Marilyn Manson

Marilyn Manson





"Ich bin ein Magnet für Ärger"

Marilyn Manson hat schon für viele Schlagzeilen gesorgt. Früher trat der Schockrocker mit Prothesen oder im Alien-Ganzkörperkostüm auf. Streng gläubige Amerikaner demonstrierten damals noch vor den Konzerthallen gegen seine Auftritte, nicht wenige machten ihn auch indirekt für den Amoklauf an der Columbine High School im Jahr 1999 verantwortlich - des schlechten Einflusses wegen. Spätestens seine Ehe mit Burlesque-Tänzerin Dita von Teese brachte ihn dann auch in die Klatschspalten. In den letzten Jahren ist es still um das Enfant terrible der US-Rockszene geworden. Doch die Anerkennung, die Marilyn Manson jüngst als Serienschauspieler in "Californication" und "Sons Of Anarchy" erhielt, scheint nun auch sein musikalisches Schaffen beflügelt zu haben: Sein neuntes Werk "The Pale Emperor" ist sein bestes Album seit "Mechanical Animals" (1998) - da sind sich Kritiker einig. Beim Gespräch um elf Uhr morgens in der Kellerbar des Berliner Soho House ist Manson, mittlerweile 46, denn auch bester Laune und lacht viel. Vielleicht liegt es aber auch am Glas Wodka, das vor ihm auf dem Tisch steht.

teleschau: Es ist gut 20 Jahre her, dass Sie Ihr Debütalbum "Portrait Of An American Family" veröffentlichten. Hätten Sie jemals gedacht, dass Sie bis heute durchhalten?

Marilyn Manson: Nicht wirklich. Ich sagte mir oft, dass ich das gerne schaffen würde. Aber ich war mir genauso sicher, dass ich meine Anwesenheit nicht überstrapazieren möchte, bezogen auf das, was ich künstlerisch tue. Es war sicherlich gut für mich, in die Malerei und Schauspiel abzuzweigen. Sonst hätte ich vielleicht schon in den Sack gehauen.

teleschau: Wie schockierend kann Marilyn Manson im Jahr 2015 noch sein, wenn er in TV-Serien mitspielt?

Manson: Ich kann definitiv nicht schockierender sein als der Charakter, den ich zuletzt in "Sons Of Anarchy" verkörperte. Wenn das mein Ziel wäre, dann müsste ich passen. Aber das war auch nie das, worum es mir ging.

teleschau: Sondern?

Manson: Ich komme aus einer Ära Ende der Neunziger, wo ich noch Rockstar sein durfte und nicht Celebrity. Ich machte mich sogar lustig darüber, ich nannte meine Kunstbewegung "Celebritarian Corporation". Das war mein "Fuck You!" bezüglich der Idee der Celebrity-Kultur! Ich hielt mich immer fern von roten Teppichen, die nichts mit meinem Schaffen oder dem meiner Freunde zu tun haben. Als Künstler bevorzuge ich Chaos, deshalb bin ich hier. Wenn das manche Leute schockt, dann ist das nur ein Nebeneffekt.

teleschau: Finden Sie eigentlich Miley Cyrus in der Popwelt schockierend?

Manson: Nicht wirklich. Ich war allerdings kürzlich bei ihrem Vater Billy Ray Cyrus, auch ein Musiker, in seinem Haus zu Gast. Shooter Jennings, der mit mir an diesem Album arbeitete, nahm mich mit. Dass ich in die Höhle des Löwen gegangen bin und mit ihm Tee getrunken habe, das fand ich schockierend und sehr befremdlich. Was seine Tochter betrifft, bin ich mir nicht sicher, was daran schockierend sein soll. Dass sie sich nackt macht, finde ich nicht wirklich schockierend. Es ist ein Zeichen der Zeit, aber es ist eigentlich nichts Neues. Aber mal so als Warnung und Tipp an alle Eltern: "Wenn ihr eure Kinder nicht richtig aufzieht, dann übernimmt jemand wie ich den Job!" (lacht)

teleschau: Als Vorbild taugen Sie immer noch nicht unbedingt. In Ihrer Rolle als Ron Tully in "Sons Of Anarchy" machen Sie schlimme Dinge im Gefängnis ...

