Andrea Kaiser

Andrea Kaiser





Ein Münchner Kindl rockt die Sportwelt

Was kann nach "Finale dahoam" und "Super Bowl" eigentlich noch kommen? Ach, so einiges, lacht "ran"-Frau Andrea Kaiser. Wie wäre es zum Beispiel am 27. Mai mit einer Live-Reportage von einem deutschen Europa League-Finalsieg! Schließlich sind, nicht nur nach Meinung der blonden Münchnerin, im Sechszehntelfinale mit dem VfL Wolfsburg und Borussia Mönchengladbach noch zwei vielversprechende Kandidaten dabei. Bevor es bei kabel eins (am Donnerstag, 19. Februar, 20.30 Uhr) mit der Partie der Gladbacher gegen den Titelverteidiger FC Sevilla wieder losgeht, spricht "die Kaiserin" ausführlich über ihren erfolgreichen Weg durch die Männerwelt des Fußballs.

teleschau: Respekt, Frau Kaiser, Sie hatten in der "Super Bowl"-Nacht das erste Live-Interview mit dem deutschen Spieler Sebastian Vollmer von den New England Patriots! Wie groß war der Augenblick für Sie?

Andrea Kaiser: Oh, es war wirklich ein Gänsehaut-Moment, ich war glücklich, dass wir dieses Interview im Programm hatten. Dieser "Super Bowl" bleibt ein unvergesslicher Moment in meiner Karriere. Sebastian Vollmer war toll, er konnte das Ganze noch gar nicht richtig fassen, ähnlich wie seine Familie, die ich auch getroffen habe, die haben einfach nur glückselig gestrahlt - richtig ansteckend.

teleschau: War es schwer, so nah an die Stars heranzukommen?

Kaiser: Bevor wir alle aufs Feld durften, hab ich mir nur gedacht: "Oh-oh!" Ich habe noch nie so viele Journalisten auf einem Haufen gesehen! Ich glaube, meine Größe war von Vorteil ... Endlich mal ein Vorteil, klein zu sein und schnell ... (lacht). Ich muss aber auch sagen, dass ich in Amerika ausschließlich positive Erfahrungen gemacht habe - offen, hilfsbereit und einfach nett!

teleschau: Gibt es gravierende Unterschiede zu sportlichen Großereignissen in Europa?

Kaiser: Um ehrlich zu sein, gehen die Amerikaner mit der ganzen Sache wesentlich entspannter um. Wenn ich ein Champions League Finale mit dem "Super Bowl" vergleiche, dann hatte man beim "Super Bowl" als Reporter hundertmal mehr Freiheiten. Um es ganz drastisch zu sagen: Die Amerikaner haben verstanden, wie Entertainment funktioniert - was man nicht nur bei der Halftimeshow gesehen hat!

teleschau: Von den guten Nachrichten zu den schlechten: Wie nahmen Sie die Meldung auf, dass kabel eins die Übertragungsrechte der UEFA Europa League ab der kommenden Saison an Sport1 verloren hat?

Kaiser: Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf. Wir haben jetzt bei SAT.1 ein so großes Boxpaket - da sind sportlich so geniale Events dabei (los geht's Samstag, 21. Februar mit dem WM-Kampf Arthur Abraham gegen Paul Smith, d. Red.). Dazu drehe ich an einer neuen Sendung für SAT.1 - es wird einige Überraschungen geben.

teleschau: Gerade sitzen Sie auf dem Beifahrersitz neben Ihrem Mann, dem zweifachen Rallye-Weltmeister und frischgebackenen Sieger der Rallye Monte Carlo Sébastien Ogier ... Wie fährt er denn so?

Kaiser: Wirklich ganz hervorragend. Mit ihm am Lenkrad fühle ich mich auch mit über 180 Stundenkilometern absolut safe. Aber weil er sich gerade nicht wehren kann, verrate ich ihnen auch: Er ist der schlimmste Beifahrer der Welt! Wenn ich am Steuer sitze, ist er eine Katastrophe. Mir gesteht er die 180 nie zu ... Ich weigere mich inzwischen zu fahren. - Außer er verspricht mir, dass er während der Fahrt mal die Klappe hält. Hast du gehört? "Ich fahre, du Schnauze" (lacht)!

teleschau: Wenn Sie in einigen Jahren einmal auf den vergangenen Sommer zurückblicken: Werden Sie dann zuerst daran denken, dass Deutschland Fußball-Weltmeister wurde - oder eher daran, dass Sie zum zweiten Mal geheiratet haben?

Kaiser: Gemeine Frage, aber Sie haben Recht: Das war ganz schön viel Glücksgefühl auf einmal. Das muss man erst mal sortieren. Das Tolle ist: Wir sahen das Finale im Honey Moon, für mich wird der Sommer 2014 also immer mit beiden Ereignissen verbunden bleiben. Und es ist ein gutes Omen: Bestimmt wird meine Ehe so gut wie die Weltmeisterschaft (lacht).

teleschau: Steht da für 2015 überhaupt noch etwas auf Ihrer Wunschliste?

