Chappie

Chappie





Das Kind im Roboter

Die Zukunft nach Neill Blomkamp hat schon längst begonnen. Der südafrikanische Filmemacher zeigt sie immer ziemlich gegenwärtig - dreckig, dunkel, deprimierend. In seinen ersten beiden Filmen, "District 9" und "Elysium", hat der Regisseur aus scharfsinnigen Beobachtungen des Jetzt unterhaltsames Actionkino mit düsterer Nachdenklichkeit gemacht. Auch sein dritter Film "Chappie" ist ein subversives Spektakel mit Gewissen - und einem äußerst liebenswerten Polizeiroboter-Baby.

Bevor Titelheld Chappie die Welt mit dem Bewusstsein eines staunenden Kindes entdecken kann, gehörte er zur automatisierten mechanischen Polizei der nahen Zukunft. Die sorgt unnachgiebig dafür, dass es die Gangster ziemlich schwer haben: Blomkamp hat "Chappie" in seiner Heimatstadt Johannesburg angesiedelt. Die Metropole gilt als gefährlichste Stadt der Welt. Weil die Polizei der Kriminalität nicht mehr Herr wird, setzt sie im Jahr 2016 Polizeiroboter der Fira Trans Vaal ein, die von der Chefin Michelle (Sigourney Weaver) recht umsichtig geleitet wird.

Die Ordnungshüter aus Metall erledigen ihren Job gewissenhaft und sterben normalerweise nicht im Dienst. Nur bei Totalschäden geht's in die Schrottpresse. Dort soll eigentlich auch der Roboter 22 landen: Weil aber seinem Schöpfer, dem Wissenschaftler Deon (Dev Patel) der Durchbruch in einem privaten Forschungsprojekt gelingt, bekommt der Robocop eine zweite Chance. Deon stattet den Polizeiroboter mit künstlicher Intelligenz und einem künstlichen Bewusstsein aus.

Chappie heißt der im Motion-Capture-Verfahren von Sharlto Copley ("District 9", "The A-Team") gespielte Kerl fortan und will eigentlich nur lernen und staunen. Er kann denken und fühlen, entdeckt die Welt mit den Augen eines Kindes. Blomkamp lässt in seinen blutigen SciFi-Kracher eine ordentliche Portion Humor zu. Dafür ist das südafrikanische Proll-Rap-Duo Die Antwoord zuständig : ¥o-Landi Vi$$ser und Ninja haben es sich am Rande der Gesellschaft eingerichtet und wollen Chappie als "Metal Gangsta #1" großziehen.

Es ist eine ziemlich unterhaltsame, wenngleich etwas zu laut dröhnende Mischung aus naivem Roboter-Märchen und als Science-Fiction verkleidete Zustandsbeschreibung einer finsteren Gegenwart, die Neill Blomkamp mit "Chappie" geschaffen hat. Der bisweilen alberne Humor mag überraschen, nimmt dem düsteren Spektakel aber die Unerträglichkeit: Chappie lernt eine ziemlich verkommene Welt kennen, in der es für Außenseiter keinen Platz gibt.

Bevor er seinen dritten Film zu einem actiongeladenen Gangster-Epos mit brutalem Showdown ausbaut, lässt sich Neill Blomkamp viel Zeit für die Beobachtung seines Babys aus Metall. Es ist rührend und kurios, Chappie und die Gangsta-Braut Yolandi beim Bonding zuzusehen: Die Räuber-Mutter gibt ihrem Gendarmen-Baby aus Metall die Lebenshoffnung mit, die sie selbst verloren hat. Doch die Idylle währt nicht lange: Der korrupte Ex-Soldat Vincent Moore (Hugh Jackman) startet mit einer monströsen Kampfmaschine eine gnadenlose Hetzjagd auf Chappie, der den Kampf mit der trotzigen Willenskraft eines Teenagers annimmt.

Zugegeben, Regisseur Neill Blomkamp schießt immer mal wieder über das Ziel hinaus und erzählt seine Story etwas zu plakativ und vorhersehbar. Aber selten hat man im Kino eine so ungestüme und detailverliebte Mischung aus knallharter Gangsta-Milieustudie, Romantik und engagierter Gesellschaftskritik gesehen. Und selten schließt man einen Roboter so sehr ins Herz, wie Chappie. Zumal er mit seiner Reflexion über das Bewusstsein für einen Hoffnungsschimmer in einer hoffnungslos barbarischen Welt sorgt.

Quelle: teleschau - der mediendienst