Schwesta Ewa

Schwesta Ewa





"Wenn dich alle hassen, hast du nichts zu verlieren"

Frauen haben im männerdominierten HipHop immer einen schweren Stand. Sie werden von der Szene nicht nur besonders kritisch, sondern auch mit testosterongeschwängertem Blick beäugt. Im Fall von Schwesta Ewa stellt sich die Situation jedoch vollkommen anders dar: Die ehemalige Prostituierte hat schon mehr durchgemacht als die meisten Gangster-Rapper zusammen. Sie weiß ganz genau, wie sie mit dem Machismo männlicher Kollegen Achterbahn fährt und fügt dem Genre aufgrund ihrer Erfahrungen aus dem Rotlichtmilieu eine Erzählperspektive hinzu, die es in dieser Form hierzulande noch nicht gab. Und das kommt an: Die gebürtige Polin hat bereits über 400.000 Facebook-Fans - und das, obwohl jetzt erst ihr Debütalbum "Kurwa" erscheint. Im Interview erzählt die 30-jährige Frankfurterin aus ihrem ehemaligen Prostitutionsalltag, fehlendem Vertrauen in das andere Geschlecht und von ihrem Umgang mit Kritik.

teleschau: Frauen werden im männerdominierten Rap häufig nicht ernst genommen. Empfinden Sie es als schwierig, sich unter all den Männern in der HipHop-Szene zu behaupten?

Schwesta Ewa: Ich habe in der Tat das Gefühl, dass ich immer ein bisschen mehr geben muss als ein Typ. Und das tue ich. Viele Schwätzer-Gangster-Rapper hingegen werden respektiert, obwohl sie nicht echt sind und nur Bullshit labern. Männerdomäne eben. Aber ich bin sehr ehrgeizig - das war ich schon zu Puffzeiten. Während andere Mädels ihre Zwölf-Stunden-Schichten schoben, ackerte ich von neun Uhr morgens bis nachts um vier Uhr. Ich aß sogar mit offener Tür, weil ich nicht den Dreißiger verlieren wollte, wenn gerade ein Typ vorbeikommt. Und in der Musik ist es genauso. Auch da gebe ich immer 110 Prozent.

teleschau: Der Rapper Xatar, Ihr jetziger Label-Chef, hat Sie damals zum Rappen ermutigt. Hatten Sie anfangs Skrupel?

Schwesta Ewa: Ich dachte gar nicht groß darüber nach - und rechnete demnach aber auch nicht damit, das jemals hauptberuflich zu machen und eine Monopolstellung in der deutschen Rap-Szene einzunehmen. Ich dachte, ich nehme mal einen Song auf und bekomme dadurch vielleicht mehr Kunden.

teleschau: Wie haben Sie die Reaktionen zu Ihrem ersten Video "Schwätza" 2011 wahrgenommen?

Schwesta Ewa: Ich war nicht darauf vorbereitet, was plötzlich abging. Und Xatar auch nicht, der damals noch im Knast saß. Ich hing drei Tage lang nur mit dem Rechner auf dem Schoß im Bett, hatte Youtube an und drückte permanent auf "aktualisieren", um die neuesten Kommentare zu sehen. Und das war krass. Da prasselte wirklich eine Welle von Hass auf mich ein. Und das Schlimme ist: Du kannst dich dagegen ja nicht wehren. Das traf mich damals sehr. Aber weil das so eine Kontroverse war, wurde es wohl auch so weit verbreitet. Insofern muss ich den ganzen Hatern wohl dankbar sein.

teleschau: Lesen Sie sich solche Kommentare heute immer noch durch?

Schwesta Ewa: Ja, ich kann gar nicht anders. Und wenn mich jemand humorvoll beleidigt, dann drücke ich auch schon mal auf "Gefällt mir". Alles cool.

teleschau: Gab es danach noch mal Situationen, in denen Sie das Mikrofon an den Nagel hängen wollten?

Schwesta Ewa: Nein. Ich hatte neben all den Hatern auch ein paar wenige Leute, denen es gefiel - und das reichte mir. Hinzu kommt: Wenn dich alle hassen, hast du nichts zu verlieren.

teleschau: Sie sind viel in den Sozialen Medien aktiv. Bekommen Sie mehr Nachrichten von Männern oder Frauen?

Schwesta Ewa: Von Typen, ganz klar. Aber ich poste ja auch gerne mal ein Foto von meinem Arsch, da muss ich mich natürlich nicht wundern. Ich bin ja jetzt schon 30 Jahre alt, vielleicht habe ich irgendwelche Komplexe und brauche die Likes, um mich besser zu fühlen. (lacht) Und dann schreiben mir auch viele Männer privat, oft aber bloß: "Wie viel?"

teleschau: Was war die absurdeste Nachricht, die Sie je bekommen haben?

Schwesta Ewa: Die kam erst vor ein paar Tagen. Da hat doch tatsächlich jemand gefragt: "Schwesta, bist du eigentlich noch Jungfrau?" Davon habe ich direkt einen Screenshot gemacht und wahrheitsgemäß geantwortet: "Ja!" (lacht)

teleschau: Wie haben die Leute darauf reagiert?

Schwesta Ewa: Ach, die Leute bei Facebook sind oft nicht gerade Intelligenzbestien. Die haben dann geschrieben: "Sie lügt! Sie war Prostituierte!" Ach, echt? (lacht)

teleschau: Bekommen Sie denn auch Nachrichten von Mädels?