Kaiser: Und ob! Mein großer Traum ist, dass ich ein deutsches Team ins Finale und zum Sieg in der Europa League begleiten darf! Ich finde, die Chancen stehen richtig gut. Mit dem VfL Wolfsburg und Borussia Mönchengladbach haben wir noch zwei vielversprechende Vertreter im Rennen. Ich freue mich riesig auf die Spiele!

teleschau: Bisher konnte noch keine deutsche Mannschaft die Europa League gewinnen. Die Angst, dass in der Runde der letzten 32 Teams gleich beide Kandidaten rausfliegen und damit die Aussicht auf Top-Quoten dahin ist, ist groß, oder?

Kaiser: Ja, Sie haben Recht: Vor allem die Vorrunde war für uns als übertragender Sender jedesmal eine gewaltige Zitterpartie. Es geht fürs Team durchaus um viel - wir fiebern alle mit, als wären wir Teil der Mannschaften. Hinter den Kulissen wird bei uns mindestens genauso gelitten, gejubelt und gebrüllt wie im normalen Fan-Wohnzimmer ...

teleschau: Ist es nicht schade, wenn man als Moderatorin den leidenschaftlichen Fußballfan in sich bremsen muss?

Kaiser: Na ja, ich liebe meinen Beruf auch deshalb so sehr, weil ich gerade das nicht zu machen brauche. Ich verstelle mich nie vor der Kamera. Normalerweise gelingt es mir, denke ich, Fan und Moderatorin so zusammenzubringen, dass es immer professionell genug wirkt. Es gibt natürlich Extremsituationen ...

teleschau: So wie den 19. Mai 2012?

Kaiser: Oh ja. Das Finale dahoam war ein Highlight in jeder Hinsicht, der mit Abstand heftigste Tag meiner Karriere. Wir hatten fast den kompletten Tag im SAT.1-Programm dafür freigeräumt, ich war stundenlang auf Sendung. Als echtes Münchner Kindl hat mich das vollkommen in den Bann gezogen: Von größter Euphorie bis zur tiefsten Depression war an diesem 19. Mai 2012 alles drin. Woran ich mich mein Leben lang erinnern werde, ist die Fassungslosigkeit, diese Leere, als am Ende, nachdem die Bayern das Elfmeterschießen verloren hatten, die Spieler von Chelsea den Pokal hochreckten.

teleschau: Spieler brauchen nach so einem Spiel Wochen, um wieder in die Spur zu kommen. Wie ist es, wenn man als TV-Journalist so nah dran ist wie Sie damals: Einfach weitermachen? Geht das?

Kaiser: Nein, so einfach ist es nicht. Man fällt in ein gewisses Tal. Es kam damals hinzu, dass dies das letzte Spiel für SAT.1 war - die Rechte sind zum ZDF gegangen. Aber es ist auch nicht ganz so traumatisch wie bei den Spielern, die an der Geschichte, wie mir einige berichteten, Monate zu knapsen hatten.

teleschau: Empfanden Sie als Reporterin gerade nach den Erfahrungen von 2012 die Europa League nicht als Abstieg?

Kaiser: Nein. Obwohl es einen großen Unterschied gibt: Die Champions League hat mehr Glamour, viel mehr Chichi - das merkt man auch als Reporter, wenn man bei den Spielen vor Ort ist. Aber ich gehöre zu den Menschen, die immer noch der Meinung sind, dass echter Fußball nichts mit Glamour zu tun haben sollte. Wir haben es mit einem Kampfsport zu tun - und da will ich als Fan, aber auch als Reporterin nur eines: so nah wie möglich ran ans Geschehen. Und das geht bei den Spielen der Europa League ungleich leichter. Man ist näher an den Spielern, an den Fans und auch an den Städten dran.

teleschau: Welcher europäische Spielort gefällt Ihnen am besten?

Kaiser: Atmosphärisch? Da geht nichts über Dortmund - die gelbe Wand ist wirklich beeindruckend. Was die Fans angeht, sind mir die Tifosi von Inter Mailand in besonderer Erinnerung. Ich bekam noch nie in meinem Leben so viele Komplimente von Männern, wie 2010 beim Champions League-Finale von Madrid, als Inter gegen den FC Bayern gewann ... Seit diesem Tag weiß ich: Sollte ich irgendwann einmal ein Ego-Problem haben, flaniere ich einfach im roten Kleid an einer Meute Inter-Fans vorbei - tut gut!

teleschau: Und die Engländer?

Kaiser: Sind auch sehr stimmungsvoll - aber eben erst nach dem dritten Bier! (lacht)

teleschau: Fühlen Sie sich als attraktive Frau in der Männerwelt, die der Fußball ja nach wie vor ist, mitunter exotisch?

Kaiser: Exotisch nicht, aber ich fühle mich bei meiner Arbeit in der Männerredaktion und in den Stadien als Frau - und das finde ich klasse. Ich bin nun mal eine Frau unter Männern. So werde ich bei meiner Arbeit wahrgenommen, und ich mache dabei fast nur gute Erfahrungen.

teleschau: Inwiefern?

