Jan Böhmermann

Jan Böhmermann





"Hass ist Diesel in meinem Tank"

Viele deutsche TV-Unterhalter fallen einem nicht ein, die sich so etwas noch trauen würden: zum Beispiel die allseits verehrte Helene Fischer eine "singende Sagrotanflasche" zu nennen. Oder Campino für sein gutmenschelndes "Band Aid"-Hilfsprojekt deftigst abzuwatschen. Jan Böhmermann ist aktuell wahrscheinlich einer der meistgehassten Menschen im deutschen Fernsehen und einer der am heißesten geliebten dazu - je nachdem, wen man fragt. Nach Stationen bei Radio Bremen, dem WDR und als Gelegenheitssidekick der "Harald Schmidt Show" hat der gebürtige Bremer und Familienvater mit der galligen Satireshow "Neo Magazin" ein ideales Vehikel für seinen provokanten Humor gefunden. Ab Donnerstag, 5. Februar, 22.20 Uhr, laufen neue Folgen mit dem Titelzusatz "Royale" wie gewohnt bei ZDFneo, tags darauf (Freitag, 6. Februar, 0 Uhr) werden sie nun erstmals im Hauptprogramm wiederholt. Ein Straßenfeger wird die Show zu nachtschlafender Zeit auch im großen ZDF nicht werden, aber der 33-jährige Grimme-Preis-Träger hat ohnehin andere Prioritäten als die Quote: Böhmermann will "diskursiv" sein und "über die Sendung hinaus stattfinden". Das gelingt ihm dieser Tage mustergültig.

teleschau: Herr Böhmermann, als Ihre Beförderung ins ZDF-Hauptprogramm bekannt wurde, grüßten Sie den Sender bei Facebook mit einem Musikvideo von den Smiths: "The Boy With The Thorn In His Side". Welche Botschaft wollten Sie dem ZDF vermitteln?

Jan Böhmermann: Habt keine Angst, hinter allem steckt nur die unerfüllte Sehnsucht nach der großen Liebe!

teleschau: So heißt es in dem Song. Wollen Sie wirklich geliebt werden?

Böhmermann: Wer will das denn nicht? Sagen Sie mir irgendjemanden, dessen Lebensziel im Kern nicht darin besteht, geliebt zu werden! Das größte Arschloch will geliebt werden.

teleschau: Als solches werden Sie in den sozialen Medien nicht selten beschimpft.

Böhmermann: Das ist in meinen Augen eine Art Lackmustest, wie weit wir in Deutschland auf dem Weg zum nächsten totalitären Regime bereits sind. Wenn ich einige Kommentare von Helene-Fischer-Ultras oder Pegida-Sympathisanten lese, frage ich mich, wann sich die Ersten wieder einen starken Mann an der Spitze wünschen, der mit dieser verdammten Meinungsfreiheit mal aufräumt.

teleschau: Herr Böhmermann!

Böhmermann: Deutschland ist kein einfaches Land für Humor. Das war's nie und wird's nie sein. Das macht aber die Herausforderung aus. Hass ist Diesel in meinem Tank.

teleschau: Ekelt es Sie nie bei dem, was Menschen Ihnen etwa bei Facebook vorhalten?

Böhmermann: Augen auf, das ist das Land, in dem wir leben! Ich finde es anspornend und befruchtend, solche Sachen zu lesen. Für mich ist das Material. Die Kommentatoren von heute sind die Leserbriefschreiber von früher, die sich damals noch nicht untereinander austauschen konnten. Jetzt haben sie das Internet entdeckt und schaukeln sich in Foren hoch. Das ist der Preis der Freiheit.

teleschau: In Paris haben die Satiriker des Magazins "Charlie Hebdo" mit dem Leben bezahlt. Hat Sie das Attentat vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Arbeit nachdenklich gemacht?

Böhmermann: Ich lehne Religion generell ab - und zwar jede und immer schon. Trotzdem finde ich es zu einfach, darüber Scherze zu machen. Die französischen Kollegen haben sich in eine gefährliche Spirale begeben. Man hat irgendwann die Provokation um der Provokation willen gesucht - das halte ich für falsch. Man sollte dem Islamismus nicht mit Religionskritik begegnen. Spannender wäre es zu sagen: "Ist doch schön, dass Menschen, für die es keine Verwendung in der deutschen Gesellschaft gibt, ihren Job mit der Kalaschnikow in der Hand in Syrien ausführen können. Warum nicht in den heiligen Krieg ziehen? Das entlastet die Arbeitslosenstatistiken in Deutschland." So eine Herangehensweise gibt satirisch viel mehr her als zu beklagen, dass Menschen Religion brauchen - und zwar sehr viele Menschen ganz unterschiedliche Religionen! Das ist immer so gewesen, das wird man nicht ändern.

teleschau: Erwarten Sie künftig noch mehr kontroverses Feedback, da das "Neo Magazin" freitags im ZDF-Hauptprogramm wiederholt wird?

Böhmermann: Durchaus. Wir werden im ZDF-Hauptprogramm dreimal so viele Zuschauer haben wie bei ZDFneo - auch solche, die so etwas normalerweise nicht zu sehen bekommen. Da bin ich mal gespannt, wann der erste Redakteur blutige Fingerkuppen hat vom Beantworten von Beschwerde-E-Mails. Das ist der spannendste menschliche Aspekt an dem Ganzen. Inhaltlich bleibt das meiste gleich.

teleschau: Genießen Sie denn im Hauptprogramm noch die volle satirische Freiheit? Oder würden Sie mit Ihrer Show nicht besser ins Privatfernsehen passen, wo auch Ihre Kollegen Joko und Klaas gelandet sind?

