Tim Bergmann

Tim Bergmann





"Coolness interessiert mich nicht"

Im neuen Taunuskrimi "Tiefe Wunden" (Montag, 2. Februar, 20.15 Uhr, ZDF) nach dem Roman von Nele Neuhaus ermittelt Schauspieler Tim Bergmann wieder als Oliver von Bodenstein in einem Mordfall. Ein ziemlich harter und auch brisanter Fall ist das diesmal: Gleich mehrere ältere Herrschaften wurden geradezu hingerichtet. Um dem Täter auf die Spur zu kommen, muss von Bodenstein in der Vergangenheit forschen, genauer: in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Im Interview spricht der 42-Jährige über Zielstrebigkeit, das Austesten von Grenzen, Blut am Filmset und die Folgen der Kriegsjahre auf gleich drei Generationen.

teleschau: Herr Bergmann, auf einer Skala von Eins bis Zehn: Wie ehrgeizig schätzen Sie sich selbst ein?

Tim Bergmann: Schon auf der Zehn. Ich versuche immer, alles, was ich zur Verfügung habe, zu investieren, um meine Ziele zu erreichen.

teleschau: Klingt ja fast verbissen.

Bergmann: Nein. Ich weiß natürlich, dass ein allzu großer Ehrgeiz auch kontraproduktiv sein kann.

teleschau: Stoßen Sie mit Ihrem Ehrgeiz nicht häufig an Ihre Grenzen?

Bergmann: Bisher habe ich meine Grenzen zumindest noch nicht überschritten, denke ich.

teleschau: Aber Sie testen sie aus.

Bergmann: Wenn ich die Gelegenheit dazu habe. Ich bin zum Beispiel schon mal einen Marathon gelaufen, nur um zu erfahren, wie sich das anfühlt.

teleschau: Sind Sie durchgelaufen?

Bergmann: Ja. Es gibt Läufer, die bei Kilometer 33 in die schwierige Phase kommen und sich den Rest nicht mehr antun würden. Wenn ich mir aber ein Ziel gesetzt habe, dann will ich das auch erreichen.

teleschau: Und wenn es erreicht ist? Können Sie sich gut von der Arbeit ausruhen?

Bergmann: Wenn etwas geschafft ist, gehe ich auf jeden Fall auch gerne nach Hause und mache Pause. Es ist nie so, dass ich aus meiner Arbeit nicht mehr herausfinde und immer weiter machen muss.

teleschau: Und wie steht es mit Niederlagen? Hätten Sie es verkraftet, wenn Sie selbst bei Kilometer 33 hätten aufhören müssen?

Bergmann: Ja, schon. Alles andere würde ja zu nichts führen. Ich hätte mich dann damit auseinandersetzen müssen und auch können. Es wäre aber kein Grund für mich gewesen, mir zu sehr den Kopf darüber zu zerbrechen.

teleschau: Schon mal bereit gewesen, auch rücksichtslos ans Ziel zu kommen?

Bergmann: Nein. Mir war auch von Anfang an klar, dass ich meinen Beruf nicht alleine ausüben kann. Auf der Schauspielschule hatte ich dann auch eine Lehrerin, die mir beibrachte: "Du bist nur so gut wie dein Partner." Es darf nicht passieren, dass der eigene Ehrgeiz einen blind macht für das, was um einen herum passiert. Man muss immer aufpassen, dass der Ehrgeiz einem nicht schadet, und das nicht nur im Beruf.

teleschau: Einen gesunden Ehrgeiz brauchten Sie auch zu Beginn Ihrer Karriere, um es zu schaffen. Es heißt, als Oberstufenschüler hätten Sie keine Alternative zur Schauspielschule gesehen.

Bergmann: Das stimmt. Es gab diese Phase in meiner Oberstufenzeit, in der der Moment des Vorsprechens an einer Schauspielschule immer näher rückte. Ich habe es mir natürlich sehr gewünscht, dass man mich nimmt, und ich habe auch daran geglaubt. Aber ich habe mich eben auch gefragt: Was mache ich eigentlich, wenn es nicht klappt? Was kann ich alternativ tun? Mich interessierte zwar auch die Medizin, aber für einen Beruf in dem Bereich war ich nicht wirklich gemacht, das wusste ich.

teleschau: Und als Sie dann Schauspieler wurden: Hat der Job Sie womöglich noch zielstrebiger gemacht?

Bergmann: Was mir sehr schnell klar wurde, war dass dieser Beruf nicht ohne ein hohes Maß an Leidenschaft zu bewältigen ist. Aber unabhängig von der Leidenschaft, kommt es dazu, aus was für Gründen auch immer, dass manche schneller weiterkommen als andere. Man neigt natürlich schnell dazu, die Wege der anderen zu verfolgen und sich manchmal zu fragen: Warum ist der oder die eigentlich schon da und dort? Die Gefahr ist dann, dass man mit seinem Schicksal hadert und stundenlang vor dem Telefon sitzt, um auf den einen wichtigen Anruf zu warten, der diese eine tolle Rolle verspricht.

teleschau: Hat das Schauspiel Sie über die Jahre charakterlich verändert?

Bergmann: Natürlich, jeden Tag.

teleschau: Sind Sie abgebrühter geworden? Cooler in bestimmten Momenten?

