Barbara Auer

Barbara Auer





Kraftvoller Minimalismus

Barbara Auer, 55, ist in einem Alter, das viele Schauspielerinnen fürchten. Für die Rente ist man noch deutlich zu jung, andererseits werden die Rollenangebote in den Fünzigern deutlich rarer. Nicht so bei der gebürtigen Konstanzerin. Mit der Reife an Jahren kamen für die mit Kameramann Martin Langer ("14 Tage lebenslänglich", "Die weiße Massai") liierte Schauspielerin die eigentlich besseren Rollen. So drehte sie mit Matti Geschonneck das vielfach preisgekrönte Gerichtsdrama "Das Ende einer Nacht" (2012) oder mit Christian Petzold einen Münchener "Polizeiruf 110", der Mitte 2015 ausgestrahlt werden soll. Erstaunlich an der Karriere Barbara Auers ist, dass sie keine Schauspielerin ist, die auf den ersten Blick außergewöhnliches tut. Ihre Stärke liegt in den kleinen Gesten und Blicken, die ihre Figuren für den Zuschauer in echte Menschen verwandeln. Im Zweiteiler "Tod eines Mädchens" spielt die Mutter zweier Söhne (Mo., 09.02., und Mi., 11.02., jeweils 20.15 Uhr im ZDF) eine Kommissarin, die in ihrer scheinbar heilen Ostseegemeinde einen Mörder finden muss.

teleschau: Frau Auer, kennen Sie die britischen TV-Serie "Broadchurch"?

Barbara Auer: Ja, die kenne ich. Sie ist toll! Bei "Broadchurch" hatten die Macher allerdings sehr viel mehr Zeit als wir. Ich glaube, acht mal eine Stunde. Da kann man mehr in die Tiefe gehen, zum Beispiel Nebenfiguren erzählen. Bei uns sind deren Charaktere und Geheimnisse nur angedeutet, dadurch hat die eigentliche Geschichte ein rasanteres Tempo.

teleschau: In "Broadchurch" wird über acht Folgen der Mord an einem Kind in einem malerischen englischen Küstenstädtchen erzählt. Ihr Film ist sehr ähnlich.

Barbara Auer: Ja, da haben Sie recht. Aber fragen Sie bitte unsere Autoren selbst, ob sie von "Broadchurch" wussten. Am Set muss man sich auf seine Aufgabe konzentrieren. Da stören Vergleiche mit anderen Produktionen.

teleschau: Sind Sie ein Serienjunkie?

Barbara Auer: Nein, überhaupt nicht. Meine Kinder erzählen mit immer von den Serien, die sie gerade sehen, und natürlich sind auch viele Kollegen begeistert und infiziert von dieser neuen Serienkultur. Ich hinke da immer sehr hinterher, schaue kaum. Mit meinem kleinen Sohn habe ich ich "Downton Abbey" geschaut (lacht) ...

teleschau: Wie in "Broadchurch" gibt es in Ihrem Film zwei Ermittler. Einer, den spielt Heino Ferch, ist ein schwieriger Typ, der von außen als neuer Chef in diese Kleinstadt kommt. Dort trifft er auf die bodenständige Kommissarin vor Ort ...

Barbara Auer: Ja - Hella Christensen, meine Rolle. Die meisten heutigen Fernseh-Kommissare haben viel Charisma, sind spezielle, oft gebrochene Typen mit einem Geheimnis, so wie es eigentlich immer eher die kriminellen Gegenspieler waren.(lacht). Heino Ferch spielt einen solchen Kommissar. Hella ist dagegen sehr normal, fast schon langweilig (lacht) ...

teleschau: Täuscht es, oder spielen Sie nicht oft solche Frauen, die relativ normal sind?

Barbara Auer: Doch, ich spiele schon immer wieder auch geerdete Figuren. Aber nicht unbedingt solche, die ein langweiliges Leben führen. Und genau darauf, auf ihr langweiliges Leben in ihrer kleinen Welt besteht Hella.

teleschau: Und Sie spielen diese Figuren, weil Sie so sind? Oder das zumindest ausstrahlen?

Barbara Auer: Weiß ich nicht. Jeder Schauspieler bringt etwas von Haus aus mit. Es gibt ja auch das Gegenteil von mir. Diese grundnervösen, unruhigen Typen. Natürlich benutzt man als Schauspieler das, was man mitbringt.

teleschau: Akzeptieren Sie die Aura eines Schauspielers als vorgegeben?

Barbara Auer: Es ist gut, wenn man als Schauspieler im Film überhaupt eine Aura hat. Es gibt auch Schauspieler, die sind im Theater ganz großartig, aber im Film verblassen sie, sind aurafrei. Und umgekehrt natürlich sowieso, tolle Film-Schauspieler, die aber nicht über die ersten Reihen im Theater kommen.

teleschau: Kann man denn als aurafreier Schauspieler trotzdem gut sein?

Barbara Auer: Ja, wie gesagt, es gibt Virtuosen auf der Bühne. Die können alles spielen, aber wenn die Kamera ihr Gesicht einfängt, passiert einfach nichts. Obwohl sie viel genialer sind als andere, die einfach nur vor die Kamera gehen und Ausstrahlung haben ohne dass sie dafür etwas tun.

teleschau: Hat dieser Unterschied mit der Nähe der Kamera, also des Betrachters zu tun?

Barbara Auer: Nicht ausschließlich. Es ist schwer zu sagen, was eine Aura ausmacht. Wir kennen das doch alle. Manchmal betreten Menschen einen Raum und sofort ist alles anders. Andere treten ein und es passiert nichts. Und es gibt solche, bei denen passiert nichts, aber wenn sie eine Bühne betreten, passiert ganz viel.

teleschau: In welche Kategorie Schauspieler würden Sie sich einordnen?

