Ulrich Noethen

Ulrich Noethen





Fachkraft für Schauspiel

Der geborene Münchener Ulrich Noethen wurde 1997 als Hauptdarsteller des Kinohits "Comedian Harmonists" bekannt und gehört heute zu den begehrtesten deutschen Charakterdarstellern. Kein Wunder, ist der 55-Jährige doch einer jener wenigen Schauspieler, die selbst aus einem mittelmäßigen Film mit Charisma und feinstens nuanciertem Spiel ein Ereignis machen. Mit der russisch-deutschen Schriftstellerin Alina Bronsky ("Scherbenpark"), deren drei Kindern aus einer früheren Beziehung und einer gemeinsamen anderthalbjährigen Tochter lebt Ulrich Noethen in Berlin. In der neuen ZDF-Krimireihe "Neben der Spur" spielt er im Auftaktfall "Adrenalin" (Montag, 23. Februar, 20.15 Uhr) einen an Parkinson leidenden Psychiater nach dem Bestseller-Thriller von Michael Robotham.

teleschau: "Neben der Spur" ist als neue ZDF-Krimireihe geplant. Wie lange werden Sie diese Figur spielen?

Ulrich Noethen: Nun, das weiß man ja nie. Zwei Filme sind abgedreht, ein dritter ist geplant. Insofern besteht schon berechtigte Hoffnung, dass es eine Reihe wird. Es bietet sich ja auch an, da das Ganze auf den Romanen von Michael Robotham beruht, der bislang acht Bücher um einen Londoner Psychiater namens Joe O'Loughlin geschrieben hat. Bei uns lebt der Mann in Hamburg und heißt Joe Jessen. Ansonsten sind es aber die gleichen Fälle, und auch die Figur kommt dem Original recht nahe.

teleschau: Sie kannten die Figur schon vor der Filmanfrage ...

Noethen: Aus einer Hörbuch-Produktion eines Krimis von Robotham ergab sich eine Lesereise mit ihm durch Deutschland. Seine Sprache zieht einen rein. Seine Schilderungen sind einfühlsam, es ist gute, vielschichtige Krimi-Kost. Und ungemein spannend. Die Figur dieses Psychiaters, der eigentlich alles hat, aber durch seine Parkinson-Erkrankung in die Krise gerät, fand ich faszinierend. Als die Anfrage kam, ihn nun auch im Film zu spielen, habe ich gerne ja gesagt.

teleschau: Nähert man sich einer Figur anders, die man bereits aus Büchern kennt?

Noethen: Natürlich. Und daraus entstehen auch gewisse Verlustschmerzen, die ich tatsächlich beim Drehen hatte. Einen Roman von 400 Seiten auf 90 Minuten Film herunterzubrechen, das geht nicht, ohne eine ganze Menge wegzulassen. Ein Zweiteiler pro Buch wäre toll.

teleschau: "Neben der Spur" ist ein düsterer Thriller. Sie haben schon mal in einer sehr düsteren ZDF-Krimireihe "Kommissar Süden" gespielt. Dafür gab es tolle Kritiken, aber wenig Publikum. Wird Joe Jessen besser funktionieren?

Noethen: Was heißt funktionieren? Tabor Süden hat hervorragend funktioniert, nur nicht den allgemeinen Erwartungen entsprochen. Und düster? Ist das nicht ein Wesensmerkmal des Thrillers. Also, ich kann mir gut vorstellen, dass der Zuschauer dieser neuen TV-Figur folgen kann und will. Und darf.

teleschau: Es gibt schon sehr viele Ermittler im deutschen Fernsehen. Hatten Sie Bauchschmerzen bei der Idee, einen weiteren zu geben?

Noethen: Tatsächlich werden hierzulande enorm viele Krimis gedreht. Ich habe Respekt vor Kollegen, die sich da lieber fernhalten. Für mich spricht allerdings nichts dagegen, im Krimi mitzumachen. Es werden ja immer wieder spannende Geschichte erzählt. Dem Publikum gefällt es.

teleschau: Sie gelten als extrem wandlungsfähiger Schauspieler. Von Heinrich Himmler in "Der Untergang" bis zum netten älteren Herren im Kinderfilm "Petterson und Findus" haben Sie alles gespielt. Trauen Sie sich jede Rolle zu, die vom Alter her passt?

Noethen: Ich denke eher umgekehrt. Wenn ich mit einer interessanten Rolle konfrontiert werde, sage ich in der Regel: Seid ihr euch sicher, dass ich das spielen soll? Und wenn es dann heißt: Ja klar! Dann sage ich: Gut, wenn ihr der Meinung seid, ich soll das machen, will ich es gerne versuchen.

teleschau: Fühlen Sie sich in bestimmten Rollen wohler als in anderen?

Noethen: Ich fühle mich immer da am wohlsten, wo ich vertrauen kann und mich gefordert fühle. Auch der Beruf des Schauspielers kann sehr, sehr langweilig werden, wenn man sich ständig wiederholt.

teleschau: Sie arbeiten also bewusst darauf hin, immer andere Dinge zu machen?

Noethen: Abwechslung ist mir lieber als Routine.

teleschau: Was macht Ihnen Spaß an Ihrem Beruf?