Kaiser: Gerade als Field-Reporterin und bei Interviews in der Mixed Zone, wo die Emotionen hochkochen, scheine ich einen geschmeidigeren Zugang zu den Spielern zu haben als manche männliche Kollegen. Die Fußballer reden gerne mit mir - vielleicht weil ich eine Frau bin, nach dem Motto: "Ach, guck, da steht ne schöne Blondine, zu der gehe ich jetzt mal!" Also: Warum sollte ich versuchen, so zu sein und so zu arbeiten wie ein Mann? (lacht)

teleschau: Was mögen Sie an der Arbeit mit Männern?

Kaiser: Dass sie direkter sind als Frauen. Das liegt mir. Unter Männern wird nicht so viel hintenrum geklüngelt - das ist jedenfalls die Erfahrung, die ich machte.

teleschau: Stellen Sie als Frau andere Fragen als Männer?

Kaiser: Ich denke schon. Ich frage die Spieler gerne nach Emotionen, was unter Männern eher verpönt ist. Dafür interessieren mich die Zahlen und Statistiken nicht so sehr.

teleschau: Wann haben Sie das Gefühl, Ihren Job gut gemacht zu haben?

Kaiser: Wenn ich echte Emotionen aus den Spielern herauskitzeln konnte. Das beste Interview ist immer das, bei dem wir den Eindruck haben, es ist authentisch und unverstellt. Per Mertesackers Eistonnen-O-Ton nach dem Algerien-Spiel bei der WM war wirklich ein Highlight ... Grundsätzlich ist es bedauerlich, dass die Spieler heute so gecoacht werden, dass es immer weniger wahrhaftigen Momente gibt.

teleschau: Sollten die Vereine auf Medienschulungen für ihre Stars verzichten?

Kaiser: Das nicht unbedingt. Ich würde mir nur wünschen, dass die Spieler nicht alle wie dressierte Hunde vor dem Mikro stehen. Das Publikum ist doch an echten Menschen interessiert, nicht an Robotern. Ehrlich: Ein Lothar Matthäus als aktiver Spieler war für uns Reporter einfach klasse. Der wollte sich zwar auch immer verstellen, aber dann sind die Emotionen doch aus ihm herausgeplatzt. Sehr sympathisch!

teleschau: Ist Ihnen je einer blöd gekommen?

Kaiser: Ja. Tim Wiese. Er war der Einzige, der ein Interview mit mir abbrach und mich unverrichteter Dinge stehen ließ. Er hatte wohl keinen guten Tag. Ansonsten war es durchwegs positiv. Ich bin eine der ganz wenigen, die gut mit Louis van Gaal konnten. Bei mir war er immer ein Gentleman - darauf bin ich ziemlich stolz (lacht).

teleschau: Es heißt, Sie wollten schon von Kind auf Moderatorin werden. Weil Sie den Fußball so lieben?

Kaiser: Das auch. Aber vor allem, weil ich Menschen liebe. Und gute Geschichten. Für mich ist es natürlich ein Privileg, so nah ans Geschehen ranzukommen und sozusagen stellvertretend für die Millionen Fans daheim Fragen stellen zu dürfen. So verstehe ich meinen Job.

teleschau: Was bestimmt einen gewissen Druck mit sich bringt. Wie nervös sind Sie noch?

Kaiser: Am Anfang war es brutal: Die Vorstellung, dass ich jetzt für zig-Millionen Fußball-Fans schlaue Fragen stellen soll, machte mir Angst. Die warten doch noch nur darauf, dass die Blondine einen Fehler macht ... Dachte ich damals jedenfalls.

teleschau: Und heute?

Kaiser: Alles kein Problem mehr. Was zum einen damit zu tun hat, dass ich längst respektiert werde und die männlichen Fans vielleicht doch nicht so schlimm sind wie befürchtet (lacht), und zum anderen damit, dass ich mich selbst nicht so ernst nehme. Wenn mal ein Fauxpas passiert, wird der eben weggelacht - bevor die anderen anfangen zu maulen. Immer schön locker bleiben - im Grunde ist das meine Lebenseinstellung.

teleschau: Sie fingen bereits als Teenager an zu moderieren!

Kaiser: Ja, als Praktikantin bei Radio Arabella in München! Und, was für ein Glück, mich schickten sie gleich mal zu einem Spiel der Spielvereinigung Unterhaching, die damals, 1999, in die Bundesliga aufgestiegen war. Für mich war das Liebe auf den ersten Blick - ich bin Haching-Fan für immer.

teleschau: Was machte den kleinen Klub so charmant für Sie?

Kaiser: Mir standen alle Türen offen. Ich war auf Anhieb ganz nah dran, durfte sogar in die Spielerkabine, nach dem Spiel saß man noch mit den Jungs zusammen ... Alles war viel kleiner und netter als bei den Etablierten.

teleschau: Wo arbeiten Sie heute am liebsten?

Kaiser: Bei den Heimspielen von Hannover 96! Weil man dort so nah rankommt wie nirgendwo sonst in der Bundesliga. Aber über die Zeit mit Unterhaching kommt nichts. Wenn man so will, habe ich damals die unschuldige Seite des Fußballs kennengelernt. So etwas gab es nie wieder.

Quelle: teleschau - der mediendienst