Christiane Paul

Christiane Paul





Apokalypse auf Kölsch

Anfang, Mitte der 90-er war Christiane Paul so etwas wie das ostdeutsche Mädchenwunder: superhübsch, ein Modeltyp, dazu aber auch schauspielerisch außergewöhnlich talentiert. Dass die Tochter eines Pankower Ärzteehepaares auch noch nebenbei Medizin studierte - und abschloss - es war einem fast schon unheimlich. Heute, zwei Dekaden später, ist die 40-jährige Mutter zweier Kinder eine der gefragtesten deutschen Schauspielerinnen. Vom Wunder hat sie sich zu einer harten TV- und Kinoarbeiterin auf gehobenem Niveau entwickelt. Im Nachkriegsmelodram "Die Himmelsleiter" (Freitag, 27.02., 20.15 Uhr, und Samstag, 28.02., 20.15 Uhr, ARD) spielt Christiane Paul nun eine Trümmerfrau im zerbombten Köln, die alle Mühe hat, das Überleben ihrer Familie zu organisieren.

teleschau: Momentan beschäftigen sich viele Filme mit der deutschen Situation nach dem Kriegsende. Was, glauben Sie, hat aus dieser Zeit am stärksten auf die Menschen abgefärbt?

Christiane Paul: Es gibt über die deutschen Jahre 1945 bis 1948 erstaunlich wenig. Das habe ich bei der Literaturrecherche gesehen. "Der Alpdruck" von Hans Fallada ist so ein Beispiel. Dieser Roman wurde zwar direkt nach dem Krieg geschrieben, herausgekommen ist das Buch aber erst im letzten Jahr. Es gab auch in späteren Jahren nur sehr zaghafte Versuche, sich der "Stunde Null" fiktional anzunehmen. Den Film "Anonyma" mit Nina Hoss kennt man vielleicht noch, trotzdem gibt es insgesamt ziemlich wenig.

teleschau: Wie empfanden Sie selbst das Eintauchen in jene Zeit?

Christiane Paul: Ich merkte vor allem, wie apokalyptisch es war. Ich meine damit nicht nur die äußeren Bedingungen: Hunger, Not, Kälte. Auch mit der inneren Scham, den Schuldgefühlen und dem Tod klarzukommen - das hat Fallada sehr bedrückend beschrieben. Auch hier kommt neben dem Innenleben die Kulisse ins Spiel. Alles lag in Trümmern, war verschwelt, es rauchte. Ich finde, das Wort Apokalypse trifft es ziemlich gut.

teleschau: Gibt es so wenig Literatur und Kunst aus jener Zeit, weil man dachte, dass sich auch das Publikum schämt, sich mit dieser Epoche zu beschäftigen?

Christiane Paul: Falladas Verleger nannte das Buch damals Trümmerliteratur. Er sagte seinem Autoren, dass man die Leute mit solchen Geschichten nicht noch weiter demoralisieren dürfe. Ich habe mir auch den Film "Die Mörder sind unter uns" mit Hildegard Knef angesehen. Der ist Anfang 1946 entstanden. Die Knef sieht darin aus wie ein Top-Model, soll aber gerade aus dem KZ kommen Es ist geradezu absurd. Und doch war das wahrscheinlich wichtig für den Erfolg des Films, dass da eine so hübsche Frau zu sehen war - auch als Gegenpol zu dem harten Thema des Films.

teleschau: Peter Zingler, der Autor des Films, hat im Drehbuch zu "Die Himmelsleiter" seine eigene Kindheit beschrieben. Was hat das Aufwachsen in dieser Zeit mit den Menschen gemacht?

Christiane Paul: Sehr viel, denke ich. Es ist ja auch die Zeit meiner Eltern, meine Mutter wurde 1940 geboren, sie hat mir sehr viel von damals erzählt. Ich glaube, die Generation, die damals Kind war, hat das Leben schätzen gelernt. Es ist eine Wertschätzung den Dingen gegenüber, die man hat. Oft ist es auch eine Liebe zu materiellen Dingen, eine Wertschätzung gegenüber dem Essen beispielsweise. Meine Mutter würde nie ein Lebensmittel wegschmeißen, das man noch halbwegs essen kann.

teleschau: Die Einstellung, aus der heraus das Wirtschaftswunder geschaffen wurde?

