Hannes Ringlstetter

Hannes Ringlstetter





Ein Bayer in Berlin

Hannes Ringlstetter ist ein etwas bulliger, vielleicht sogar auf den ersten Blick verschlossen wirkender Typ. Man sieht ihm seine Wandlungsfähigkeit und Wendigkeit zumindest nicht gleich an. Und doch ist es genau derselbe 44-Jährige, der auf der Bühne auch mal laut und derb werden kann, der sich dann aber plötzlich ans Klavier setzt und - ohne Noten - mitreißend poetisch in die Tasten greift. Einer, der singt, musiziert, spielt, Bücher schreibt, rezitiert, sich auf Demonstrationsbühnen gegen Ausländerfeinde stellt - und der sich dabei nie wirklich in den Vordergrund spielt. "Ich mache gerne etwas mit anderen Menschen, da fühle ich mich wohl", sagte der Münchner. Übertriebene Künstler-Eitelkeit kennt er nicht. "Andere Leute wegzudrücken, ist mir fremd. Im Gegenteil: Ich habe großes Interesse daran, dass mit guten Leuten gute Sachen zustande kommen." Mit der Ensemble-Kabarett-Reihe "3. Stock links" sieht man ihn ab Donnerstag, 29. Januar, um 22.45 Uhr, auch im ARD-Spätabendprogramm.

Es ist eine Ensemble-Produktion, in der Ringlstetter in der Rolle eines Berliner WG-Faktotums neben seinen Kabarett-Kollegen Maike Kühl und Sebastian Pufpaff zu sehen ist. Damit verlässt er einmal den vertrauten Kontext der eher improvisierten Abende, bei denen man ihn im Münchner Kabarett-Lokal "Vereinsheim" als Gastgeber und Unterhalter schätzen gelernt hat (auch bekannt aus dem BR-Programm). Nun also ein etwas gewöhnungsbedürftiger Mix mit zumindest vorgegebenen Rollen, die Serie spielt im Milieu der Berliner Politikerszene. "Mich hat es gereizt, gerade weil es eben mal keine so offene Form ist", sagt Ringlstetter. Gut gefällt ihm das Drehbuch zu "3. Stock links", das für den Meist-Selber-Macher offenbar aus verlässlicher Hand stammt. "Thomas Lienenlüke fand ich schon immer sehr gut", sagt er. "Mir gefällt, dass wir das Improvisieren und das Schauspielen mischen."

Tatsächlich wirkt die Reihe, mit der der BR seinen Beitrag zur neuen Humoroffensive der ARD am Donnerstagabend leistet, wie ein Zwitter. "Es ist Kabarett mit Sitcom-Elementen - was uns ein bisschen Platz für Spontaneität lässt. Das Schöne ist: Alles bleibt immer in Bewegung", sagt Ringlstetter. "Das Drehbuch wird bis zu einer Stunde vor der Aufzeichnung umgeschrieben. Wo gibt es im deutschen Fernsehen so was noch?" Somit können alle drei Kabarett-Profis sich kurzfristig noch einbringen und auf die Aktualität "draußen" reagieren - das allerdings in ganz unterschiedlicher Form. "Ich bin kein Freund der kabarettistisch-pädagogischen Haltung, die den Leuten von oben herab die Welt erklärt", sagt Ringlstetter über sich selbst.

Gut möglich, dass seine Kollegen oft schärfer wirken - beim Polit-Kabarett. "Hier stimmt der alte Satz, dass alles Private politisch ist", meint der gebürtige Münchner über den Stil, den die Serie wählt - weil sich dort eben drei Freunde, die miteinander zusammenleben müssten, ganz "privat" fetzen. "Wir müssen anders sein als der allgemeine Medienfluss. Die Themen werden bei uns ins Private hineinragen - so dass sich ein Paar auch streiten kann", doziert er. "Es gibt im deutschen Fernsehen keinen vernünftigen politischen Diskurs - nur den Talkshow-Betrieb, in dem vorgefertigte Statements herausgekotzt werden." Gerade deswegen freut er sich, dass "3. Stock links" keine Scheuklappen haben soll - als eine Art ARD-Antwort auf die Satire-Formen, die das ZDF mit "Die Anstalt" wagt. "Ich muss den Ruf des BR einmal entschieden verteidigen: Die lassen uns wirklich freie Hand", sagt Hannes Ringlstetter. "Die Verantwortlichen wissen genau, wen sie da eingekauft haben und schätzen unsere Dynamik", meint er. "Die Besetzung allein ist schon mutig - vor allem wenn man Sebastian Pufpaff vorne vor die Kameras stellt."

