Moritz Bleibtreu

Moritz Bleibtreu





Die letzten Tage des Fernsehens

Für eine der besten deutschen Fernsehserien der letzten Jahre kehrt Moritz Bleibtreu nach fast zwei Jahrzehnten wieder zurück auf den TV-Bildschirm. Doch ist das ZDF-Format "Schuld nach Ferdinand von Schirach" (ab 20.02., freitags, 21.15 Uhr) überhaupt eine Serie? Man könnte die 45 Minuten-Krimis über die Conditio Humana auch als Kurzfilmreihe im Stile von Krzysztof Kieslowskis "Dekalog" betrachten, denn eigentlich erzählt jede Folge eine abgeschlossene Geschichte, die einen über das Menschsein nachdenken lässt. Verbunden wird die Nachfolgeserie von "Verbrechen" (2013) durch die Figur des Anwalts, Ferdinand von Schirachs Alter Ego, gespielt von Moritz Bleibtreu. Im Interview spricht der 43-jährige Superstar des deutschen Kinos über seine Rückkehr zum Fernsehen und jene Veränderungen, die unsere mediale Welt bald überrollen werden.

teleschau: Die Serie "Schuld" trägt den Untertitel "Der Täter in uns allen". Kann wirklich jeder von uns zum Täter werden?

Moritz Bleibtreu: Zumindest handelt jeder Mensch hier und da aus niederen Beweggründen. Es geht doch ganz schnell. Wenn Leute Hunger haben, werden sie sauer. Ebenso, wenn sie sich betrogen fühlen. Sollten es dann noch 35 Grad sein und man hat eine halbe Flasche Whiskey intus - da kann jeder Dinge tun, die er später bereut.

teleschau: Ist der Mensch grundsätzlich böse?

Bleibtreu: Nein. Ich glaube, dass er grundsätzlich gut ist. Nicht nur, weil diese Einstellung das Leben schöner macht, sondern weil ich tatsächlich überzeugt bin, dass es so ist. Leider haben die paar Bösen, die es gibt, kollektiv eine viel größere Kraft als die guten Menschen. Einfach deshalb, weil sie skrupellos handeln. Negative Energie ist immer stärker als positive Energie. Das macht es dem Bösen recht einfach, sich durchzusetzen.

teleschau: Sieht die gute Mehrheit deshalb so gerne Verbrechern im Fernsehen zu, weil sie sich nicht traut, das Böse in sich herauszulassen?

Bleibtreu: Klar. Wir lieben Gangster im Film auch deshalb, weil sie sich trauen, sich ihre eigene Moral und Gesetze zu bauen. Wir bewundern das.

teleschau: Spielen Schauspieler aus diesem Grunde lieber böse als gute Menschen?

Bleibtreu: Schauspiel ist auf jeden Fall eine großartige Therapie in dieser Hinsicht. Ich kann die Knarre auf jemanden richten, ihn erschießen, aber es passiert nichts. Ich darf Menschen anschreien oder mit allen möglichen Frauen schlafen. Zumindest tue ich so als ob, und man glaubt, dass ich's getan habe (lacht). Das Beste ist: Für all diese Dinge muss ich keinerlei Verantwortung übernehmen. Mir ist aber auch klar, dass es im echten Leben anders funktioniert.

teleschau: Die Figur des Anwalts in den Ferdinand von Schirach-Büchern ist leise und zurückhaltend. Ist das für Sie als Schauspieler nicht langweilig?

Bleibtreu: Nein. Ich fand es sehr interessant, diesen Anwalt zu spielen. Er ist jemand, der manchmal wie ein Conferencier oder auch als Spiegelbild seiner Mandanten funktioniert. Es ist natürlich eine stark zurückgenommene Rolle. Sie erinnert mich an Figuren, wie sie in alten französischen Filmen Lino Ventura oder Jean Gabin spielten. Für mich als jemand, der oft laute Typen spielte, war die Aufgabe besonders reizvoll. Sie besteht darin, dass der Zuschauer nach sechs Folgen eine Ahnung bekommt, wie dieser Mensch tickt. Und dass, obwohl es nirgendwo erklärt wird und ich mich stets in einen Nebel aus Zigarettenrauch einhülle. Das mit dem Rauchen war übrigens meine Idee. Ich dachte, der Anwalt muss sich ja irgendwie schützen gegen all diesen menschlichen Wahnsinn, der ihm begegnet.

teleschau: Ist "Schuld" ein Indiz dafür, dass sich in Sachen Qualitätsserien auch beim deutschen Fernsehen endlich etwas tut?

