Die Filmwelt schaut nach Berlin

Die Filmwelt schaut nach Berlin





Das Programm der 65. Berlinale ist politisch, vielfältig und und außergewöhnlich weiblich

Es ist, natürlich, zunächst mal die Schuld der Journalisten. Verzweifelt suchen sie jedes Jahr aufs Neue nach einer Überschrift, nach einem allübergreifenden Motto, mit dem sich die Filmauswahl der Berlinale (05. bis 15.02.) beschreiben lässt. Aber: Was soll man da sagen, bei 441 Filmen aus 72 Ländern im Programm und bei weiteren 719 im European Film Market? Jedes Motto würde fraglos die Vielfalt torpedieren, die die Berlinale nun schon seit Jahrzehnten zu einem so außergewöhnlichen A-Festival macht. Und so geht Berlinale-Chef Dieter Kosslick erneut den Weg, den er schon so einige Male ging. Er verweist zu Recht auf die vielen Filme über Toleranz und auf das Thema "ethnische Identität". Und: Betont werden auch diesmal allerorten die "starken Frauen" in den Filmen. Ein Hinweis, der streng genommen gar nicht mehr nötig ist oder nötig sein sollte.

Denn: Filme über Frauen, übrigens über starke und schwache gleichermaßen, gibt es seit Langem in Berlin. Eine beachtenswerte Tatsache, nachdem aus verschiedenen Gründen nicht überall auf der Erde die Waage zwischen Männer- und Frauenfilmen im Gleichgewicht ist. Viel bemerkenswerter indes ist, dass ein Viertel der Filme der diesjährigen Berlinale von Frauen stammt. 25 Prozent Regisseurinnen - das klingt wenig, ist aber im Vergleich zu den meisten anderen Festivals viel. Woran das liegt - das wird diesmal sicher eines der echten "Straßenthemen" rund um den Potsdamer Platz in der Hauptstadt sein. Ebenso wie die kurzzeitige Diskussion um eine mögliche Bedrohung des Festivals.

Das nordkoreanische Regime hatte energisch vor einer Aufführung von "The Interview" gewarnt, einem fiktiven US-Film über einen Anschlag auf Nordkoreas Machthaber. Die Wogen glätteten sich schnell, als klargestellt wurde, dass der Film gar nicht im Programm vorgesehen war, feierte er doch längst seinen US-Start und ist somit ohnehin kein Thema mehr für Berlin, das auf Premieren setzt.

Deutliche Kritik kam auch aus dem Iran, nachdem bekannt wurde, dass "Taxi" in Berlin zu sehen sein wird. Gegen den Filmemacher Jafar Panahi ist in seiner Heimat ein Arbeitsverbot verhängt. In seinem notwendigerweise heimlich gedrehten Wettbewerbsbeitrag ist er selbst als Fahrer eines Taxis in Teheran zu sehen. Menschen steigen ein, lassen sich interviewen und geben ihr Innerstes preis. "Ich muss unter allen Umständen weiter Filme machen, um der Kunst Respekt zu erweisen und mich lebendig zu fühlen", sagt Panahi, dessen Werk sicher für Aufsehen sorgen wird.

Eröffnet wird das Festival indes von Isabel Coixet. Die 54-jährige katalanische Filmregisseurin und Drehbuchautorin ist erst die zweite Frau, der diese Ehre zuteil wird. "Nobody wants the Night" heißt ihr Film, in dem Juliette Binoche als Josephine Peary zu sehen ist. Die Frau des Arktis-Forschers Robert Peary macht sich im Jahr 1908 auf, um ihren Mann zu treffen, der eine Route zum Nordpol sucht (und behauptete, ihn als Erster erreicht zu haben).

Bemerkenswert stark ist diesmal der deutsche Film im Wettbewerb vertreten. Vorbei die 90er-Jahre, als manches Mal aus der Not eine mehr oder minder gelungene Tugend gemacht werden musste. "Als wir träumten" heißt das Drama von Andreas Dresen, das von einer Jungsclique in Leipzig, kurz nach dem Ende der DDR, erzählt. Eine "authentische filmische Parabel über Freundschaft und Verrat, Hoffnungen und Illusionen, Brutalität und Zärtlichkeit" wird angekündigt. In der Gegenwart angesiedelt ist Sebastian Schippers "Victoria", in dem eine junge Spanierin in Berlin in ein krummes Ding verwickelt wird. Laia Costa, Frederick Lau und André M. Hennicke stehen auf der Besetzungsliste.

Außer Konkurrenz gezeigt wird Oliver Hirschbiegels "Elser", ein Porträt des Hitler-Attentäters Georg Elser, der 1939 mit seinem Versuch im Münchner Bürgerbräu-Keller scheiterte. Christian Friedel, Burghart Klaußner, Katharina Schüttler und Johann von Bülow spielen die Hauptrollen. Gleichsam außer Konkurrenz im Wettbewerb läuft "Every Thing Will Be Fine", den Wim Wenders nach einem Originaldrehbuch des Norwegers Bjørn-Olaf Johannessen inszenierte. Ein Drama über Schuld und Sühne - der einzige Wettbewerbsfilm im in Berlin schon traditionell kaum genutzten 3-D.

Wenders wird diesmal eine besondere Ehre zuteil. Der Regisseur erhält den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk. "Mit Wim Wenders ehren wir einen der renommiertesten zeitgenössischen Autorenfilmer", erklärt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. "Sein genreübergreifendes und vielseitiges Werk als Filmemacher, Fotograf und Autor hat unser Filmgedächtnis geprägt und inspiriert nach wie vor Filmemacher." Anlässlich der Preisverleihung am 12. Februar wird im Berlinale Palast "Der amerikanische Freund" (1977) aufgeführt. Darüber hinaus bietet eine Hommage weitere zehn Filme des 69-Jährigen. Mit der Berlinale Kamera 2015 werden zudem der Filmhistoriker und ehemalige Leiter des Moskauer Filmmuseums Naum Kleiman sowie der Regisseur Marcel Ophüls geehrt.

Traditionell groß wird der Trubel bei den Premieren und im Anschluss an die täglichen Pressekonferenzen sein, wenn sich internationale und nationale Stars am Potsdamer Platz einfinden. Angekündigt wurden unter anderem Natalie Portman, Cate Blanchett, Helene Bonham Carter, Christian Bale, James Franco, Moritz Bleibtreu, Jürgen Vogel und Katja Riemann. Höhepunkt dürfte der Beusch von Nicole Kidman am Freitag, 06.02., sein. Werner Herzog drehte mit ihr das epische Drama "Queen of the Desert" (im Wettbewerb), in dem es um die Historikerin, Schriftstellerin und Diplomatin Gertrude Bell geht. Sie vermittelte nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Orient und British Empire.

Der Goldene Bär für den besten Film und die Silbernen Bären wird am Samstag, 14.02., vergeben. Den Vorsitzz der Jury hat diesmal der US-Regisseur Darren Aronofsky inne. Der Jury gehören zudem unter anderem der Schauspieler Daniel Brühl, die Produzentin Martha De Laurentiis und die französische Schauspielerin Audrey Tautou an.

Insgesamt 20.000 Fachbesucher werden erwartet, darunter 4.000 Journalisten. Dennoch bleibt die Berlinale vor allem ein Publikumsfestival. Im vergangenen Jahr wurden 330.000 Karten verkauft. Ein Rekord.

Quelle: teleschau - der mediendienst