Christiane Paul: Das Wirtschaftswunder gab es bei uns im Osten ja so nicht. Stattdessen gab es die starke Verbindung zur russischen Kultur. Kennzeichnend für die Zeit war aber auch eine große Strenge zu sich selbst. Diese Disziplin, nach vorne kommen zu wollen. Sich nicht unterkriegen zu lassen. Durchzuhalten. Es sind Leute, die wissen, was Leid bedeutet und wie man sich da herauswinden kann. Alles zusammen genommen ergibt eine gewisse Zähigkeit.

teleschau: "Die Himmelsleiter" wurde in der imposanten Kulisse einer großstädtischen Trümmerlandschaft gedreht. Strahlt so etwas auf Schauspieler ab?

Christiane Paul: Jede Kulisse, die etwas ausstrahlt, ist für uns Schauspieler hilfreich. Ich kannte den Set Designer von "Das Adlon" und wusste, dass er sehr genau arbeitet. Gute Kulissen und authentische Ausstattung helfen immer dabei, eine Atmosphäre zu kreieren.

teleschau: Die Schauspieler reden kölschen Dialekt, obwohl die meisten wie Sie nicht aus der Region kommen. Wie schwierig war das?

Christiane Paul: Ich finde es gut, dass man den Film im Dialekt gemacht hat. Wir Schauspieler konnten uns mit Hilfe eines "Dialogue Coaches" darauf vorbereiten. Man probt und hört nebenbei sehr viel, um in den Sound der Sprache reinzukommen. Den Kabarettisten Konrad Beikircher habe ich zum Beispiel intensiv gehört. Auch Karnevalsmusik. Die Mentalität ist schon eine andere als das Preußische, das mir ja weitaus vertrauter ist. Das Rheinländische hat mehr Lebensfreude und etwas sehr viel Weicheres. Obwohl die Figur, die ich spiele, auch wieder etwas sehr Preußisches hat. Vielleicht haben die Jahre nach 1945 preußische Wesenszüge auch einfach nur stärker herausgearbeitet. Frauen, denen das nicht gelang, hätten es wohl auch nicht geschafft, zu überleben.

teleschau: Glauben Sie, dass eine Kölner Trümmergeschichte andere Facetten hat als beispielsweise eine Berliner?

Christiane Paul: Ja. Kölner nehmen die Dinge einfach nicht so schwer. Sie verzeihen auch anders und leichter. Als wir mit dem Drehen begannen, mussten wir festlegen, wie stark wir den Dialekt im Film anlegen - weil die Art des Sprechens, der Dialekt eben, auch Einfluss auf den Ausdruck, dessen was gesagt wird, hat. Einerseits wollten wir ihn klar drin haben, andererseits sollte das Ganze auch kein Mundartstück werden. Sprache transportiert immer auch Mentalität. Dialekte vermitteln Einstellungen zu gewissen Dingen. Das Kölsche ist also ein wichtiger, spezifischer Bestandteil des Films.

teleschau: Der Film ist nicht nur Ihre erste Rolle im rheinischen Dialekt, sondern auch die erste, in der Sie eine Oma spielen. Wie fühlt sich das an?

Christiane Paul: Naja, am Anfang ist man schon ziemlich geschockt. Vor allem, wenn man merkt - sie machen gar keine Altersmaske (lacht). Aber dann dachte ich, egal - es ist eine tolle Rolle. Und fertig.

teleschau: Haben Sie sich über die Beschäftigung mit der Zeit noch anders auf die Rolle der Trümmerfrau vorbereitet?

Christiane Paul: Ich habe Klavierspielen gelernt. Ich hatte drei Monate Zeit für drei Stücke, zwei waren von Schumann, eins von Mozart. Außerdem habe ich einen Nähkurs gemacht, weil ich in meinem Leben noch nie genäht hatte - außer chirurgisch. Ich wollte ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist, an so einer Nähmaschine zu sitzen und damit seine Arbeit zu erledigen.

teleschau: Nachkriegsliteratur und -filme studieren, Kölsch lernen, einen Nähkurs machen und Klavierspielen lernen. Bereiten Sie sich immer so intensiv auf einen Film vor?

Christiane Paul: Eigentlich, ja. Aber hier noch mal besonders. Es war schon eine extrem aufwendige Rolle.

teleschau: Und mal wieder Historienfernsehen. Was nach dem Krimi in Deutschland die sicherste Bank für Publikumserfolg sein dürfte. Wünschen Sie sich manchmal mehr Diversität bei den Stoffen, die man als Schauspielerin in Film und Fernsehen spielen darf?

Christiane Paul: Unterschiedliche Stoffe oder Genres sind immer toll, denke ich. Ich versuche, immer etwas anderes zu machen, auch um mich als Schauspielerin bei Laune zu halten.

teleschau: Trotzdem gibt es abseits von Krimi, Historie, Komödie oder Melodram fast nichts anderes. So ein tragikomisches Zeitstück wie "Eltern" von Robert Thalheim, in dem Sie mit Charly Hübner realistisch die moderne Familie sezierten, ist schon ausgesprochen selten ...