Schwesta Ewa: Ja, und das ist teilweise schön, teilweise schlimm. Ich kriege sogar Mails von Mädchen, die für mich arbeiten wollen. Und natürlich gibt es Frauen, die in einer ähnlichen Situation stecken wie ich damals und mich als Vorbild sehen, dafür, dass man es aus der Prostitution rausschaffen kann. Aber wenn ein zwölfjähriges Mädchen mir schreibt, dass es so sein möchte wie ich, dann freut mich das nicht. Aber was soll ich machen?

teleschau: Schreiben Sie denen zurück?

Schwesta Ewa: Natürlich. Aber ich schreibe grundsätzlich nur Mädels zurück. Die Nachrichten von Typen lese ich oft gar nicht erst.

teleschau: Sie machen Straßenrap - ein Genre, in dem die meisten Themen immer wiederkehren. Aufgrund Ihrer Vergangenheit und Ihres Geschlechts ist es Ihnen allerdings möglich, dem Genre etwas vollkommen Neues hinzuzufügen. Macht Sie das stolz?

Schwesta Ewa: Ja, klar. Das fiel mir aber auch erst auf, als ich längst mittendrin war. Mir ist es eben auch das Wichtigste, dass man authentisch ist und echte Geschichten erzählt. Du kannst nicht einen auf Gangster machen und dann jeden Tag mit der Bahn ins Büro fahren.

teleschau: Werden Sie auf dem nächsten Album dann andere Geschichten erzählen, weil sich Ihre Lebenssituation geändert hat?

Schwesta Ewa: Ich glaube nicht, nein. Ich arbeitete fast mein halbes Leben im Milieu und erlebte dementsprechend viele Sachen. Ich habe genug zu erzählen für zehn weitere Alben. "Kurwa" ist erst der Anfang.

teleschau: Wie schwer ist es Ihnen gefallen, Ihren hohen Lebensstandard aus Prostitutionszeiten aufzugeben?

Schwesta Ewa: Eigentlich wollte ich nie aufhören, als Prostituierte zu arbeiten, mir ging es ja sehr gut. Aber als der erste Track draußen war, machte ich es einfach. Tief in dir drin weißt du natürlich, dass es nicht gut ist, als Nutte zu arbeiten. Ich hatte bei jedem Freier Angst gehabt, dass mal ein Gummi platzt.

teleschau: Man sagt ja, dass es sehr schwer sei, sich komplett aus dem Rotlichtmilieu zurückzuziehen. Wie ist das bei Ihnen?

Schwesta Ewa: Mein kompletter Freundeskreis besteht aus Menschen aus dem Milieu. Aber wenn die mir ihre Geschichten erzählen, bin ich schon sehr froh, dass ich es da rausgeschafft habe.

teleschau: Heute werden Sie sogar auf der Straße erkannt. Nervt Sie diese Seite des Ruhms?

Schwesta Ewa: Nein, das ist okay. Was mich viel mehr nervt, ist, dass ich von einem Puff in den nächsten geraten bin - die Deutschrap-Szene ist nämlich nichts anderes. Die Rapper ficken sich doch alle gegenseitig in den Arsch. Die erste Nutte im Deutschrap bin ich jedenfalls nicht.

teleschau: Eine andere respektierte Rapperin, Cora E., sagte in ihrem Stück "Schlüsselkind" aus dem Jahr 1997: "Ich wäre heut nicht, wer ich bin, wär es damals nicht gewesen wie es war". Inwiefern prägte Sie die Zeit als Prostituierte?

Schwesta Ewa: In vielerlei Hinsicht. Vor allem prägte sie mein Männerbild. Ich kann Männern nicht vertrauen. Die Typen, die zu mir kamen, mussten oft erst ihren Kindersitz in den Kofferraum verstauen, bevor sie anfingen, mich auf der Rückbank mit Ehering am Finger zu begrabschen. Und dann fragen die sogar noch nach Tipps für ihre Ehe. Ich dachte jedes Mal nur: "Geh nicht zu einer Nutte, du Idiot! Steck deine Energie lieber in deine Beziehung als in einen Puffbesuch." Aber natürlich habe ich immer auf lieb getan, weil ich die Leute ja abziehen wollte: "Ich brauche nur noch 20 Mille, dann bin ich endlich frei, und dann können wir zusammen leben."

teleschau: Sie selbst sind seit zehn Jahren in einer Beziehung. Ihrem Freund werden Sie mittlerweile doch sicherlich vertrauen.

Schwesta Ewa: Nein. Ich liebe ihn über alles, aber ich vertraue ihm keinen Meter.

teleschau: Wie geht Ihr Freund damit um?

Schwesta Ewa: Der macht alle drei Wochen mit mir Schluss - seit zehn Jahren. (lacht)

teleschau: Das würde Ihr fehlendes Vertrauen erklären.

Schwesta Ewa: Der ist ja selbst seit zig Jahren im Milieu und arbeitet in einem der größten Puffs in Frankfurt - mein Beruf war für ihn also nicht ungewöhnlicher als der einer Frisörin.

teleschau: Als Sie noch ein Kind waren, wollte Ihre Mutter eigentlich mit Ihnen in die USA auswandern. Das hat nicht geklappt.

Schwesta Ewa: Meine Mutter ist damals beim Klauen in Berlin erwischt worden, weshalb man ihr dann die Greencard entzog. Wir sind dann nach Kiel und pennten wechselweise im Frauenhaus und auf der Parkbank - bis wir irgendwann meinen Stiefvater kennenlernten.

teleschau: Haben Sie eine Vorstellung davon, wie Ihr Leben heute aussähe, wenn Sie in Amerika groß geworden wären?

Schwesta Ewa: Vielleicht hätte ich dann meinen Traumjob als Ergotherapeutin gemacht. Oder ich wäre dort krasse Tabledancerin geworden. (grinst)

Quelle: teleschau - der mediendienst