Was deutsches Kino kann ...

Was deutsches Kino kann ...





Die deutschen Filme im Wettbewerb der 65. Berlinale - eine Bilanz

Was waren das noch für trübe Zeiten, damals in den 90er-Jahren, als sich der deutsche Film bisweilen eher schlecht als recht durch die Berlinale mühte. Nicht ganz vergessen - aber sicher vorbei! Wie schon im vergangenen Jahr präsentierte sich Deutschland bei der Berlinale im Wettbewerb um den Goldenen Bären auch diesmal von seiner guten künstlerischen Seite. Wenn auch, wie übrigens bei der gesamten Berlinale, der Humor als Teil des filmischen Kulturbetriebs vollkommen ausgeschlossen wurde, bewiesen die Beiträge doch die Vielfältigkeit des Kinos hierzulande. Fünf Filme mit deutscher Beteiligung waren am Potsdamer Platz in den vergangenen Tagen zu sehen, drei davon im Wettbewerb. Ein Überblick ...

"Queen of the Desert": Zahlreiche nationale und internationale Stars besuchten wie gewohnt die Berlinale. Doch nie war die Aufregung in diesem Jahr so groß wie bei Nicole Kidman. Sie spielt die Hauptrolle in Werner Herzogs Frauenbiografie "Queen of the Desert". Sicher: Man tut sich schwer, hier von einem "deutschen Film" zu sprechen, der doch - trotz deutschen Produktionshintergrundes - erkennbar alles daran setzt, international und damit hollywoodtauglich zu wirken. Nicole Kidman spielt die 1868 geborene britische Historikerin, Archäologin und Spionin Gertrude Bell, die an der Weichenstellung für die politische Neuordnung des Nahen Ostens um 1920 beteiligt war. An ihrer Seite sind der starke James Franco, "Homeland"-Star Damian Lewis und Robert Pattinson zu sehen. Leider entschied sich Herzog, das eigentlich höchstinteressante politische Wirken Bells nur eine untergeordnete Rolle spielen zu lassen und stattdessen viel Zeit für amouröse Momente aufzuwenden. Dank opulenter Bilder und einer womöglich in Anbetracht der harschen Wüstenumgebung etwas zu schönen Nicole Kidman ist "Queen of the Desert" sicher ein Werk mit großen Schauwerten geworden. Nur eben leider kein wirklich wichtiger Film, der er durchaus hätte sein können. "Queen of the Desert" ist derzeit noch ohne Starttermin in Deutschland.

"Victoria": "Aufregend, geil und besonders" sei es gewesen, sagt Regisseur Sebastian Schipper über dieses große Experiment. "Victoria" gehört fraglos zu den interessantesten deutschen Wettbewerbsbeiträgen seit der Jahrtausendwende. Und nicht nur das: Er gehört auch zu den besten. Es dauert, bis man sich an diese Verrücktheit auf der Leinwand gewöhnt hat. Doch sie funktioniert. In gewisser Hinsicht ist das ein kleines Kinowunder. Schipper ("Absolute Giganten") hat seinen Film in nur einer einzigen Einstellung gedreht - "eine hirnrissige Ladung von übersteigertem Selbstbewusstsein", wie er lächelnd einräumt. Es geht um ein spanisches Mädchen, das ins nächtliche Berlin geworfen wird und dort auf vier heftige Jungs trifft. Es folgen: ein Banküberfall und die Flucht. Und die Kamera ist immer mittendrin. Nur wenige Seiten umfasste das Drehbuch, der Rest ist improvisiert. In Anbetracht des überaus sauberen und technisch cleanen Gegenwartskinos hätte dieses Werk wirklich leicht missglücken können. Doch das tut es nicht, sofern man sich einlässt auf neue Seh- und auch Hörgewohnheiten. Es ist zu erahnen, wie viel Angst, vor allem aber wie viel Spaß all die Beteiligten während dieses Trips hatten. Dreimal wurde der Film gedreht, die dritte Version wurde genommen und kommt am 11. Juni in die Kinos. Die Hauptrollen spielen Laia Costa, Frederick Lau und Franz Rogowksi.