Noethen: Das Spielen macht mir Spaß. Spielfreude drückt sich darin aus, dass einem immer wieder Neues zu einer Szene einfällt. Der Möglichkeiten sind Legion! Das zu erkennen, darum geht es mir in meinem Beruf. Wenn man die Lust verspürt, diesen Weg zu verfolgen, wird einem der Job bis ins hohe Alter nicht langweilig.

teleschau: War dieser Beruf in jedem Alter gleich erfüllend oder gab es Zeiten, in denen Sie das, was sie taten, in Frage gestellt haben?

Noethen: Die Spielfreude habe ich nie in Frage gestellt. Ich habe auch eine ausprägt kindische Ader. Sie hilft mir dabei, mich in der Schauspielerei wohlzufühlen. Natürlich gab es Zeiten, in denen ich mich fragte: Welchen Beruf schwänze ich hier eigentlich gerade? Wenn ich aber zurückdenke, fallen mir so viele großartige Projekte ein, dass sich die ganz große Frage, ob ich richtig gelegen habe, eigentlich nicht stellt.

teleschau: Hatten Sie nie das Verlangen, sich außerhalb der Schauspielerei zu versuchen? Als Autor oder Regisseur beispielsweise ...

Noethen: Nein, ich bin inzwischen so alt, dass ich vermute: Ich werde nichts anderes mehr machen in meinem Leben. Schauspieler, das ist meine Berufung. Habe ich ja auch gelernt. Es gibt aber tatsächlich auch keine anderen Ambitionen. Ich habe mal was geschrieben - und fand es nicht gut. Ich will das, was ich mache, gut machen. Es ist schwer genug, als Schauspieler etwas gut zu machen.

teleschau: Immerhin lesen Sie viele Hörbücher. Ist das eine andere Art Job als der vor der Kamera?

Noethen: Lesen ist Teil meines Berufes. Es gibt mir die Möglichkeit, mich mit Literatur auseinanderzusetzen. Die literarischen Qualitäten von Drehbüchern sind oft begrenzt. Insofern möchte ich das nicht missen.

teleschau: Spielt man anders, wenn man kein Gesicht, keinen Körper zur Verfügung hat?

Noethen: Vorlesen ist ja nicht Spielen. Mein Ziel ist, das, was im Buch steht, so zu verstehen und wiederzugeben, dass es wie erzählt klingt. Ich will, dass dem Autor jemand zuhört.

teleschau: Gibt es einen Lieblingsfilm unter denen, die Sie selbst gedreht haben?

Noethen: Eine Kinderfrage. Was ist Dein Lieblingsessen? Je nachdem, wie man drauf guckt, hatten verschiedene Filme und Rollen verschiedene Stärken.

teleschau: Worauf werden Sie am häufigsten angesprochen?

Noethen: Interessanterweise immer noch auf "Comedian Harmonists", das war so ein Startpunkt für mich. Und die Kinderfilme: "Sams", "Pettersson und Findus", "Fliegendes Klassenzimmer".

teleschau: Kommen wir noch mal zurück zum deutschen Fernsehen. Fühlen Sie sich mit diesem Fernsehen wohl - als Zuschauer?

Noethen: Mal mehr, mal weniger. Wie jeder andere Zuschauer auch, denke ich. Es ist nicht schwer, das Maul aufzureißen und einen Shitstorm abzulassen, was alles nicht okay ist. Man muss es aber erst mal besser machen. Ich glaube, dass unheimlich viel möglich ist. Es gibt eine große Palette an Filmen, die gedreht werden. Von Top bis Unterirdisch. Manchmal fühle ich mich mit dem Mist eben unwohl oder bin sogar verärgert. Aber das heißt nichts anderes, als dass ich eben auch nur ein Zuschauer bin und mir einige Sachen gegen den Strich gehen. Sachen, die dann wieder von anderen Zuschauern sehr geschätzt werden. Jeder weiß doch, wo der Aus-Knopf ist.

teleschau: Was geht Ihnen gegen den Strich?

Noethen: Es langweilt halt, wenn in Stereotypen erzählt wird, wenn Vorgänge und Figuren dumm vereinfacht werden, wenn nicht nach der intelligenten, überraschenden dramatischen Verknappung gesucht wird. Wenn zu eindimensional erzählt wird.

teleschau: Und was schauen Sie sich gerne an?

Noethen: Zum Beispiel die Serien, die in den letzten Jahren in aller Munde waren. Da guckt man allein schon aus professionellem Interesse genauer hin, die sind oft toll gemacht. Serien und Mini-Serien, in denen Geschichten komplexer erzählt werden - da ist man in anderen Ländern weiter. Ich denke, wir ziehen jetzt nach.

teleschau: Was haben Sie zuletzt gesehen, das Ihnen gut gefallen hat?

Noethen: "House of Cards" hat mir sehr gut gefallen. Auch "Game of Thrones", obwohl das immer brutaler wird (lacht). Gerade schaue ich mir "Orphan Black" an. "Sherlock" hatte ich angefangen, fand ich albern. "Homeland" oder "True Detective", toll. Und so weiter, und so weiter. Es gibt derzeit ein großes Angebot wirklich unterhaltsam erzählter Stoffe - mit großartigen Schauspielern, denen ich ausgesprochen gerne zusehe. Aber: Es gibt auch viele herausragende deutsche Produktionen, von Eins-A-Regisseuren, mit fabelhaften Schauspielern, das wollen wir mal nicht vergessen. Ich finde das toll.

Quelle: teleschau - der mediendienst