Manson: Das stimmt! Das ist nicht wirklich das, was man im TV sehen will.

teleschau: Wir war es denn, einen Mithäftling im Gefängnis zu vergewaltigen?

Manson: Das ist eine sehr direkte Frage! Vergewaltigung ist etwas, worüber ich im Zuge meiner Kunst oftmals humorvolle Bemerkungen mache. Seit der Serie ist das anders. Ich würde einen Vergewaltiger vermutlich umbringen, wenn er so etwas einer mir nahestehenden Person antun würde. Andererseits gelten im Gefängnis andere Gesetze. Dort nennen sie so was einen "struggle snuggle" - eine erkämpfte Kuschelei. Und jeder weiß darüber Bescheid. Ich bin froh, dass ich niemals im Gefängnis landete, denn ich wäre dort ein steiler Zahn und hätte viel aushalten müssen - dessen bin ich mir sicher. Ich wäre definitiv am empfangenden Ende der Kette gelandet. (lacht)

teleschau: Apropos: Da gab es dieses zusammengeflickte Video, das im Internet kursierte und Ihnen zugeschrieben wurde. Darin zu sehen war eine inszenierte Vergewaltigungsszene Ihrer Kollegin Lana Del Rey. Haben Sie mittlerweile mit ihr darüber gesprochen?

Manson: Das habe ich! Aber wie gesagt, Marilyn Manson hatte nichts damit zu tun - und das ist die Wahrheit. Lana Del Rey und ich sind sogar befreundet!

teleschau: Sie sollen sogar etwas miteinander gehabt haben.

Manson: So weit würde ich jetzt nicht gehen.

teleschau: Sie haben aber einen ziemlich guten Frauengeschmack ...

Manson: Ich hatte Glück und Unglück, wenn es um Frauen ging. Ich habe Tendenzen, schwierige Lebenssituationen heraufzubeschwören, ob das nun in Sachen Romanzen, musikalischer oder politischer Natur oder im Bezug auf die Polizei ist. Ich bin ein Magnet für Ärger. Aber so bin ich nun mal, und ich schäme mich nicht dafür.

teleschau: Sie sagten jüngst, Sie wollten auch Ihren Vater mit der Rolle in "Sons Of Anarchy" stolz machen.

Manson: Wir sind beide unglaubliche Fans der Serie, schauten sie oft zusammen an. Und ja, mein Vater ist stolz auf mich.

teleschau: War er das vorher nicht? Als Musiker haben Sie ja auch einiges erreicht.

Manson: Egal, wie hart der Wind mir entgegen blies, er sagte mir immer, dass er stolz auf mich ist. Auch er ist ein Riesenfan der Serie, ich wollte ihn mit der Nachricht aufmuntern. Meine Mutter starb im letzten Jahr, ausgerechnet am Muttertag. Ich saß mit meinem Dad also in Ohio, vor uns stand die Urne mit meiner Mutter. Und ich verkündete ihm die News, dass ich einen Job in seiner Lieblingsserie habe. So konnte ich ihn auch dazu überreden, mit mir zu den Dreharbeiten nach Los Angeles zu kommen und diesen depressiven Platz in Ohio zu verlassen. Darum ging es mir.

teleschau: Hat das auch Ihr neues Album beeinflusst?

