André Hennicke

André Hennicke





Das Böse steht ihm gut

André Hennicke, 1958 im sächsischen Johanngeorgenstadt geboren, wird vom deutschen Fernsehen regelmäßig angefragt, wenn es gilt, einen Täter (oder Tatverdächtigen) zu besetzen. Im Film "Kreuzfeuer" aus der ZDF-Krimireihe "Stralsund" (Samstag, 31. Januar, 20.15 Uhr) spielt Hennicke (56) einen Polizistenmörder. Es scheint, als hätten es dem Schauspieler mit den markanten Gesichtszügen, der schon für Francis Ford Coppola und David Cronenberg vor der Kamera stand, extreme Charaktere angetan. "In meinem Beruf muss ich manchmal gegen alles verstoßen, was ich als normaler Mensch empfinde", sagt Hennicke im Interview.

teleschau: Man kennt Ihr Gesicht - Ihr Name ist aber vielen Menschen nicht bekannt. Stört Sie das?

André Hennicke: Das finde ich gut! Mir begegnen hier in Berlin immer wieder Menschen, die mich sehen und erkennen, aber nicht zuordnen können. Mir macht es nichts aus, wenn man meinen Namen nicht kennt. Schöner ist es, wenn man mein Gesicht kennt. Ich bin da nicht eitel!

teleschau: Ist es Kalkül, dass über Ihr Privatleben so wenig bekannt ist?

Hennicke: Ja, ich versuche, mein Privatleben aus den Medien herauszuhalten. Es soll schließlich um meine Arbeit gehen, nicht darum, was ich privat mache. Ich habe andererseits auch nichts zu verheimlichen: Ich habe eine Freundin, die in Wien lebt, und wir besuchen uns regelmäßig gegenseitig. Ich bin glücklich! Aber mich interessiert das Privatleben von anderen Schauspielern auch nicht sonderlich. Das, was ich als Schauspieler mache, ist viel interessanter als das, was ich als Privatperson mache.

teleschau: Sie haben schon viele außergewöhnliche Charaktere gespielt: Mörder, Nationalsozialisten, Kinderschänder. Was reizt Sie an solchen extremen Rollen?

Hennicke: In meinem Beruf muss ich manchmal gegen alles verstoßen, was ich als normaler Mensch empfinde. Da liegt der Reiz. Wenn ich Normalbürger wie mich selbst spielen würde, wäre das langweilig. Je weiter die Person, die ich darstelle, entfernt ist von meiner eigenen Persönlichkeit, desto größer ist die Herausforderung.

teleschau: Im ZDF-Film "Kreuzfeuer" aus der "Stralsund"-Reihe spielen Sie einen Mann, der aus Wut auf den Staat mehrere Polizisten tötet. Hat man als Schauspieler auch eine moralische Verantwortung, wenn man solche extremen Charaktere spielt?

Hennicke: Ja, auf jeden Fall! Vor allem, wenn sich Fiktion und Wirklichkeit begegnen. In "Stralsund" wird erklärt, warum der Charakter so handelt, wie er handelt, und woher seine Motivation kommt. Klaus Ewert, den ich spiele, ist krank. Er gibt anderen die Schuld daran und projiziert sein eigenes Versagen, das Leben zu meistern, auf andere, auf Uniformträger. Wir wollen aber erklären, was das heißt und woher das kommt. Das herauszuarbeiten, finde ich wichtig.

teleschau: Wie würden Sie Klaus Ewert, den Mörder im "Stralsund"-Krimi, charakterisieren?

Hennicke: Klaus Ewert handelt aus Sehnsucht nach Liebe. Aber er kann mit seinem Scheitern nicht umgehen. Mir war es bei der Rolle wichtig zu erzählen, dass das eigentlich ein ganz normaler menschlicher Vorgang ist. Wichtig ist nur, wie wir uns am Ende entscheiden. Ich wollte ihn so spielen, dass man seine Motivation versteht. Das macht eine Rolle realistisch.

teleschau: Sie versuchen also, einen Mörder zu verstehen, wenn Sie ihn spielen?

Hennicke: Es gibt immer mehrere Ursachen für ein Handeln. Ein Flugzeug stürzt auch nicht ab, nur weil ein einziges Teil defekt ist. So ist es auch mit jeder Biografie. Bei Mördern etwa stürzt man sich auch oft auf einen einzigen Aspekt ihrer Biografie: Missbrauch in der Kindheit, kriminelles Elternhaus oder Alkohol. Aber nicht jeder, der solche Erfahrungen macht, wird zum Mörder. Das ist viel komplexer. Es ist eine einfache Entscheidung, eine Waffe in die Hand zu nehmen und jemanden umzubringen. Aber hinter jedem Mörder steckt immer ein kleiner, erbärmlicher Mensch.

teleschau: Fällt es Ihnen schwer, sich von solchen extremen Rollen wieder zu trennen?

Hennicke: Überhaupt nicht! Ich weiß immer, dass ich nur einen Film drehe, und mit den Rollen, die ich spiele, überhaupt nichts gemeinsam habe. Während des Drehs herrscht außerdem immer eine entspannte und professionelle Atmosphäre. Ich gehe nach der Arbeit nach Hause und schalte sofort um. Film ist Kunst!

teleschau: Hätten Sie Lust, mal etwas ganz anderes zu machen, zum Beispiel in einer Komödie zu spielen?

Hennicke: Große Lust! So was habe ich bisher sehr selten gemacht. Das wäre ein Feld, auf dem ich mich noch einmal richtig ausprobieren könnte. Aber das hängt natürlich von den Angeboten ab.

teleschau: Wie wichtig ist das Aussehen eines Schauspielers für eine Rolle? Hätte auch ein blonder Schönling einen Mörder wie Klaus Ewert spielen können?