Bleibtreu: Ach, dieser Zug ist doch schon lange abgefahren. Ich will jetzt nichts Böses gegen das ZDF oder das deutsche Fernsehen sagen. Aber der Zeitpunkt, als das mit den Serien losging, liegt schon ziemlich lange zurück. Spätestens mit den "Sopranos" war klar, was für eine Kraft lange, komplexe Erzählungen beim Zuschauer auslösen. Damals wurde auch Europa wach. Sender wie die BBC oder auch skandinavische TV-Macher erkannten das und haben tolle Serien produziert. Diese Entwicklung hat Deutschland komplett verschlafen. Egal wie gut die Sachen sind, die vielleicht jetzt noch aus Deutschland kommen, gewinnen kann man damit nichts mehr. Alles, was jetzt noch kommen kann, wäre lange überfällig und eigentlich zu spät.

teleschau: Ist es denn je zu spät für gutes Fernsehen?

Bleibtreu: Ich meine das etwas anders. Wir befinden uns mitten in einer wahnsinnig schnellen Entwicklung, die in kürzester Zeit das ganze System aus Fernsehsendern, Kino, Verleihern und Studios auf den Kopf stellen wird. Viele Medien und ihre etablierten Zuliefer- sowie Vermarktungssysteme drum herum gibt es sehr bald nicht mehr - davon bin ich überzeugt. "House of Cards" wird als Fernsehserie gefeiert, dabei ist es eine Serie, die von einem Streaming-Anbieter fürs Internet produziert wird. Ein solcher Anbieter funktioniert aber völlig anders als Fernsehen. Man sieht seine Inhalte anders, sie werden aber auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten völlig anders finanziert und ausgewertet.

teleschau: Erklären Sie doch mal!

Bleibtreu: Die meisten der hochgelobten Qualitätsserien haben im klassischen Fernsehen nie funktioniert. "House of Cards", hochgelobt und weltweit als Netflix-Angebot erfolgreich, wollte beim Pay-TV-Sender Sky oder im freien Fernsehen kaum jemand sehen. Ähnlich ging es vielen anderen Qualitätsserien. "Breaking Bad" hat in Sachen Quote nirgendwo auf der Welt funktioniert. Mit "Free Rainer" habe ich mal einen ganzen Film über dieses Thema gemacht, spätestens seitdem glaube ich nicht mehr an das Konzept der Quote. Sie ist ganz sicher nicht in der Lage, das Interesse des Publikums an einem Film oder einer Serie realistisch zu messen.

teleschau: Sie meinen, wegen der vielen alternativen Nutzungskanäle, die wir heute haben?

Bleibtreu: Genau. Ich nehme mal Christian Ulmens Formate "Mein neuer Freund" oder "Dr. Psycho" als Beispiel. Wenn das Internet oder YouTube damals schon so genutzt worden wären wie heute, hätte man diese Serien niemals absetzen dürfen. Es hätte hundertprozentig fünf Staffeln davon gegeben. In den USA ist es heute ganz normal, dass viele großartige Sitcoms oder Comedy-Serien dort laut Quote keinen Erfolg haben. Dann schauen die Produzenten ins Internet und sehen, dass ihre Sachen dort zwei Millionen Klicks pro Folge haben. Jetzt hat man ein Problem! Dort, wo Sie das Ding eigentlich hinverkauft haben, beim Haussender, hat das Format keinen Erfolg - und dennoch gibt es einen großen Markt dafür. Eine ganz blöde Situation. Wenn ich die Serie aufgebe, verliere ich den vorhandenen Markt. Auf der anderen Seite weiß ich aber nicht, wie ich mit dem vorhandenen Interesse beim Publikum Geld verdienen soll. In den kommenden 15 Jahren wird sich das Geschäft mit Film- und Fernsehinhalten so radikal verändern, dass wir es nicht mehr wieder erkennen werden. Das bin ich mir ganz sicher.

teleschau: Betrifft dies auch Ihre Arbeit als Schauspieler? Geschichten werden doch immer erzählt, egal wer es denn tut.

Bleibtreu: Grundsätzlich stimmt das. Wir Schauspieler werden auch in dieser neuen, veränderten Welt gebraucht. Ich bin ein großer Freund des Kinos. Ich weiß allerdings auch, dass Kino nicht mehr die gleiche Relevanz hat wie vor 20 Jahren. Und damit meine ich nicht nur politische Relevanz. 15-Jährige treffen sich heute einfach nicht mehr, um ins Kino zu gehen und da zu knutschen. Das machen die woanders. Trotzdem gehöre ich nicht zu denen, die sagen: Früher war alles besser. Man muss sich nur damit abfinden, dass die Relevanz der alten Medien nachgelassen hat. Als in den 50-ern das Fernsehen neu war, dachte man, dass es das Theater bald nicht mehr gibt. Aber siehe da, das Theater hat überlebt - es hat aber eben nicht mehr diese Relevanz. Und doch bin ich der Meinung, dass es das Kino immer geben wird.

teleschau: Aber das Fernsehen wird verschwinden?

