J. K. Simmons

J. K. Simmons





"Ich bin überhaupt kein Filmfreak"

Einen Golden Globe für den besten Nebendarsteller in "Whiplash" (Kinostart: 19.02.) nennt J. K. Simmons bereits sein Eigen - ein Oscar könnte es bald noch werden. Dabei wirkt sein Part in diesem Film als rabiater Musiklehrer, der Schüler zu Höchstleistungen peitscht, vielmehr wie eine Hauptrolle. Mit seinem herausragenden Spiel beweist J. K. Simmons, dass er auch einen ganzen Film tragen kann. Trotzdem steht er seit fast 20 Jahren eher in der zweiten Reihe: Sein Gesicht ist vielen bekannt, sein Name eher nicht. Dabei hat fast jeder Filminteressierte den 60-Jährigen schon mal gesehen, etwa als Zeitungs-Chef von Peter Parker in Sam Raimis "Spider-Man"-Trilogie oder als stellvertretenden Polizei-Chef in der erfolgreichen Krimi-Serie "The Closer". Die Auftritte mögen oft kurz sein, prägen sich aber ein - allerdings nicht unbedingt bei J. K. Simmons selbst, wie er im Interview lachend zugibt.

teleschau: Ihre Figur Terence Fletcher setzt auf fiesen militärischen Drill mit Schreien und Einschüchterungen, um die Schüler der Jazzklasse zu Höchstleistungen anzutreiben. Wie haben Sie sich diese Rolle erarbeitet?

J. K. Simmons: Ach, das kam ganz natürlich für mich ... (lacht) Wenn ich solche Charaktere spielen muss, frage ich mich immer: Was treibt sie an? Für was kämpfen sie? Bei Fletcher war mir sofort klar, als ich das Drehbuch las, dass alles, was er tut, von seiner Liebe für die Musik herrührt. Ich hatte einen Musiklehrer am College, der war Perfektionist, nicht so wie Fletcher, sondern sehr lieb, der sagte: "Unser erstes Ziel ist es, absolut fehlerfrei zu spielen, dann können wir beginnen, Kunst daraus zu machen."

teleschau: Nicht nur Sie haben Musik an der Hochschule studiert. Ihr Vater hat dieses Fach auch an der Universität gelehrt. Was hätte er zu Fletchers Herangehensweise gesagt?

Simmons: Er hätte sie nicht gut geheißen, denn er selbst war ein toller Lehrer. Einmal mit fast 30 Jahren hatte ich bei einem Besuch zu Hause in Montana die Gelegenheit heimlich mitzuerleben, wie er unterrichtet. Ich war so erfreut zu sehen, dass mein Vater diese Art von charismatischem Lehrer ist, der die Neugier weckte und die Liebe zur Musik vermitteln kann. Wie er Fletcher wohl gesehen hätte? Er war der Leiter der Abteilung Musik an der Universität und hätte ihn wohl sofort gefeuert.

teleschau: Im Film findet Fletcher in dem extrem begabten Schlagzeugschüler Andrew, verkörpert von Miles Teller, einen interessanten Gegenpart. Wie sah das aus, wenn die Kamera aus war?

Simmons: Miles ist ein totaler Feigling. Er wollte nicht, dass ich ihn heftig anfasse, dass ich ihn anspucke, dass ich ihm Beleidigungen an den Kopf werfe ... Im Ernst: Wir waren sofort Kumpels. Ungefähr wie zwei Gleichaltrige, die im gleichen Highschool-Football-Team spielen, das war das geistige Niveau, auf dem wir uns bewegten.

teleschau: Wer hat sich denn die ganzen Beleidigungen ausgedacht, man bekommt eine erstaunliche Vielfalt zu hören ...

Simmons: Die meisten stammen aus den dunkelsten Windungen von Damiens (Chazelle, Autor und Regisseur, Anm. d. Red.) Hirn. Allerdings war er erstaunt, wie scharf sich das, was auf dem Papier ganz okay klang, bei mir plötzlich anhörte. Das war überhaupt der größte Spaß beim Drehen und in der Zusammenarbeit mit Damien und Miles. Alles war perfekt vorbereitet und geschrieben und dennoch ließ Damien zu, dass wir eigene Ideen, die auch durch das Zusammenspiel entstanden, einbringen durften.

teleschau: Auch wenn es um Musik geht, wirkt der Film mit viel Schweiß, Muskelkraft und blutenden Händen in seiner Körperlichkeit wie ein Sportlerfilm.