"Als wir träumten": Wie ein Film von Andreas Dresen sieht "Als wir träumten" eigentlich gar nicht aus. So heftig, so schonungslos und so jung war der Regisseur ("Halbe Treppe", "Sommer vorm Balkon") bislang nicht. Er schlägt in seinem knapp zweistündigen Drama die Brücke zwischen der Zeit vor und der Zeit nach der Wiedervereinigung am Beispiel von Leipziger Jugendlichen. Sie lebten als Kinder inmitten eines dichten DDR-Regelwerks und verlieren sich als Heranwachsende zwischen den Möglichkeiten und Gefahren einer freien Welt. Sie träumen - von Liebe, von Erfolg, von Anerkennung. Und doch scheitern sie alle, und der Zuschauer darf sich fragen, ob das an ihrem Wesen oder doch an den gesellschaftlichen Voraussetzungen lag. Oder an beidem. Der Leipziger Autor Clemens Meyer schrieb die Buchvorlage 2006, Autor Wolfgang Kohlhaase und Andreas Dresen brachten sie auf die Leinwand (Start: 26.02.). Ein packendes Jugenddrama, großartig gespielt von bisher recht unbekannten Darstellern wie Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Marcel Heupemann und Joel Basman.

"Every Thing Will Be Fine": Es gibt sie bei jedem Festival, die wenigen Szenen inmitten der überbordenden Filmflut, die man nie mehr vergisst. "Every Thing Will Be Fine" von Wim Wenders hat eine solche Szene. Um ihrer Wirkung, die für die gesamte Geschichte entscheidend ist, nicht ihre Kraft zu nehmen, soll sie an dieser Stelle nicht ausführlich beschrieben werden. Nur so viel: Der Schriftsteller Tomas (James Franco) überfährt in einer einsamen verschneiten Landschaft ein Kind. Über zwölf Jahre hinweg verfolgt die Geschichte den Umgang von drei Beteiligten mit dieser Tragödie: Da ist zunächst Tomas selbst, wohl die schwierigste Rolle in der bisherigen Karriere Francos. Und da sind Kate (Charlotte Gainsburg), die Mutter des Kindes, und dessen Bruder Christopher, der Zeuge des Unfalls wurde. Es geht um Schuld und Vergebung, um Trauer, um das Zulassen von Emotionen und somit auch ein klein wenig um Liebe. Ein starker, ausnehmend kluger Film von Wenders, der immer melancholisch und streckenweise ein bisschen betulich ist. Der Regisseur erhielt bei der Berlinale den Goldenen Ehrenbären, sein Werk wurde in einer Retrospektive gezeigt. Schon deshalb wäre es schwierig gewesen, "Every Thing Will Be Fine" als regulären Beitrag innerhalb des Wettbewerbs zu präsentieren. So lief er außer Konkurrenz, die er jedoch sicher nicht hätte scheuen müssen. In die Kinos kommt er am 2. April.

"Elser": Hitlers geplanter Rückflug fiel aus und er musste auf einen Zug ausweichen. Deshalb verließ er am 8. November 1939 eher als vorgesehen den Münchner Bürgerbräukeller. Als die Bombe detonierte, war Hitler seit 13 Minuten nicht mehr im Gebäude. Schon 1989 verfilmte Klaus Maria Brandauer mit sich selbst in der Hauptrolle die Geschichte des Attentats auf Hitler. Am 2. April startet nun "Elser" in den Kinos, der in Berlin außerhalb der Konkurrenz lief. Oliver Hirschbiegel ("Der Untergang") inszenierte den Film mit Christian Friedel in der Hauptrolle. David Zimmerschied spielt Elsers Freund Josef Schurr, Katharina Schüttler ist als seine Geliebte Elsa zu sehen. Herausgekommen ist ein starkes Stück Kino - und ein heftiges dazu. Üble Folterszenen spart der Film nicht aus, der aus dem "Verhör" des Täters immer wieder zurückblendet und die Motivation Georg Elsers trefflich zu erklären versucht. Denn das Besondere an diesem Fall ist eben, dass er zu einem Zeitpunkt eingriff, als das Land mehrheitlich hinter Hitler stand, als der Krieg mit all seinen Gräueln noch nicht geführt war. Ein Film also, der ein deutsches Volk zeigt, das Hitler will. Schon das ist bemerkenswert.

Quelle: teleschau - der mediendienst