Böhmermann: So wie Sie es darstellen, stimmt es nicht ganz. Wenn ich einen Scherz darüber machen möchte, das McDonald's unter Ausbeutung von natürlichen Ressourcen und Massentierhaltung seine Hamburger herstellt, wird es schwierig, bei ProSieben, RTL oder SAT.1 jemanden zu finden, der einem das ermöglicht. Bei ARD und ZDF wäre ein solcher Gag hingegen gar kein Problem. Wenn man allerdings im Bereich Hitlersatire arbeitet oder generelle Religionskritik satirisch verpacken möchte, wird's wiederum bei ARD und ZDF eng, während dies bei Privatsendern möglich wäre. Es hat alles seine Vor- und Nachteile.

teleschau: Fühlen Sie sich denn nun auch ein bisschen geadelt, da man Sie ins Hauptprogramm vorlässt? Vielen Neo-Kollegen vor Ihnen war das ja nicht vergönnt.

Böhmermann: In einem Sender stattzufinden, der auch Programmperlen wie den "Fernsehgarten" oder "Volle Kanne" hervorgebracht hat, ist für mich eine Auszeichnung, gerade als Humorist. Ein Sender, der Menschen wie Helene Fischer und mich unter einem Dach beherbergt und daran nicht zerbricht, der ist für mich nicht das zweite, sondern das erste deutsche Fernsehen!

teleschau: Jetzt sticheln Sie schon wieder. Sind Sie gar nicht dankbar?

Böhmermann: Doch, schon! Wir haben jetzt die Möglichkeit, ein etwas größeres Studio zu finanzieren, ein paar mehr Leute einzustellen. Wir können runterschrauben von einer 70-Stunden-Woche zu einer 50-Stunden-Woche pro Mitarbeiter. Das schafft ungekannte Lebensqualität.

teleschau: Gibt es sonst noch etwas Positives, das Sie über Ihren Arbeitgeber berichten können?

Böhmermann: Na klar! Ich bin nicht in der Lage, Generalkritik zu üben. Natürlich läuft viel Scheiße bei den Öffentlich-Rechtlichen, aber es laufen auch viele Dinge, von denen ich tatsächlich überzeugt bin, dass sie gut sind. Dass es zwei deutsche Sender gibt, die öffentlich finanziert ein seriöses Korrespondentennetz in der Welt unterhalten, finde ich eine gute Sache. Und dass durch die Beteiligung von gesellschaftlichen Gruppen an Rundfunk einer Gleichschaltung der Medien, also einer tatsächlichen "Lügenpresse", vorgebeugt wird, ist auch nicht so verkehrt. Dass man für einen freien Rundfunk eine Gebühr zahlen muss, auch wenn man ihn nicht mag oder nutzt - auch das ist aus meiner Sicht eine zivilisatorische Errungenschaft.

teleschau: Wann sehen wir Jan Böhmermann mal nicht um Mitternacht, sondern zur Primetime?

Böhmermann: Die Frage ist doch, ob der Jan Böhmermann das überhaupt will. Wenn ich mal als sein Manager für ihn sprechen darf: eher nicht so. Wir haben eine Sendung, die ist im Grunde eine Late-Night-Show, auch wenn sie nur wöchentlich läuft. Wenn die ein bisschen öfter ausgestrahlt würde, dann wäre mein Lebenstraum erreicht. Nach Lanz oder anstelle von Lanz, das ist der Plan! Markus weiß aber noch nichts davon.

teleschau: "Late Night" ist ein gutes Stichwort. Seit dem Ende der "Harald Schmidt Show" liegt das Genre hierzulande brach.

Böhmermann: Stimmt, das Genre liegt brach. Und vor allem liegt darüber die anmaßende Vermutung, dass es niemanden gibt, der das Genre so ausfüllen kann, wie Harald Schmidt das getan hat. Die Annahme ist grundsätzlich auch richtig. Richtig ist aber auch, dass meine Sendung keiner so machen kann wie ich. Und die Idee, eine Show zu machen, die sich mit dem Zeitgeschehen beschäftigt und dabei um eine Person kreist, ist doch im Prinzip sehr charmant. Das passiert in Amerika in 15-facher Ausführung nebeneinander.

teleschau: Warum funktioniert das in Deutschland nicht?

Böhmermann: Wahrscheinlich liegt's an mangelndem Personal und mangelndem Elan, sich dahinterzuklemmen. Ich glaube, dass eine Late-Night-Show auch mit Blick auf den Medienwandel sehr attraktiv ist. Dass Leute Fernsehen nicht nur im Fernsehen rezipieren, sondern auch morgens in der Bahn. Das geht mit Late-Night-Shows sehr gut.

teleschau: Glauben Sie an die Zukunft des linearen Fernsehens?

Böhmermann: Warum sollte lineares Fernsehen zukunftsfähig sein, wenn es bereits eine ausgereifte technische Alternative gibt? Es wird ja schon angeboten: eine Mischung aus digitalem Videorekorder, selbst zusammengestelltem Fernsehprogramm und der Möglichkeit, auf Netflix zurückzugreifen. Das zusammen ist viel nutzerfreundlicher als Fernsehen je war. Alleine deswegen wird die lineare Verbreitungsform garantiert nicht zukunftsfähig sein.

teleschau: Was ist denn zukunftsfähig?

Böhmermann: Gut gemachter Inhalt, der berücksichtigt, was Leute sehen wollen, und der zum Gespräch beiträgt. Der irgendwie "diskursiv" ist, um mal akademisch daherzureden. Genau das ist der Job beim "Neo Magazin Royale": nicht nur Quote zu machen, sondern über die Sendung hinaus stattzufinden.

Quelle: teleschau - der mediendienst