Simmons: Fletcher unterwirft sein eigenes Leben selbst strengen Regeln und ist äußerst diszipliniert. Er hat gelernt, dass er so seinen Willen überall durchsetzen kann und unangreifbar ist. Das geht mehr in Richtung Militär als Sport, dazu gehört auch die Einschüchterung der Studenten, von denen er das Gleiche verlangt wie von sich selbst. Wir haben während des Drehens gewitzelt, dass das hier ja sei wie "Full Metal Jacket goes Julliard School".

teleschau: Der Vergleich mit dem berühmten Musikkonservatorium und dem legendären Anti-Kriegsfilm scheint passend ...

Simmons: Dabei habe ich nie den ganzen Film gesehen. Jetzt ist Zeit für Geständnisse: Ich bin überhaupt kein Filmfreak, und habe viele der Werke, in denen ich kleine Rollen hatte, nie angeschaut.

teleschau: Rein äußerlich kommen Sie rüber wie frisch aus der Kaserne, war das Absicht?

Simmons: Das liegt sicher auch an der Kleidung. Fletcher trägt jeden Tag so ziemlich das Gleiche, das war wie eine Uniform. Ich mochte das. Bei der Entwicklung seines Looks war ich mit beteiligt. Ich hatte das Aussehen eines Fitnesstrainers für Hausfrauen im Fernsehen der 50er-Jahre im Kopf, so eine Art Jane Fonda vor Jane Fonda, der trug immer schwarze Jumpsuits.

teleschau: Wie diszipliniert sind Sie eigentlich selber?

Simmons: Das schwankt so. In meiner Jugend war ich sehr sportlich und ehrgeizig, dann kamen wieder faule Phasen. Für einen Film wollte man mich fett. Da wollte ich erst absagen, dachte mir aber dann, dass das ein Spaß sein könnte. Die letzten fünf Jahre schwankte mein Gewicht mal über 30 Kilos rauf und runter. Für Fletcher wollte ich unbedingt fit und gesund sein und bin das Ganze sehr vernünftig, ohne den Jo-Jo-Effekt entstehen zu lassen, angegangen. Statt Croissants zu essen, ging ich lieber nochmal zum Training. Und das versuche ich weiter beizubehalten.

teleschau: Nochmal zu den kleinen Rollen, Sie haben oft nur kleine Auftritte, deshalb kennt man Ihr Gesicht, aber nicht ihren Namen. Wie geht es Ihnen damit?

Simmons: Das ist wirklich sehr erstaunlich, wie oft ich erkannt werde von Leuten auf der Straße und wegen welcher Rolle. Im letzten Jahr war ich mit der Familie und den Kindern das erste Mal zusammen in Paris. Da haben sich die Menschen immer noch an die Serie "Oz - Hölle hinter Gittern" erinnert, dabei war das in späten 90er Jahren. Aber auch auf "Burn After Reading" werde ich häufig angesprochen.

teleschau: Das war 2008 Ihre zweite Zusammenarbeit mit den Coen-Brüdern nach "Ladykillers".

Simmons: Ja, und es war wieder beeindruckend zu sehen wie die beiden arbeiten, als ob sie ein riesiges Gehirn teilen. Die Geschichte meines Parts in "Burn After Reading" war wirklich interessant. Ich hatte mich für viele andere Rollen in dem Film beworben. Und immer riefen sie nach dem Vorsprechen meinen Agenten an und sagten: "Wir lieben J. K., aber das passt noch nicht." Dann boten Sie mir eine weitere Rolle an und ich las das Drehbuch mit dieser Figur im Kopf noch einmal und erkannte, dass das die beste Figur im ganzen Film ist. Sie hat nur zwei Szenen, aber wie sich zeigte, sehr beeindruckende.

Quelle: teleschau - der mediendienst