Jan Stecker

Jan Stecker





Mit dem WG-Kumpel zum Super Bowl

Der erste Sonntag im Februar ist für den Super Bowl, dem Endspiel der US-amerikanischen Football-Liga NFL, reserviert. Dann steigt in den USA die ganz große Party. Aber auch hierzulande interessieren sich immer mehr TV-Fans für die uramerikanische Sportart, bei der durchtrainierte Muskel- und Fleischberge im Kampf um ein "Ei" und wenige Zentimeter Raumgewinn aufeinanderprallen. Der Sender SAT.1, der den Super Bowl nun zum vierten Mal live zeigt, freut sich über kontinuierlich gestiegenen Zuspruch. Im vergangenen Jahr lag der Marktanteil bei der werberelevanten Zielgruppe (Zuschauer 14 bis 49 Jahre) zeitweise bei 45 Prozent. "Im Vergleich zur ARD, die früher übertragen hat, haben wir die Quote inzwischen verdreifacht", sagt Jan Stecker. Der ehemalige Footballer (Tight End und Quarterback bei den Cologne Crocodiles) ist auch in diesem Jahre beim "Super Bowl XLIX" zwischen den Seattle Seahawks und den New England Patriots als Kommentator und Experte live im University-of-Phoenix-Stadium dabei. Er setzt auf ein spannendes Spiel und hofft, diesmal keinen Touchdown zu verpassen. Dann würden für ihn "Weihnachten und Geburtstag auf einen Tag fallen", wie der 55-Jährige im Interview verrät.

teleschau: Wer gewinnt den Super Bowl?

Jan Stecker: Die New England Patriots waren in der regulären Saison das stärkste Team. Zuletzt aber kamen die Seattle Seahawks groß in Fahrt. Mein Tipp: Seattle wird den Titel verteidigen.

teleschau: Warum?

Stecker: Seattle hat eine sehr starke Verteidigung und eine hervorragende Offense, die gut ausbalanciert ist. Das Schöne aber ist: Bei einem Finale lässt sich der Ausgang nie voraussagen. Nur ein abgefangener Pass oder ein Ball, der fallengelassen wird, können ein Spiel auf diesem höchsten Niveau immer beeinflussen.

teleschau: Sie sind für SAT.1 zum vierten Mal in Folge als Experte und Kommentator beim Super Bowl. Wird das weltweit größte Einzelsportereignis irgendwann zur Routine?

Stecker: Ganz und gar nicht. Der Super Bowl ist das Größte, das ich im Sport bisher erleben durfte und auch in diesem Jahr wieder erleben darf. Und das sage ich nicht, weil ich selbst früher American Football gespielt habe. Nur in der Stadt zu sein, wo der Super Bowl stattfindet, ist Erlebnis pur. Bereits Tage vor dem Finale ziehen 150.000 Menschen und mehr aus ganz Amerika in den Spielort ein. Davon haben vielleicht 50.000 überhaupt Tickets. Die Fans reisen an, um Party zu machen. Und das ausgelassen und immer friedlich.

teleschau: Erleben Sie diese besondere Stimmung auch im Stadion, wenn Sie auf Ihren Kommentatorenplätzen zumeist hoch oben unterm Dach sitzen?

Stecker: Dieses Show-Spektakel, das die Amerikaner immer bieten, ist unglaublich. Spätestens bei der Nationalhymne erreicht auch diejenigen, die in der letzten Reihe sitzen, ein Kribbeln. Wenn ich dann noch ein spannendes Spiel kommentieren kann, ist alles perfekt. Ehrlich: Der Super Bowl ist für mich wie Weihnachten und Geburtstag an einem Tag.

teleschau: An dem dennoch etwas schiefgehen kann. Das Finale im vergangenen Jahr beispielsweise war sehr einseitig. Wie abhängig sind Sie als Kommentator vom Spielverlauf?

Stecker: Der letzte Super Bowl war bereits zur Halbzeit quasi entschieden. Als Kommentator hat man dann im Prinzip nur noch eine Chance. Man muss den Zuschauern die Gründe dafür erklären. Bei den Denver Broncos zum Beispiel hatte das Angriffspiel überhaupt nicht funktioniert. Das lag aber nicht nur an Quarterback Peyton Manning, der bestimmt nicht seinen besten Tag hatte. Das lag vor allem an der überragenden Verteidigung der Seahawks. Das ist ja auch das Faszinierende am Football. Es geht nicht immer nur um die Touchdowns. Das Spannende ist diese besondere Form des Schachs auf dem Rasen.

teleschau: Gerade beim Super Bowl sitzen aber auch viele vor den Bildschirmen, die vor allem neugierig auf das Spektakel sind. Wie erklären Sie diesen Zuschauern "Schach auf Rasen", ohne die Football-Kenner zu langweilen?

