnen nicht unbedingt immer um sich geht: Während zahlreiche Schauspieler mit Selfies von Preisverleihungen als Helden feiern, setzen Sie sich lieber für andere ein. Anti-Pegida- und Anti-Nazi-Posts wechseln sich bei Ihnen ab mit Statements zum Satire-Schutz, Anmesty-International und dem Handelsabkommen. Mal ehrlich: Sind Sie wirklich so selbstlos, wie es scheint?

Stadelmann: Nein, ich mache nicht immer nur alles für andere. Aber wenn ich schon die Möglichkeit habe, auf einer Plattform auf etwas aufmerksam zu machen, dann doch lieber auf Sachen wie die genannten. Es passiert so viel Quatsch auf unserer Welt, und ich finde, davor sollte man nicht die Augen verschließen.

teleschau: Sind Sie nur deshalb bei Facebook?

Stadelmann: Tatsächlich habe ich mich wegen eines Films angemeldet, den ich mit einigen Kollegen drehen wollte, und der über Crowdfunding finanziert werden sollte. Ich wollte damals einfach Werbung dafür machen. Ist schon einige Zeit her.

teleschau: Aber auf Facebook sind Sie nach wie vor.

Stadelmann: Ja, denn es ist so: Dadurch, dass ich in einer Schauspielerfamilie groß geworden bin, bin ich wahnsinnig oft umgezogen. Zu vielen Freunden von früher habe ich kaum noch direkten Kontakt, und da ist so ein soziales Netzwerk natürlich sehr nützlich. Ich versuche aber, nicht zu viel Zeit mit Facebook zu verbringen. Da gehe ich liebe raus und spiele Bike-Polo. Mache ich regelmäßig, meist zweimal die Woche.

teleschau: Keine Bühnensucht, kein Selbstdarstellungszwang - welche Eitelkeiten haben Sie stattdessen?

Stadelmann: Ich koche sehr viel, und eine Eitelkeit von mir besteht auf jeden Fall darin, auch gut kochen zu wollen, weil ich dafür gelobt werden will.

teleschau: Und wenn's mal wem nicht schmeckt? Kommen Sie gut mit Kritik zurecht?

Stadelmann: Ja, das schon. Ich koche mittlerweile genauso lange, wie ich als Schauspieler arbeite. Schon als Kind fand ich Kochsendungen spannend, wenn auch das, was damals im Fernsehen lief, noch nicht wirklich spannend war. Jedenfalls habe ich immer versucht, mir ein bisschen was abzugucken und dann für meine Eltern nachzukochen. Irgendwann wurde ich sicherer in dem, was ich da tat, mit den Jahren immer mehr. Und es ist ja so: Wenn man ein gutes Verständnis von seiner Arbeit hat, kann man auch Kritik gut einschätzen und damit umgehen. Das ist beim Schauspiel ganz genauso.

teleschau: Zu sehen sind Sie aktuell in der ARD-Produktion "Harter Brocken", einem Film, in dem Sie den Polizisten Frank Koops spielen. Der ist bärtig, stoisch, trocken. Gibt es Parallelen?

Stadelmann: Was wir vielleicht gemeinsam haben, ist, dass wir beide tendenziell eher gut gelaunt sind. Frank Koops besitzt eine gut Grundenergie, weil er eine allgemeine Sympathie für die Leute um ihn herum hat.

teleschau: Und er hat neben der äußerlich rauen Seite auch eine sehr weiche, filigrane: Er schnitzt gerne. Koops scheint der Prototyp des modernen Mannes zu sein. Oder sind für Sie ganz andere Dinge modern männlich?

Stadelmann: Typisch männlich ist für mich so ein Wettkampfgedanke. Auch ein für sich selbst und schnell Denken, also dass man bestimmte Dinge nicht groß bespricht, sondern einfach macht, finde ich männlich. Modern finde ich das aber beides nicht.

teleschau: Sondern?

Stadelmann: Genau das Gegenteil. Interessant finde ich zum Beispiel, was ich jetzt schon bei meinem sechsjährigen Sohn beobachte, der in einem Zwiespalt zu stecken scheint: Einerseits möchte er gerne Cowboy spielen, andererseits findet er das auch ziemlich uncool, genauso wie das kindliche Kämpfen mit anderen Jungs. Das macht Spaß, ist aber auch schon ein bisschen verpönt. Genau dieser Zwiespalt ist für mich modern männlich.

teleschau: Sie haben auch noch einen 13-jährigen Sohn. In welchen Zwiespalt steckt der gerade?

Stadelmann: Der steckt vor allem voll in der Pubertät (lacht).

teleschau: Und Sie selbst? Wann fühlen Sie sich besonders modern männlich?

Stadelmann: In den Momenten, in denen ich versage. Zum Beispiel als Familienmensch.

teleschau: Das müssen Sie erklären.

Stadelmann: Ich fühle mich dann modern männlich, wenn ich es zum Beispiel nicht schaffe, neben der Arbeit auch noch den Haushalt zu schmeißen. Wenn ich allgemein nicht nur einen Kopf für andere habe, sondern manchmal auch nur für mich selbst. Heute werden von Männern ja auch die Eigenschaften erwartet, die klischeehaft als eher weiblich gelten, und wenn ich merke, dass ich genau diese Eigenschaften nicht zeigen kann, fühle ich mich schon sehr männlich (lacht). Ich fühle mich aber auch beim Bike-Polo männlich. Und beim Schauspielen.

teleschau: Auch in Ihrer Sexszene mit Julia Koschitz in "Harter Brocken"?

Stadelmann: Zumindest Frank Koops fühlt sich darin männlich (lacht). Für Schauspieler haben solche Szenen überhaupt nichts mit dem zu tun, wonach es später aussieht. Das alles ist sehr technisch.

teleschau: Reizen Sie allgemein Extremsituationen im Schauspiel, die ja vor allem am Theater gefragt sind?

Stadelmann: Mich reizen nicht so sehr die äußeren Extreme, mir geht es nicht ums bloße Provozieren. Ich will und muss im Theater Momente schaffen, in denen sich die Zuschauer voll und ganz für ein Stück öffnen. Das funktioniert natürlich auch über Schockmomente, aber ich schaffe das viel lieber durch die innere Haltung der Figuren.

teleschau: Wie machen Sie das?

Stadelmann: Zum Beispiel, in dem ich Zuschauer aus meiner Figur heraus direkt anspreche. Das ist jetzt kein ganz neues Mittel, das hat Shakespeare schon gemacht. Aber es funktioniert eben nach wie vor.

teleschau: Haben Sie auch Grenzen auf der Bühne? Würden Sie auch dort Sex haben?

Stadelmann: Dafür müsste man mir schon sehr viele gute Argumente liefern (lacht). Aber wie sagt man so schön: Sag niemals nie.

Quelle: teleschau - der mediendienst