Barbara Auer: Ich glaube, mein Talent entfaltet sich gut vor der Kamera. Ich habe das Glück, dass mein Gesicht vor der Kamera eine Wirkung hat. Dass die Kamera mich liebt, um es mal mit diesem etwas abgeschmackten Begriff zu sagen. Ich kann mich auf diese Weise gut ausdrücken, weiß aber, dass es auf der Bühne viel grandiosere, virtuosere Schauspieler gibt, die die großen Gesten beherrschen. Meine Stärke liegt in den kleineren Momenten und Feinheiten.

teleschau: Sie meinen das zurückgenommene Spiel, eines der kleinen Gesten?

Barbara Auer: Ja. Und je älter ich werde, desto mehr reduziere ich, glaube ich.

teleschau: Aber was sind das für kleine Dinge, die man da macht?

Barbara Auer: Vielleicht sollten wir eher davon sprechen, was man nicht macht. Ich glaube, es geht beim Spielen im Film sehr viel ums Weglassen. Um Feinheiten, die man in der zweiten Reihe des Theaters schon nicht mehr sehen würde. Doch die Kamera spürt sie auf. Sie transportiert Gefühle und Stimmungen, die man nicht herstellt, die aber trotzdem da sind. Das, was wirkt, ist das Gelebte, nicht das Dargestellte, Manchmal ist es sogar einfach ein Gedanke, den man beim Spielen denkt und den die Kamera erfasst.

teleschau: Arbeiten denn viele Regisseure so, dass Sie auf diese Art Schauspiel bauen?

Barbara Auer: Na ja, das ist ja jetzt keine Neu-Erfindung des Schauspielens. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die Regisseure, die ich schätze, das fördern und den Schauspielern dafür den Raum geben. Gerade habe ich unter der Regie von Christian Petzold einen "Polizeiruf" mit Matthias Brandt gedreht. Und Christian arbeitet so, dass er an jedem Drehtag erst mal lange mit den Schauspielern probt, ganz allein. Und er erzählt dabei Geschichten und schafft dadurch Atmosphäre und Gefühl, das einen dann durch die Szene trägt. Dabei gibt er so viel Input, dass man am Ende fast nicht mehr spielen muss. Man weiß und spürt, um was es geht. Und dieses Gefühl transportiert sich über die Kamera

teleschau: Schauspiel und seine Wirkung haben also mehr mit einer Grundstimmung zu tun, als man so denkt?

Barbara Auer: Grundstimmung klingt so beliebig und das ist es nicht. Natürlich hat man trotzdem das Gerüst der Handlung, der Figuren und des Textes. - Aber für das, was zwischen den Zeilen und den Blicken passiert, bedarf es eben einer besonderen Atmosphäre.

teleschau: Haben Sie denn noch Ziele in Ihrem Beruf? Möchten Sie bestimmte Dinge tun, die Sie noch nie getan haben?

Barbara Auer: Ich freue ich mich darauf, mit jungen Leuten zu arbeiten. Früher dachte ich, wenn ich mal Mitte 50 bin, passiert nichts Spannendes mehr. Ich empfinde das heute aber ganz anders, wobei ich natürlich einen Beruf habe, bei dem man immer neugierig bleiben und sich ausprobieren darf. Und den man bis ins hohe Alter ausüben kann. Ein Privileg.

teleschau: Weil jetzt erst die Brüche ins Leben kommen?

Barbara Auer: Ja und eben entsprechend die spannenderen Rollen! Wenn es sie denn gibt. Ich kann heute viel interessantere Charaktere spielen als früher als junge Schauspielerin. Trotzdem gibt es für Schauspielerinnen meines Alters insgesamt natürlich weniger Angebote. Aber ich habe bisher Glück gehabt. Wobei auch dieser Zustand nicht in Stein gemeißelt ist. Man ist nicht immer gleichermaßen gefragt. Und die Themen, denen sich Kunst und Filme widmen, sind auch immer wieder Moden unterworfen. Momentan geht es ja überall um Tod und das Sterben - nicht nur im Krimi.

teleschau: Tatsächlich?

Barbara Auer: Ja, Sterben und Tod sind thematisch allgegenwärtig. Auch in Buchhandlungen finden Sie jede Menge Bücher zu diesem Thema.

teleschau: Woher kommt dieser Trend, wenn wir nur unser Fernsehen betrachten?

Barbara Auer: Ich denke, das ist eine Generationsfrage. Viele etablierte Filmemacher und Autoren sind vielleicht selbst in dem Alter, wo man sich mit dem eigenen Ende auseinandersetzt oder haben Eltern, die pflegebedürftig werden und sterben. Natürlich gab es das Thema Sterben auch schon vor zwanzig, dreißig Jahren. Aber vielleicht war die Zeit damals noch nicht reif oder das Bedürfnis nicht so groß, es auch über Literatur und Filme öffentlich zu machen.

teleschau: Was wird man 2015 von Barbara Auer sehen?

Barbara Auer: Diesen Zweiteiler "Tod eines Mädchens" , dann der "Polizeiruf" von Christian Petzold mit Matthias Brandt und "Grzimek" mit Ulrich Tukur als Professor Grzimek, dessen erste Frau ich spiele. Ich finde, das ist eine ganze Menge für jemanden, die eigentlich immer lieber weniger als mehr machen will.

Quelle: teleschau - der mediendienst