Manson: Schon, aber anfangs war mir das gar nicht bewusst. Als mein Vater schließlich von Ohio nach Kalifornien fuhr, was mit dem Auto vier Tage dauert, fragte ich ihn: "Warum nimmst du nicht einfach das Flugzeug, Dad?" Der Grund dafür war, dass er die Asche meiner Mutter auf der Route 66 verstreuen wollte. Es war der Lieblingsplatz meiner Mutter. Ich hatte das nicht gewusst. Es brachte mich zum Weinen. Es brachte mich durcheinander, denn plötzlich fiel mir die Verbindung auf. Ich meinte zu meinem Vater: "Das ist fast ironisch, denn auf meiner neuen Platte geht es um Blues, um Wegkreuzungen und Scheidewege. Warum hast du mir nicht früher davon erzählt?" Und er meinte nur: "Ich wusste, dass du früher oder später die Verbindung selbst sehen würdest."

teleschau: "The Pale Emperor" steht aber auch für die Verknüpfung von Musik und Film.

Manson: Das hoffe ich! Ich versuchte immer, Platten zu machen, die wie Filme klingen, und irgendwie hat das Schicksal wohl mit reingespielt, dass Filmkomponist Tyler Bates meinen Weg kreuzte.

teleschau: Ihn kennt man durch seine Arbeiten für "Halloween", "Watchmen" und "Guardians Of The Galaxy".

Manson: Ich traf ihn das erste Mal, während ich in der US-Serie "Californication" mich selbst spielte. Als ich mit dieser Platte anfangen wollte, rief er mich an. Wir schrieben viele der Songs gemeinsam im Studio, das hatte ich zuvor noch nie mit jemandem gemacht. Die neuen Songs sind auch sehr bluesig in dem Sinne, dass ich wenige Worte singe und die Musik die Räume dazwischen auffüllt. Das geht so weit, dass die Melodien die Story der Songs weitererzählen.

teleschau: So wie das bei Filmmusik üblich ist.

Manson: Genau. Und das liegt nicht etwa daran, dass mir nichts einfiel, was ich aufschreiben hätte können. Es resultiert eher daraus, dass ich durch das Schauspielern lernte, mich zurücknehmen und zu versuchen, etwas allein mit meinem Gesicht auszudrücken. Dafür muss es nicht mal mehr geschminkt sein.

teleschau: Was bedeutet Ihnen die neue Platte?

Manson: Mit diesem Album zahle ich meinen Deal mit dem Teufel zurück, den Mephistopheles-Faust-Deal. Am Anfang meiner Karriere verkaufte ich metaphorisch meine Seele an den Teufel, um berühmt zu werden - und ich hatte einige Jahre und Alben den Bezug dazu verloren, wer ich eigentlich bin. Wer auch immer dieser Teufel ist: meine Fans, mein Dad, wer auch immer - sie bekommen mit dieser Platte alles zurück und können sich nicht beschweren.

teleschau: Manson hat sein Mojo wiedergefunden?

Manson: Ich danke Gott dafür! Ich habe meinen Swagger zurück. (lacht)

teleschau: Was für Pläne haben Sie sonst noch?

Manson: Es gibt einige Träume und Sehnsüchte, denen ich nachgehen will.

teleschau: Welche sind das?

Manson: Ich kann es nicht sagen, denn das bringt Unglück. Es gibt einen bestimmten TV-Mehrteiler, so was wie die Psychothriller-Serie "Hannibal", woran ich echt Spaß hätte. Ich fühle mich so hingezogen zum Kino und zu Büchern, die ich gerne in Filme umsetzen würde, oder Filmen, die ich in einer Platte münden lassen möchte. Ich habe in meinem Innern schon die nächste Platte fertig, die wird sehr viel schneller rauskommen. Ich habe keine Angst mehr, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten, deshalb kann ich offener sein, wenn ich Musik mache. Manson hat also einen neuen Weg gefunden, völlig frei kreativ zu sein - egal, ob sich das dann in Schauspielerei, Malerei, Singen oder in irgendwas Anderem ausdruckt, wovon ich bis jetzt noch nichts weiß.

Marilyn Manson auf Deutschland Tournee:

05.-07.06., Rock im Park / Rock am Ring

Quelle: teleschau - der mediendienst