Benedict Cumberbatch

Benedict Cumberbatch





Das Versteckspiel des Benedict C.

Es gleicht einem Versteckspiel. Trotz eines unverkennbaren, ganz eigenen Gesichts taucht Benedict Cumberbatch immer und immer wieder in grundverschiedene Charaktere ab. Sein Kopf scheint eigentlich zu groß, sein Hals zu lang zu sein, seine Stirn sowie die Wangenknochen liegen zu hoch. Und trotzdem erkennt man in seinen vielen Filmen nicht ihn wieder, sondern nur die Figur, die er eben darzustellen versucht. Nun leiht der 38-Jährige seine weit auseinanderliegenden, blau-grünen Augen dem britischen Computer-Pionier Alan Turing im Historien-Thriller "The Imitation Game" (Start: 22. Januar). Cumberbatch verschwindet wieder für fast zwei Stunden von der Bildfläche - und darf sich Hoffnungen auf einen Oscar als "bester Hauptdarsteller" machen.

Es ist wenig erstaunlich, dass schon Cumberbatchs Lehrer an der elitären Harrow School im gleichnamigen Londoner Vorort von ihm schwärmte. Er sei "der beste Schauspiel-Schüler" gewesen, den er je betreuen durfte. Dieses Verschwinden in Rollen ist eben nur mit einem großartigen Talent zu erklären, gepaart natürlich mit dem später erlernten Handwerk.

Nach der erfolgreichen Teilnahme am Schultheater war allerdings gar nicht klar, dass das Einzelkind auch den Beruf seiner Eltern ergreift. Die waren erfolgreich als Theater- und TV-Darsteller unterwegs. Ihr Eifer und Einsatz sorgte aber gleichzeitig dafür, dass der Sohn vom Schauspiel-Beruf zuerst zurückschreckte: "Meine Eltern haben ziemlich hart für meine privilegierte Erziehung gearbeitet", berichtete er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Gerade deshalb studierte er nach der Schule lieber Jura, wollte Anwalt werden.

Wirklich entfernt hat sich Cumberbatch aber nie von seiner Leidenschaft. Er studierte Schauspiel und schliff seine Begabung, spielte Theater und feierte 1998 seine TV-Premiere in der britischen Serie "Heartbeat" mit einer kleinen Nebenrolle. Doch erst Anfang der Nullerjahre nahm seine Karriere langsam Fahrt auf. Er war eben nie der junge Schönling, der in Teenie-Filmen den Mädchen den Kopf verdreht. Solche Typen hatten es in den Neunzigern eben leichter. Cumberbatchs "seltsames" Gesicht war erst später gefragt: "Es liegt irgendwo zwischen einem Otter und etwas, was Leute entfernt attraktiv finden", sagte er dem "Hollywood Reporter".

Tatsächlich gilt der gebürtige Londoner mittlerweile sogar als Sexsymbol, seine weiblichen Fans nennen sich selbst "Cumberbitches". "Empire" und "People" kürten ihn bereits zum "Sexiest Man Alive". "Ob ich es mag, als attraktiv zu gelten? Ich kenne keinen, der das nicht mögen würde", verriet er 2012 dem "Mirror". Verstehen könne er dies aber nicht wirklich: "Ich schau in den Spiegel und sehe all diese Mängel, mit denen ich nun 35 Jahre leben musste. Und nun sind die Leute verrückt nach ein paar Sachen an mir. Ich bin nicht bescheiden. Ich finde es nur komisch." Erst kürzlich ging er im "Telegraph"-Interview erneut auf diese Eigenheit ein. Der Hype um sein Aussehen ringe ihm mittlerweile nur ein ironisches Lächeln ab: "Auch das mit diesem 'sexiest-whatever'-Scheiß: Ich war bereits zehn Jahre als Schauspieler unterwegs und niemand nahm mein Gesicht ernst. Das ist alles Projektion." Erfolg macht eben sexy.

Denn nach all den großen Rollen in den vergangenen Jahren darf man Benedict Cumberbatch inzwischen zur A-Liste der Filmindustrie zählen. Vielleicht ist sein Name noch nicht ganz so geläufig wie der von Depp, Clooney und DiCaprio. In den letzten zwei Jahren hat er ihnen sogar streckenweise den Rang abgelaufen. Der 38-Jährige begeisterte als Julian Assange ("Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt", 2013), als Khan ("Star Trek: Into Darkness", 2013), als herzloser Sklavenhändler Ford ("12 Years A Slave", 2013) oder als Smaug ("Der Hobbit"). Dem feuerspeienden, hinterlistigen Drachen lieh er nicht nur seine Stimme, Cumberbatchs Mienenspiel wurde per Motion-Capture-Verfahren auf den CGI-Lindwurm übertragen. Bei den meisten ist er aber wohl als "Sherlock" (seit 2010) abgespeichert, in jener BBC-Serie, mit der er seinen endgültigen Durchbruch feierte. Ab 2016 taucht er als Dr. Strange auch ins Marvel-Universum ab.

Kein Grund, natürlich, um abzuheben. Er lebe ein normales Leben, sagte er dem "Telegraph". Das sei aber nur möglich, wenn man am Boden bleibe. "Die Leute glauben, man sei sofort umgeben von einer Blase und nur von Security umzingelt. Das bin ich nicht", gab er zu Protokoll. "Ich fahre U-Bahn und steige auf mein Motorrad. Ich gehe in Ausstellungen, Restaurants und in Museen." Sich verschließen - oder eben verstecken - komme für ihn im Privaten nicht in Frage: "Ich will nicht in einer Welt mit hohen Mauern leben."

Auch sonst liest sich Cumberbatchs Vita erfrischend skandalfrei. Beweis dafür ist, dass die Presse nach dem Beziehungsaus mit Uni-Liebe Olivia Poulet nach zwölf Jahren fast vom Glauben abfiel. Mit seiner Verlobten Sophie Hunter erwartet er nun sein erstes Kind. Nach seiner Auszeit nach der Schule in einem tibetischen Kloster im indischen Darjeeling meditiert er regelmäßig und ist dem buddhistischen Glauben zugeneigt. Grundsympathisch eben.

Und wer aufgrund seiner gerne brutalen, verschrobenen und bierernsten Rollen glaubt, Cumberbatch sei nicht lustig, der dürfte es spätestens seit seiner "Photo Bomb"-Aktion bei den diesjährigen Golden Globe Awards besser wissen. Die Kameras zeichneten auf, wie der Schlaks mit ausgebreiteten Armen, weit aufgerissenem Mund und Augen, in das Meryl-Streep-Foto eines Fans platzte. Ein Wiederholungstäter. Auch den posierenden U2 vermasselte er einst bei den Oscars das Foto. Ein Kindskopf also. Seine Leidenschaft, das Verstecken, ist eben ein Kinderspiel.

Quelle: teleschau - der mediendienst