Verstehen Sie die Béliers?

Verstehen Sie die Béliers?





Mit den besten Absichten

"Verstehen Sie die Béliers?" startet mit reichlich Vorschusslorbeeren in Deutschland: In Frankreich lockte die Komödie über die taubstumme Familie und ihre hörende Tochter fünf Millionen Zuschauer in die Kinos, Hauptdarstellerin Louane Emera erhielt für ihre Darstellung einen César als beste Nachwuchsdarstellerin, zudem erhielt der Film das "Prädikat: besonders wertvoll". Letzteres ist allerdings zu viel der Ehre: Der Film ergreift zwar Partei für die Taubstummen und nimmt auch ihre Perspektive ein, liefert aber in erster Linie Unterhaltung. Letztlich handelt es sich um ein sentimentales Rührstück über das Glück einer ganz normalen Jugendlichen.

Paula Bélier (Louane Emera) zeigt ihrer Schulfreundin Mathilde (Roxane Duran), wie man "Du blöder Idiot!" in der Zeichen- und Gebärdensprache ausdrückt. Paula ist dafür absolut kompetent. Zum einen fühlt sie sich von dem gutaussehenden Lockenkopf Gabriel (Ilian Bergala) nicht ausreichend gewürdigt, zum anderen "dolmetscht" sie für ihre Familie, denn Vater Rodolphe (François Damiens), Mutter Gigi (Karin Viard) und der jüngere Bruder Quentin (Luca Gelberg) sind allesamt taubstumm. Nur Paula kann sprechen und hören.

Aber sie liebt ihre Familie und ist mit ihrem Leben zufrieden. Auch wenn sie auf dem familieneigenen Bauernhof in der Provinz, der vor allem Käse produziert, hart anpacken muss. Bis sich die Versuchung in Gestalt des Musiklehrers und Chorleiters Monsieur Thomasson (Éric Elmosnino) meldet. Paula hat für sein geschultes Gehör nicht nur eine überragende Stimme, er drängt sie, in Paris eine Gesangsprüfung zur Aufnahme an einer renommierten Musikschule abzulegen. Und nicht zuletzt: mit ihm bei einer Schulaufführung im Duett zu singen.

Paula, die ihrer Familie nicht einmal verrät, dass sie mit Thomasson täglich übt, kämpft mit furchtbaren Gewissensbissen. Soll Sie die Ihren, für die sie die Verhandlungen mit Kunden, der Bank und politischen Autoritäten führt, für den persönlichen Erfolg und eventuell auch für die Liebe im Stich lassen? Jetzt, da ihr Vater sich um das Bürgermeisteramt bemüht, um das Dorf vor dem endgültigen wirtschaftlichen Ruin zu bewahren? Dass sich diese Konflikte trotz anfänglicher Schwierigkeiten gefällig aufzulösen scheinen, liegt auch daran, dass der Film mit seinem ursprünglich proklamierten Anliegen unsensibel umgeht.

Paula und Gabriel singen irgendwann im großen Saal ihr Duett. Aber Paulas Familie sieht nur die Lippenbewegungen und nimmt vielleicht nurmehr das Rauschen in den eigenen Gehörgängen wahr. Mit der phasenweisen Ausblendung der Töne versetzt sich der Film tief in den taubstummen Teil der Familie Bélier hinein. Aber das geschieht eben nur einmal. Im Übrigen werden gerade die Eltern zwar herzlich, aber auch vor allem skurril bis grobschlächtig dargestellt. Wenngleich scherzhaft gemeint, irritiert etwa die Bemerkung Rodolphes über die erste Regelblutung seiner Tochter durch ihre Rohheit. Fast könnte man auf den herzlosen Gedanken kommen, das Handicap der Béliers wäre nur so etwas wie eine Metapher für die Borniertheit der Provinzbewohner.

Aber soviel grübeln muss man nicht. Angenehmer ist es, zu bangen und zu hoffen, dass die Sehnsüchte eines jungen Mädchens sich erfüllen mögen. Die Macher von "Verstehen Sie die Béliers?" spielen in dieser Hinsicht, musikalisch gesagt, geschickt auf der Klaviatur der Emotionen.

Quelle: teleschau - der mediendienst