Stecker: Dieser Spagat ist schwierig. Frank Buschmann und ich legen die Erklärung der Regeln an den Anfang einer Partie. Diejenigen, die das Spiel kennen, müssen das in Kauf nehmen. Nach den ersten zehn Minuten erklären wir kaum Grundlegendes mehr, sondern gehen auf Besonderheiten beispielsweise ein Foul und die darauf folgende Strafe ein. Über diesen Weg kommen viele ganz gut in das Spiel hinein. Dass sich einige der sogenannten Kenner via E-Mail oder Social Media dennoch beschweren, damit muss man als Kommentator leben.

teleschau: Trotz der komplizierten Regeln und einer sehr späten Sendezeit mitten in der Nacht gucken immer mehr Zuschauer den Super Bowl. Woran liegt das?

Stecker: Ich glaube, dass wir es mit den bisherigen drei Super-Bowl-Übertragungen geschafft haben, auch Zuschauer an den Geräten zu halten, die bisher kaum Bezug zu Football hatten. Sie haben schnell die Faszination des Spiels verstanden und wie es funktioniert. Ein Beleg dafür ist das Finale im vergangenen Jahr. Es war das bisher langweiligste, das wir gezeigt haben. Dennoch hatten wir noch einmal mehr Zuschauer als im Jahr zuvor. Anders als früher die ARD steigt SAT.1 bereits bei den Divisional Playoffs in die Football-Übertragung ein. Auch diese Spiele wecken ein mögliches Interesse. Weitere Informationen und Anreiz erhalten viele inzwischen auch über Social Media.

teleschau: Sebastian Vollmer ist erneut im Finale dabei. Gewinnt er diesmal mit den New England Patriots, wäre er der erste deutsche Super-Bowl-Sieger. Könnte Vollmer einen Football-Boom hierzulande auslösen?

Stecker: Dirk Nowitzki ist bei den Dallas Mavericks der absolute Star der Mannschaft. Er hat den Titel geholt. Dennoch hat es keinen Boom der NBA in Deutschland gegeben. Beim Football ist das noch schwieriger. Auch wenn mit Markus Kuhn kürzlich dem ersten Deutschen ein Touchdown in der NFL gelang, es bräuchte schon einen deutschen Quarterback, der in den Super Bowl kommt. Das würde möglicherweise kurzfristig einen Hype auslösen. Mehr aber nicht. In Deutschland dominiert der Fußball. Das wird auch so bleiben - und American Football eben eine Randsportart.

teleschau: Mit Frank Buschmann haben Sie einen sehr emotionalen Kollegen an Ihrer Seite. Müssen Sie ihn manchmal im Zaum halten?

Stecker: Ich kenne Frank schon seit ewigen Zeiten, früher haben wir auch zusammen in einer WG gewohnt. Als ich erfahren habe, dass wir die Football-Übertragungen machen werden, wusste ich sofort, dass das klappen wird. Ich kann ihn bei einer aufregenden Szene schreien lasse, lehne mich zurück, und wenn er fertig ist, kann ich in Ruhe erklären, warum seine Emotionen mit ihm durchgegangen sind. Das passt perfekt zusammen. Buschi sorgt für das Emotionale, und ich erkläre die Hintergründe.

teleschau: Sind sie beide inzwischen schon so gut aufeinander eingespielt, dass Sie sich kaum mehr auf die Partie vorbereiten müssen?

Stecker: Die Vorbesprechung ist immer enorm wichtig. Wir unterhalten uns über die Stärken und Schwächen der Mannschaften. Dabei arbeiten wir die entscheidenden Fakten heraus, die wir womöglich auch bebildern können. Manche Details, nach denen Frank mich fragt oder um eine nähere Erklärung bittet, sind zuvor zwischen uns abgesprochen.

teleschau Wie oft sprechen Sie noch über den Beginn der zweiten Halbzeit des vergangenen Super Bowl?

Stecker: Dass wir tatsächlich mal einen Touchdown verpassen, hat uns etwa zwei Minuten echt geschockt. Allerdings: Wir konnten nichts dafür. Zum Start der zweiten Halbzeit wollten wir den Zuschauern den Blick ins Stadion in der Totalen zeigen. Dafür mussten wir raus aus der kleinen Kommentatorenkabine und standen mit dem Rücken zum Feld. Auf dem Monitor lief gleichzeitig noch eine Zeitlupe. Als das Publikum plötzlich in Jubel ausbrach, war's schon zu spät. Es konnte aber auch niemand damit rechnen, dass ein Touchdown unmittelbar nach dem Kickoff passiert.

teleschau: Wird Social Media und die Möglichkeit, direkt Kommentare in die Übertragung abgeben zu können, nach so einem Missgeschick nicht schnell zum Fluch?

Stecker: Nach dem verpassten Touchdown war uns ein deftiger Shitstorm sicher.

teleschau: Wie gut können Sie mit Kritik umgehen.

Stecker: Bei sehr harter Kritik muss ich immer an Ernst Huberty denken. Er gab vor vielen Jahren auch Seminare. Huberty hat immer gemeint: "Als Kommentator kannst du froh sein, wenn 50 Prozent der Zuschauer dich gut finden!"

Quelle: teleschau - der mediendienst