Hennicke: Wenn er ein guter Schauspieler wäre, auf jeden Fall. Er müsste aber viel Erfahrung mitbringen, eine solche Rolle erfordert eine Biografie. Mir geht es im Film nicht darum, gut auszusehen und den Leuten zu gefallen. Eine Freundin von mir hat mich in "Antikörper" gesehen ...

teleschau: Der Film, in dem Sie einen Serienmörder spielten, der 13 Jungen ermordet hat.

Hennicke: Genau. Sie musste das Kino nach zehn Minuten verlassen, weil sie es nicht ertragen konnte. Das war für mich ein großes Kompliment. Wenn ein Film echte Gefühle auslösen kann, egal ob in einer Komödie oder in einem Psychodrama, dann ist das das Höchste für einen Schauspieler. Wenn man jemanden wie Klaus Ewert spielt, dann muss man nicht nett aussehen.

teleschau: Klaus Ewert, glaubt, dass er während seines Dienstes bei der NVA krank geworden ist. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit in der Armee der DDR?

Hennicke: Ich wuchs in den Bergen auf, im Erzgebirge. Außer Pilzesammeln war da nicht viel los. Dann wurde ich zum Panzerbataillon einberufen, das fand ich großartig. Allerdings musste ich dann sehen, dass wir nur uralte Panzer hatten, während die Bundeswehr modern ausgerüstet war. Uns war klar, dass wir im Kriegsfalle keine Chance gehabt hätten. Aber es war eine große Gaudi, wir haben viel gesoffen, und uns war klar, dass wir nie gegen unsere westdeutschen Verwandten kämpfen würden. Die Zeit bei der NVA war ein großes Abenteuer, aber auch nicht mehr.

teleschau: Während Ihres Schauspielstudiums hat man Ihnen dann aber angetragen, Reserveoffizier bei der NVA zu werden.

Hennicke: Ich war Jahrgangsbester auf der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf". Man hat mir deswegen 1982 ein Leistungsstipendium angeboten, was monatlich 70 Mark mehr bedeutet hätte. Viel Geld damals für einen Studenten. Ich hätte mich aber verpflichten müssen, Reserveoffizier zu werden, und das wollte ich nicht. Also habe ich das Stipendium abgelehnt.

teleschau: Was ist dann passiert?

Hennicke: Ich habe einen sechsseitigen Exmatrikulationsantrag verfasst. Ich wollte Schauspieler werden, nicht Offizier. Der Antrag wurde aber abgelehnt, und auf einmal hieß es, die Sache mit der Offizierslaufbahn sei doch nicht so wichtig, und ich konnte fertig studieren. Das hat die Lächerlichkeit dieser Ideologie deutlich gezeigt: Wer ja sagt, taugt für das System, wer sich verweigert, nicht.

teleschau: Wenige Jahre später kam dann die Wende. Wie wirkte sich der Mauerfall auf Ihre Karriere aus?

Hennicke: Ich hatte nach der Wende eine kurze Durststrecke von rund einem Jahr zu verkraften. In dieser Zeit machte ich mit Freunden eine Kneipe in Berlin-Mitte auf, um ein zweites Standbein zu haben. Dann kamen aber schon die ersten Schauspiel-Angebote, ich habe mit Hannelore Elsner gedreht, dann kamen Kinofilme, und seitdem bin ich immer weiter vorangekommen.

teleschau: Sie spielten in mehreren "Tatorten" den Täter oder Tatverdächtigen. Hat man Ihnen schon einmal die Rolle des Kommissars angeboten?

Hennicke: Polizisten habe ich schon mehrmals gespielt. Aber ich habe den Eindruck, dass für den "Tatort" derzeit eher die jungen, attraktiven Schauspieler für die Rolle als Kommissar gefragt sind. Da herrscht offenbar ein Jugendwahn, weil die Öffentlich-Rechtlichen mit den Privatsendern mithalten wollen. Aber junge Kommissare sind nicht sonderlich glaubwürdig, denen fehlen der Instinkt und die Erfahrung.

teleschau: Was sehen Sie selbst gerne im Fernsehen?

Hennicke: Ich sehe mir fast nur Dokumentationen an, die mir bei meiner Arbeit helfen - bei meiner Recherche zu meinem neuen Roman, einem Berlin-Krimi, und in der Vorbereitung auf Rollen. Und ich liebe österreichische Kinofilme! Ich mag den speziellen österreichischen Humor.

teleschau: Und was ist mit deutschen Fernsehfilmen?

Hennicke: Die deutsche Fernsehlandschaft ist leider wenig risikobereit, sie bietet wenig Innovatives, das mich interessieren würde.

teleschau: Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Hennicke: Gute Autoren gäbe es genug. Aber viele Verantwortliche setzen lieber auf Vertrautes, auf Dinge, die die Menschen schon kennen. Mit viel Licht und Happy End. Große Kunst aber braucht Freiheit.

teleschau: Viele Rollen verlangen körperliche Fitness. Wie halten Sie sich mit 56 Jahren fit?

Hennicke: Man ist alt, wenn man sich bückt, um sich die Schuhe zu binden und sich dabei fragt, was man noch alles erledigen kann, wenn man schon mal unten ist! (lacht) Aber soweit ist es bei mir noch nicht. Ich gehe regelmäßig ins Fitnessstudio, habe ein festes Ernährungsprogramm, halte mich geistig fit, habe eine tolle Arbeit, eine tolle Freundin - mir fehlt nichts. Wenn ich mich in neuen Filmen sehe, wie jetzt im "Stralsund"-Krimi, denke ich mir schon: "Man, bist du alt geworden!" (lacht) Aber letztendlich geht es doch immer um den Charakter.

Quelle: teleschau - der mediendienst