300 Worte Deutsch

300 Worte Deutsch





Der falsche Film zur falschen Zeit

Mit Klischees zu spielen und dabei witzig und sogar tiefgründig zu sein, ist kein Leichtes. Die Balance zu halten, alte, zigmal gesehene Figuren-Muster erfolgreich in eine Filmgeschichte einzubetten, ist gar Kunst. Eine Kunst, die Regisseur Züli Aladag bei "300 Worte Deutsch" nicht zu vollbringen vermag. Dabei steht Christoph Maria Herbst, der ewige "Stromberg", wie kein anderer für diese Fertigkeit. Im Film spielt er zwar abermals ein trauriges Ekel. Doch an seine Großtaten als Großmaul, um das herum der Büroalltag so köstlich persifliert wurde, erinnert wenig. Vielmehr schlüpft er in der Komödie in ein eindimensionales Ärgernis von einem Beamten. Schlimmer noch: Mit seiner Figur Dr. Ludwig Sarheimer wird Rassismus zum harmlosen Witzchen. Gerade in Zeiten von Pegida verfehlt die aussagelose Heiterkeits-Schnulze über türkischstämmige Immigranten jedes Ziel - wenn sie überhaupt eines hatte.

"Was die Türken vor Wien nicht geschafft haben, versuchen sie jetzt hintenrum" - Sarheimer spricht etwas aus, das angeblich in Deutschland nicht ausgesprochen werden darf. Zugegeben: Pegida und seine Ableger stellen ja gar nicht unsere türkischen Mitbürger in den Mittelpunkt ihrer Kritik. Und Aladags Film kann ohnehin nicht als gutgemeinte Reaktion auf Dresden gesehen werden: "300 Worte Deutsch" stammt aus dem Jahr 2013 - eine Flüchtlingsschwemme, der man heute angeblich nicht mehr Herr werden kann, war seiner Zeit noch nicht auszumachen. Aber: Dass der Film dieser Tage ins Kino kommt, macht ihn durchaus zu einem Statement. Das Schmunzeln beim Thema Integration dürfte dem Kinogänger Anfang 2015 schwer fallen - auch weil der Film wenig Anlass zum Lachen bietet.

Dabei lassen es der Regisseur und seine Co-Autoren Ali Samadi Ahadi, Arne Nolting und Gabriela Sperl nicht aus, die Machenschaften der im Film beleuchteten türkischen Einwanderer zu kritisieren oder zumindest durch den Kakao zu ziehen. So geht der Gemeinde-Hodscha Cengiz Demirkan (Vedat Erincin) trotz seiner gehobenen, moralischen Stellung ins Freudenhaus. Von seiner Tochter erwartet der Witwer dagegen Demut, Zucht und Disziplin. Dass die taffe, emanzipierte Lale (Pegah Ferydoni) ihrem Vater samt Kopftuch nur etwas vorspielt und sie heimlich mit Sarheimers Neffen Mark (Christoph Letkowski) anbandelt - wehe, er findet dies heraus. So führt die hübsche Studentin ein Doppelleben und muss ein ums andere Mal die spitzbübischen Untaten des Familien- und Gemeindeoberhauptes ausbaden.

Der sorgt nämlich dafür, dass eine Handvoll männlicher türkischer Junggesellen mit anatolischen Bräuten versorgt wird. Der zur Einreise nach Deutschland benötigte Deutschtest wird gefälscht, die Damen können so gut wie keines der geforderten "300 Worte Deutsch" vorweisen. Brauchen sie ja auch nicht, so die Meinung des Traditionalisten Cengiz. Diesem Gebaren kommt natürlich Sarheimer vom Ausländeramt auf die Schliche. Der Beamte steht aufgrund seiner allgemeingültigen Abneigung gegenüber "Kopftuch-Aisches und illegalen Schmarotzern" bereits seit mehreren Monaten mit dem Moschee-Vorsteher auf Kriegsfuß. Die sofortige Abschiebung der Frauen ist sein erklärtes Ziel.

Aus dieser Ausgangssituation hätte man ein intelligentes Kammerspiel im Ausländeramt zaubern können, eine Satire, die weh tut, oder zumindest eine Komödie, die mit spitzen Pointen zum Lachen bringt. "300 Wörter Deutsch" hingegen ist eine aufs Tempo drückende Rom-Com, die typisch deutscher nicht sein könnte. Mit seinen äußerst durchsichtigen, kitschigen Liebesduseleien hätte der Film ins Donnerstagabend-Programm von ProSieben gepasst - der bedeutungsschwangere Pop-Soundtrack multipliziert dies Gefühl noch. Hätte Aladag nicht die namhaften Mimen mit an Bord, wäre es wohl auch genauso gekommen.

Quelle: teleschau - der mediendienst