Seine eigene Rolle in der fiktiven WG gefällt Ringlstetter gut, weil sie in Teilen von fern auch an seinen eigenen Stil erinnert. "Ich verkörpere einen WG-Bewohner, der nur mit einfachem Menschenverstand argumentiert und seine Meinung ständig ändert. Ich denke, dass ist ein Typ, wie er gerade unter jungen Menschen derzeit oft vorkommt", sagt Ringlstetter, schiebt dann aber doch augenzwinkernd nach: "Ich bin selbst zum Glück nicht lethargisch."

Entscheidend ist einmal wieder seine Kollegialität, die drei doch recht unterschiedliche Charaktere auf der Bühne nebeneinander überhaupt erst möglich macht. "Wir passen menschlich super zusammen und haben genau dasselbe Verständnis von diesem Spiel. Es ist ja wichtig, dass es nicht in Arbeit ausartet", scherz Ringlstetter. "Das klassische Rollen-Verständnis passt nicht zu mir - das ist auch bei meiner Arbeit für 'Hubert und Staller' so", sagt er und spielt auf seine kleine Rolle als dort ulkigerweise türkischer Imbisswagen-Betreiber in der ARD-Vorabendserie an. "Gut möglich, dass das mit meinen Autoritätsproblemen zu tun hat."

Keine Probleme hat Ringlstetter damit, sich in die Öffentlichkeit zu wagen und sich der guten Sache lauthals anzuschließen. Zuletzt sah man ihn in München auf Seiten der Anti-Pegida-Demonstranten, die sich für ein tolerantes Miteinander stark machten. "Mich auf eine Bühne zu stellen und zu sagen, dass München bunt ist, ist für mich eine Selbstverständlichkeit, wenn man in einer weltoffenen Großstadt lebt", so Ringlstetter. Dabei war ihm der "Gegen"-Charakter der Demonstrationen nicht das Entscheidende, er möchte im positiven Sinne etwas bewegen und sich nicht bloß absetzen. "Man muss sich doch mehr um die Kultur kümmern - etwa in dem man zulässt, dass auf öffentlichen Plätzen wieder mehr Musik gespielt wird", sagt er. Als Musiker und langjähriger Frontmann der Mundart-Rock-Band Schinderhannes ist ihm auch das mediale Gedudel ein Graus. "Ich wünsche mir Radiosender, die endlich mal wieder gescheite Lieder spielen, in deren Texten es um etwas geht."

Mit seinen eigenen Energien geht er dabei durchaus verschwenderisch um. "Ich mache nur Sachen, bei denen ich mich wohlfühle. Dabei habe ich das Glück, dass ich eben Musik machen, schreiben, schauspielen und die Leute unterhalten kann", sagt Ringlstetter. "Ich achte darauf, dass möglichst viele Bereiche abgedeckt sind, weil ich mich sonst schnell langweile." Junge Talente zu entdecken und mit zu unterstützen, ist ihm besonders wichtig - und erklärt sich auch aus der privaten Historie. "Ich hatte selbst anfangs sehr wenige Möglichkeiten und musste lange warten, bis mir jemand eine Chance gibt", erklärt er. "Ich bin selbst ein Geförderter - das versuche ich weiterzugeben."

Dass seine Programme nun im ARD-Hauptprogramm und damit auch außerhalb der BR-Mundart-Welt laufen, schüchtert ihn keineswegs ein. "Ich mache halt mein Ding - ob das Ergebnis dann im BR, in der ARD oder bei Eurosport zu sehen ist, bleibt sich für mich gleich", weiß der Pragmatiker. "Wenn die Energie stimmt, kann das überall laufen."

Quelle: teleschau - der mediendienst