Bleibtreu: Ja, ich glaube, das Fernsehen wird verschwinden. Oder es wird etwas Ähnliches an seine Stelle treten, das aber anders funktioniert. Ich weiß nur nicht, wie wir das dann nennen werden (lacht). Ich glaube, mittlerweile sind bereits 40 Prozent aller verkaufter Fernseher in Deutschland "Smart TVs". Es ist eine Frage von wenigen Jahren, bis unser Computer und Fernseher daheim verschmelzen.

teleschau: Sie haben lange ausschließlich Kino gemacht, weil Sie sagten, dass sich der Zuschauer dort aktiv für etwas entscheidet, während man sich vom Fernsehen berieseln lassen kann. Nun machen Sie wieder Fernsehen. Haben sich die Umstände geändert?

Bleibtreu: Die Möglichkeiten im Kino sind weniger geworden. Speziell hier in Deutschland. Das Problem von uns dummen Deutschen ist, dass wir unser Kino nicht gefeiert haben, als es durchaus Anlass dazu gab. Erst heute kapieren wir, wie gut "Der Baader-Meinhof-Komplex", "Der Untergang", "Goodbye Lenin" oder "Knockin' On Heaven's Door" eigentlich waren. Ich könnte diese Liste von Filmen lange fortführen. Früher hatten wir jedes Jahr mindestens drei solcher außergewöhnlichen Filme. Wo sind die jetzt? Es gibt sie nicht mehr. Wir haben versäumt, auf uns stolz zu sein, als wir auf uns stolz sein mussten. "Der Baader-Meinhof-Komplex" war für den Oscar, den Emmy und den BAFTA-Award nominiert. Und beim Deutschen Filmpreis? Nichts! Wie kann es sein, dass ein deutscher Film für die renommiertesten Filmpreise der Welt nominiert wird und man das hierzulande völlig ignoriert?

teleschau: Sie glauben, diese Ignoranz gegenüber der eigenen Leistung hat tatsächlich eine Art Niedergang des deutschen Kinos bewirkt?

Bleibtreu: Ja, ich sehe da einen deutlichen Zusammenhang. Die ganze Welt drehte durch, als sie Bruno Ganz als Hitler in "Der Untergang" sahen. Alle Ausländer haben mir gesagt: "So eine schauspielerische Leistung habe ich noch nicht gesehen." Und der Mann geht hier ohne Deutschen Filmpreis nach Hause - das gibt's doch nicht! Die Folge ist: Heute hat das deutsche Kino extreme Schwierigkeiten, Filme mit einer etwas komplexeren Erzählstruktur, die sich vielleicht nicht auf Anhieb mit etwas vergleichen lassen, finanziert zu bekommen. Vor allem, wenn man als Regisseur nicht so renommiert wie Fatih Akin oder Oskar Roehler ist.

teleschau: Ist diese Kinokrise nur ein Gefühl oder können Sie das mit Zahlen belegen?

Bleibtreu: Ich habe solche Zahlen nicht parat, sie sind auch nicht meine Stärke. In der Branche weiß das aber jeder. Wenn man vor zehn Jahren einen einigermaßen stabilen Film machte, sind da wenigstens mal 200.000 Menschen reingegangen. Das war dann auch okay - für einen etwas widersprüchlichen, kantigeren Film. Heute gehen in solche Filme vielleicht noch 40.000 oder gar 30.000 Leute rein. Das ist schon frustrierend. Fernsehfilme, die extrem schlecht laufen, erreichen ein Vielfaches. Natürlich will ich als Schauspieler auch jemanden erreichen mit dem, was ich mache. In den letzten fünf Jahren machte ich viele schöne Filme, die keiner gesehen hat.

teleschau: Aber es gibt schon noch deutsche Filme, die Erfolg haben ...

Bleibtreu: Ja, das sind dann aber eher kalkulierte Erfolge mit der entsprechenden Marketing-Power dahinter. Ich habe nichts gegen solche Filme. Aber sie sind natürlich auch ein Grund dafür, dass andere Filme nicht mehr vorkommen.

teleschau: Lassen Sie uns noch einmal auf das "passive" Medium Fernsehen zurückkommen. Aktiviert denn eine Serie wie "Schuld" den Zuschauer anders als andere TV-Inhalte?

Bleibtreu: Nein. Und damit erklärt sich auch eine gewisse Wehmut, die ich habe, weil das Kino immer weniger Möglichkeiten bietet. Tarantino sagte in Cannes, das Kino sei tot. Ich glaube, er meinte diese Entwicklung, die ich hier gerade auszuführen versucht habe. Es wird nichts mehr gewagt im Kino, die Angst vor finanziellen Verlusten regiert. Meine letzten Filme spielten allesamt nicht besonders viel Geld ein. Wenn ich nun im Fernsehen zu sehen bin, können meine Kumpels endlich mal wieder sehen, was ich so beruflich mache (lacht).

Quelle: teleschau - der mediendienst