Michael Maertens

Michael Maertens





Furioser Spätstarter

Dass man in einem Film der "Stromberg"-Macher Ralf Husmann und Arne Feldhusen eine Hauptrolle spielen darf, ist für einen ambitionierten Schauspieler ein Geschenk. Wenn man sich jenes Feuerwerk anschaut, das Michael Maertens ("Finsterworld") an der Seite von Co-Star Charly Hübner in der Sozial-Satire "Vorsicht von Leuten" (Mittwoch, 25.02., 20.15 Uhr, ARD) zündet, muss man allerdings auch zugeben: Gut, dass man so einen wie Michael Maertens für diese Rolle gewinnen konnte. In der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ralf Husmann spielt der 51-Jährige einen Blender und Betrüger im großen Stil. Einen Mann wie den sagenumwobenen Jürgen Harksen, der Reiche und Prominente um ihr Geld brachte und Dieter Wedel zu seinem Film "Gier" (2010) inspirierte. Michael Maertens, der mit seiner Frau Mavie Hörbiger zwei kleine Kinder hat, stammt aus einer Hamburger Schauspiel-Dynastie. Im Interview spricht der in der Schweiz lebende Schauspieler über das Wesen der Lüge und seine bisher so furios verlaufende "Zweitkarriere" im Film.

teleschau: Man hat Sie lange Zeit kaum im Fernsehen oder Kino gesehen, obwohl Sie als Schauspieler längst Karriere gemacht hatten!

Michael Maertens: Ja, das war eher eine Entscheidung für das Theater, weniger gegen das Fernsehen. Ich bin ja nun schon 51. Als ich ans Theater kam, bin ich sofort eingeschlagen - war an großen Häusern, bekam tolle Rollen. Ich war einfach total eingebunden, und außerdem machte es unglaublich viel Spaß. Ab und zu tätigte ich dann seltsame Ausflüge zu eher unspektakulären Fernsehrollen, damit auch meine Verwandtschaft sieht: "Aha, der ist tatsächlich Schauspieler!" (lacht) Dass meine Filme und Rollen mehr Aufmerksamkeit erregen, passiert ja erst neuerdings.

teleschau: In "Vorsicht vor Leuten" sind Sie gleichberechtigter Co-Star neben Charly Hübner. Es muss also etwas passiert sein ...

Maertens: Ja, ich habe mich bemüht. Als ich 50 wurde, wollte ich es irgendwie noch mal wissen. Damals hatte ich weder eine Agentur, noch aktuelle Fotos von mir. Geschweige denn so ein "Showreel" mit Szenen von mir, um mich zu präsentieren. Ich rief also eine Agentur an, machte Fotos und einen Demo-Film, auf dem ich etwas erzählte. Sieben Tage später rief Detlev Buck an, wegen einer Rolle in "Bibi & Tina". Schwupps hatte ich meinen ersten Film seit vielen, vielen Jahren. Seitdem läuft es insgesamt sehr gut für mich.

teleschau: Warum kommen so wenige gute Filme aus Deutschland, die den Begriff Satire verdienen?

Maertens: Nun, das ist eben auch ein kleines Genre - vor allem hier in Deutschland. Sagt man den Menschen in unserem Land nicht traditionell eine gewisse Humorlosigkeit nach? Ich glaube dennoch nicht unbedingt, dass das stimmt. Auf Ralf Husmann oder Arne Feldhusen, die diesen Film gemacht haben, trifft es sicher nicht zu. Ich fand schon "Stromberg" genial, auch wenn es sich dabei gewissermaßen um ein geklautes Format handelt. Aber wie sie "The Office" auf deutsche Verhältnisse übertragen haben, das ist schon ganz große Kunst. Es gab aber auch früher gute Satiren im deutschen Fernsehen. Als ich ein Kind war, lief Dieter Wedels Mehrteiler "Die Familie Semmeling", der von diesen Häuslebauern erzählte. Das war grandios erzählt, satirisch und aus dem Deutschland der 70-er.

teleschau: In "Vorsicht vor Leuten" trifft ein kleiner Alltags-Lügner auf einen Mann, der die Leute im großen Stil betrügt. Leben wir in einer Zeit der Lüge?