Bergmann: Abgebrühtheit und Coolness interessieren mich nicht. Ich finde es auch schwer, mich da selbst zu beschreiben. Sagen wir es so: Durch meinen Beruf habe ich mich in Situationen und in Bereiche bis Gefahren bringen können, mit denen ich es privat noch nicht zu tun hatte. Dadurch konnte ich meinen Horizont extrem erweitern. Und ich hatte auch noch Spaß dabei.

teleschau: Im neuen "Taunuskrimi" ist das große Ziel von einigen Figuren viel mehr als nur ein Job. Es heißt einfach nur: Leben. Dafür gehen sie über Leichen. Welche Gefühle hatten Sie beim ersten Lesen des Buches?

Bergmann: Der Fall an sich ist schon außergewöhnlich. Allein die Tatsache, dass es einen Täter gibt, der alte Menschen geradezu hinrichtet. Und es gibt einen historischen Zusammenhang. Das alles hat mich von Anfang an sehr gepackt.

teleschau: Gibt es Szenen, die sie besonders berührt haben?

Bergmann: Wenn man als Schauspieler an einen Tatort kommt, ist das immer sehr speziell. Klar ist dort alles für den Film präpariert, aber wenn man es zulässt, wird es Wirklichkeit. Es gibt eine ältere, hochprofessionelle Kollegin, die im Film ermordet und in einem Wald aufgefunden wird: die Schauspielerin war Eva Zeidler (1928-2013, d. Red.) Im wahren Leben ist sie kurze Zeit nach dem Dreh leider verstorben. Das berührt und beschäftigt mich immer noch.

teleschau: In einer Szene wird einem Mordopfer das Blut gänzlich aus dem Körper gezapft - per Schlauch in ein Fass. Können Sie mit solchen Bildern gut umgehen, oder sind Sie froh, dass Sie in Ihre Rolle abtauchen können?

Bergmann: In dieser Szene war ich vor allem damit beschäftigt, meiner Film-Chefin zur Seite zu stehen. Aber mit Blut an sich habe ich überhaupt kein Problem, auch privat nicht.

teleschau: Als Oliver von Bodenstein ermitteln Sie in "Tiefe Wunden" bis weit in die Vergangenheit. Es geht um die damalige Flucht vieler von Ostpreußen ins Taunusgebiet. Gibt es in Ihrer Familie auch eine Flucht-Vergangenheit?

Bergmann: Meine Großeltern sind alle sehr früh gestorben, eigentlich hatte ich nur eine Oma, mit der ich Gespräche über diese Themen aber leider nicht geführt habe. Meiner Meinung nach gibt es generell immer noch zu wenig Konfrontation mit unserer Vergangenheit, vor allem im Mikrokosmos Familie findet so etwas kaum statt. Dabei gibt es in jeder unserer Familien immer noch Muster und Spuren, die sich dadurch manifestiert haben, dass unsere Großeltern Dinge erlebt haben, die sie sehr geprägt haben. Und die sie dann auch dazu bewogen haben, mit ihren Kindern auf bestimmte Art und Weise umzugehen. Unsere Eltern haben das dann bei uns fortgesetzt. Ich habe einen Opa, der zwei Weltkriege als Soldat durchlebt hat. Ich habe ihm gegenüber mehr Fragen als Antworten. Zum Beispiel: Wie hält man so etwas aus? Was macht man mit dem Erlebten? Und was passierte damit nach dem 8. Mai 1945?

teleschau: Da treffen zwei Extreme aufeinander: die Neugier Ihrer Generation und das Trauma der Großeltern.

Bergmann: Natürlich. Mir ist ja auch klar, dass man nach einem Krieg nicht nach Hause geht und erstmal allen erzählen will, was man die letzten Jahre Furchtbares erlebt hat. Nur: Wenn es gar keine Gespräche gibt, kann es passieren, dass die Kriegsrückkehrer irgendwann auf einem Pulverfass aus eben diesem Erlebtem sitzen. Und dieses Schweigen macht unweigerlich etwas mit ihren Kindern. Und deren Kindern, sprich mit uns.

teleschau: Die Komplexität und Spannung von "Taunuskrimis" wie "Tiefe Wunden" sind extrem beliebt, die Quoten immer gut. Wäre das vielleicht was für Sie: für immer Oliver von Bodenstein spielen?

Bergmann: (lacht) Ich glaube zumindest, dass Nele Neuhaus weiter diese Krimis schreiben wird. Nicht nur, weil sie großen Erfolg damit hat, sondern weil es ihr unheimlich viel Spaß macht. Es wird also hoffentlich noch genug Geschichten von ihr geben, und so lange wir beim ZDF die Möglichkeiten haben, sie zu verfilmen, werden wir das gerne tun. Auch weil das alles andere als langweilig ist.

teleschau: Was wäre derzeit noch reizvoller für Sie als der "Taunuskrimi"? Eine Ermittlerrolle im "Tatort" zum Beispiel?

Bergmann: Wenn ich das Angebot bekäme, müsste ich mich womöglich zwischen den zwei Formaten entscheiden, weil beides gleichzeitig nicht gehen würde. Es käme dann auf das Gesamtpaket an, so unschön dieses Wort auch klingt. Aber im Moment stellt sich diese Frage nicht, weil wir, vom Gefühl her, gerade erst mit den "Taunuskrimis" angefangen haben. Von mir aus kann es jetzt erst richtig losgehen.

Quelle: teleschau - der mediendienst