Whiplash

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Angst als Motivation

Die Erfolgsgeschichte von "Whiplash" begann beim Sundance Film Festival 2012. Für seinen Kurzfilm räumte der 28-jährige Regisseur und Autor Damian Chazelle den entsprechenden Preis ab, um 2014 mit einer neuen Langversion von "Whiplash" dort wieder als Gewinner hervorzugehen. Zu Recht: Denn das heikle Unterfangen der Transformation glückte ihm hervorragend. Mit viel erzählerischem Geschick sorgt Chazelle dafür, dass dem Werk nun auch auf Spielfilmlänge bis zum Ende nicht die Luft ausgeht. Dafür gab es dann auch verdientermaßen fünf Oscar-Nominierungen - darunter für den besten Film und für Schauspieler J. K. Simmons als Lehrer und Jazz-Orchester-Dirigent mit fragwürdigen Methoden.

Wer am renommiertesten Musikkonservatorium der USA in die Band des Lehrers Terence Fletcher (Simmons) aufgenommen wird, dem eröffnen sich große Karrierechancen - wenn er durchhält. Denn Fletcher setzt auf militärischen Drill und Einschüchterung. Dabei hält er die Angst vor dem Versagen für den größten Antrieb, um Exzellenz zu erreichen. Zudem bläut er seinen Schülern ein, dass der kleinste Fehler eines Einzelnen den Erfolg des ganzen Ensembles gefährdet. Als bestes Beispiel dafür dient ihm Charlie Parker. Von der Jazz-Legende wird erzählt, er habe als junger Mann auf einer Jam-Session im Reno Club in Kansas City so schlecht gespielt, dass der Schlagzeuger vor Wut sein Becken auf den Fußboden warf. Danach wandelte sich Parker zu einem der besten und ausdruckstärksten Saxofonisten überhaupt.

Von einem ähnlichen Erfolg träumt auch der 19-jährige Andrew (Miles Teller). An seinem Vater und dessen gescheiterter Schriftsteller-Karriere sieht er, wie es sich anfühlt, wenn man in der Mittelmäßigkeit stecken bleibt. Der junge Mann will mehr aus seinem Leben machen. Fletcher erkennt Andrews Talent als Schlagzeuger und beginnt ihn - ohne große Worte - auf seine ganz eigene Art zu fördern. Was folgt, ist nichts für Zartbesaitete.

Fletcher regiert im Kasernenhofton, wirft mit Beleidigungen um sich, die unter die Gürtellinie gehen und auf die noch nicht gefestigte Männlichkeit der Schüler zielen. Ab und zu fliegt auch mal ein Stuhl. Dabei verfügt der Lehrer nicht nur über ein unbestechliches Gehör, das jeden Fehler wahrnimmt, sondern auch über einen großen Einfallsreichtum im Schikanieren. Weil Konkurrenz anspornt, holt er sich drei junge Drummer zur Probe in die Band. Diese bringt er in einer Szene wie in einem Showdown in eine heftige Konkurrenzsituation. Der Adrenalinpegel im Probenraum schnellt nach oben und elektrisiert das Publikum im Kino.

Wenn Fletcher bei 300 Schlägen pro Minute mit den Schülern arbeitet, kommt man sich vor wie in einem Sportfilm. Es trieft der Schweiß und irgendwann fallen die Sticks aus den blutigen Händen. Miles Teller liefert dabei eine bemerkenswerteste Performance ab: Denn der auch zu Höchstform auflaufende J. K. Simmons bekam zwar den meisten Text, Teller arbeitet hingegen mit seinem Gesicht und seinem Körper - und lässt sie vielsagend sprechen.

Dass "Whiplash" dabei nie gestellt wirkt, liegt womöglich auch an den eigenen Erfahrungen von Regisseur Damien Chazelle. Als junger Mann trommelte er - ähnlich wie Andrew - auf hohem Niveau in einem ambitionierten Jazz-Orchester. Auch er fragte sich, wo angesichts größter körperlicher Anstrengungen denn der versprochene Spaß an der Musik bleibe. Auch er spürte statt eines emotionalen Höhenflugs immer wieder die Angst zu versagen.

Dieses Gefühl bringt er in seinem Film "Whiplash" überzeugend auf die Leinwand und stellt die Frage, was man mit einer vorhandenen Begabung anfangen sollte. Denn könnten wir heute einen Schlagzeug-Gott wie Klassik-Star Martin Grubinger bewundern, wenn er sich nicht auch jahrelang bis an die Grenzen und darüber hinaus getrommelt hätte? Chazelle findet in "Whiplash" eine interessante und glaubwürdige Antwort darauf.

Quelle: teleschau - der mediendienst