Maertens: Lügen ist erst mal menschlich. Das sehe ich an meinen kleinen Kindern. Es ist uns angeboren, dass wir mit kleinen Lügen versuchen, Dinge zu erreichen. Lügen sind ein ganz menschliches Mittel, um vor Anderen in einem besseren Licht dazustehen. Diese kriminelle Energie, die meine Figur inne hat, geht natürlich darüber hinaus. Da könnte man höchstens darauf kommen, dass in einer Zeit, wo das Geldscheffeln Konsens ist, eben der ein oder andere wahnsinnig wird. Entweder als getriebener Anleger oder eben als Verführer - so wie ich in der Rolle.

teleschau: Wird denn nun heute mehr gelogen als früher?

Maertens: Nein, ich glaube eher weniger. Denken Sie an all die Konventionen früherer Zeiten. Gesellschaftliche Zwänge beinhalten ja oft Lügen. Im 18. Jahrhundert verhielt man sich sicher weniger offenherzig als heute. Mittlerweile gehen wir mit vielen Dingen freier um. Nein, insgesamt ist unsere Gesellschaft sogar ehrlicher geworden, denke ich.

teleschau: Müssen begabte Hochstapler ein Stück weit selbst an ihre hanebüchenen Versprechungen glauben, um richtig gut zu sein?

Maertens: Ja, ich glaube genauso ist es. Man muss auf eine gewisse Art schizophren sein, um Hochstapelei in Perfektion abzuliefern.

teleschau: Gibt es da eine Analogie zum Schauspielberuf? Das berühmte "Method Acting" arbeitet ja mit der Idee, dass man als Schauspieler mit seiner Rolle verschmelzen soll.

Maertens: Ich glaube nicht an Schauspielmethoden, sondern daran, dass jeder Schauspieler letztendlich seine eigene Methode hat. Auch mit Begriffen wie "Kopfschauspieler", "Bauchschauspieler" oder "Instinktschauspieler" konnte ich nie etwas anfangen. Dennoch sind wir von außen betrachtet natürlich immer Hochstapler und auch Lügner. Weil wir den Menschen ständig vorgaukeln, etwas anderes zu sein als das, was wir sind.

teleschau: Sind Sie ein Hochstapler, der an das glaubt, was er da spielt?

Maertens: Nein. Ich bin mir beim Spielen immer sehr bewusst, dass ich spiele. Das hat man mir auch schon vorgeworfen. Andererseits scheint es trotzdem zu funktionieren, sonst hätte ich wohl weniger Erfolg gehabt in meinem Beruf. Die Qualität von Schauspiel ist sehr schwer zu beschreiben. Manche sagen, man muss durchlässig sein. Ich weiß gar nicht, was das sein soll. Ich würde mich noch nicht mal als locker bezeichnen oder sagen, dass man diese Eigenschaft als Schauspieler mitbringen muss. Fast alle Menschen haben etwas Verklemmtes in sich. Auch damit kann man prima arbeiten.

teleschau: Ihr Großvater, Vater und sämtliche Geschwister sind Schauspieler. Sie sind mit einer Schauspielerin verheiratet, die ihrerseits aus einer Schauspielerfamilie kommt. Haben Sie manchmal das Gefühl, sich in einer Blase zu bewegen?

Maertens: Ich kenne es ja nicht anders. Natürlich ist unsere Welt ein bisschen klein, ich hätte gern einen Arzt oder Anwalt in der Familie gehabt (lacht). Tatsächlich ist meine Mutter aber die einzige von uns, die keine Schauspielerin ist - obwohl sie die Theatralischste von allen ist. Ich bin aber sehr zufrieden mit diesen Menschen. Weil ich sie alle wahnsinnig gern habe.

teleschau: Wenn eine Gruppe von Lehrern an einem Tisch sitzt, wird vor allem über Schule geredet. Ist es bei Schauspieler ähnlich?

Maertens: Nein. Man redet über Kinder, Natur und Sport. Auch über Liebe und Sex (lacht). Ich arbeite sehr viel und bin deshalb ständig von Schauspielern umgeben. Das Spielen an sich ist unter Schauspielern kein großes Thema. Nur wenn es eng wird und man einen Rat braucht, ist es gut, wenn man gute Schauspieler, denen man vertraut, in der Nähe hat. Dafür bin ich dankbar.

teleschau: Gibt es einen Wesenszug, den Schauspieler gemeinsam haben?

Maertens: Ja. Es gibt viele Egomanen unter ihnen, die aber gleichzeitig sehr unterhaltsam sind. Ich empfinde dies als Glücksfall. Dadurch ist mein Leben nie langweilig.

Quelle: teleschau - der mediendienst