Christiane Paul: Ja, danke für das Kompliment. Es war eine fantastische Arbeit. Charly Hübner kenne ich ohnehin sehr gut und Robert Thalheim ist ein toller Regisseur ...

teleschau: Der es schafft, Filme authentischer aussehen zu lassen, als viele andere Regisseure. Warum ist es eigentlich so schwer, etwas Lebensechtes in Filme hineinzubringen?

Christiane Paul: Eine gute, aber schwer zu beantwortende Frage. Fiction zu inszenieren, ist ja zunächst mal etwas sehr Künstliches. Trotzdem schaffen es zum Beispiel die Amerikaner heute oft, dass Szenen authentisch, nah und lebendig wirken. Wir tun uns damit sehr viel schwerer. Es hat sicher auch ein bisschen mit der deutschen Theatertradition zu tun. Wir Deutschen begriffen sowohl Theater als auch Film immer als Kunstform. In Amerika wollte man dagegen Geschichten erzählen und vor allem unterhalten. Die Amerikaner haben diesen Ansatz ja selbst auf der Bühne. Da ist eine Lebensnähe, die wir nicht haben, weil wir von woanders herkommen und das auch immer noch in uns tragen.

teleschau: Fehlt den Deutschen also die Lässigkeit, das Leben in ihre Kunst reinzulassen?

Christiane Paul: Uns fehlt vielleicht die Beiläufigkeit, die sich im Film eben auch nicht so einfach herstellen lässt. Beiläufig und damit lebensecht zu inszenieren, heißt, dass man neben dem Spielen einer Szene immer noch andere Dinge nebenher macht, wie ja auch im echten Leben. Während ich mit Ihnen spreche, tue ich ja noch andere Dinge, die erst mal nichts mit dem Interview zu haben, die aber menschlich sind. Ich hampele herum, schaue hierhin und dahin, vielleicht checke ich sogar ein paar Dinge, die vordergründig nichts - aber vielleicht eben doch - mit unserem Gespräch zu tun haben. Das ist normal, wir verhalten uns alle so. Im deutschen Fernsehen wirkt es manchmal eindimensionaler, weil Leute, die miteinander wichtige Dinge zu bereden haben sich mit allem, was sie haben, auf dieses Gespräch konzentrieren. Dann wirkt es schnell starr. Diese ganzen Vorgänge dazu zu inszenieren, ist eine hohe Kunst. Die beherrscht Robert Thalheim exzellent, weshalb ein Film wie "Eltern" so realistisch aussieht.

teleschau: Man müsste also viel mehr Sorgfalt in die Produktion von Filmen legen, wenn man vorhätte, das Medium lebensechter zu machen?

Christiane Paul: Man bräuchte sicher mehr Zeit und Geld. Zum Beispiel dafür, dass man Dinge lernt, die man in der Rolle zu tun hat. Genauso wichtig sind allerdings Regisseure, die mit einem solchen Anspruch an Filmszenen herangehen. Thalheim war es wichtig, echte Vorgänge in einer Szene zu filmen. Wenn die Familie gerade Abendessen vorbereitete, war es ihm wichtig, dass wir diesen Prozess genauso ernst nehmen, wie die Dialoge, die wir während der Essenvorbereitung zu spielen hatten. Schauen Sie sich mal Brad Pitt in "Moneyball" an. Es ist unglaublich, was seine Figur alles tut, während sie einen Dialog spricht. So etwas zu inszenieren, ist extrem anspruchsvoll. Aber auch eine Arbeit, die sich lohnt.

teleschau: Sie sind mittlerweile 20 Jahre im Geschäft. Fühlen Sie sich heute in Ihrem Beruf anders als damals?

Christiane Paul: Ich fühle mich heute sehr viel mehr angekommen in der Schauspielerei. Es ist einfach ganz klar mein Beruf. Ich weiß auch sehr viel mehr. Trotzdem ist es wie in vielen anderen Bereichen des Lebens: Je mehr man weiß, desto schwieriger wird's. Weil man eben eine Ahnung davon hat, was es alles an guten Sachen gibt und wie schwer es ist, dorthin zu kommen. Weil man das Leben besser und kennt und weiß, wie komplex es ist. Trotzdem: Es macht mir heute genauso viel Spaß wie damals. Und ich weiß, wie dankbar ich sein kann, Arbeit zu haben und tolle Rollen spielen zu dürfen.

Quelle: teleschau - der mediendienst