John Wick

John Wick





Ein Hund für den Killer

Noch feiert der russische Jung-Mafioso im Pool, links eine Brünette, rechts eine Blondine, und nippt überheblich am Champagnerglas. Er wähnt sich sicher, hat dazu aber natürlich keinen Grund. Denn sein Häscher hat schon den einen oder anderen Bodyguard aufgeschlitzt, erdrosselt oder diskret mit der Schalldämpferpistole ausgeknipst. Auf Leichen bahnt sich John Wick (Keanu Reeves) den Weg zu seinem Opfer. Chad Stahelski und David Leitch, bislang vor allem als Stunt-Koordinatoren und -Doubles in Hollywood gefragt, lassen in ihrem Regiedebüt die titelgebende Hauptfigur eine Nummernrevue kinderleichten Abmurksens aufführen. Im ersten Moment mögen vielleicht noch der hypnotisierende Soundtrack und Keanu Reeves mit Vollbart davon ablenken, dennoch erkennt man bald: "John Wick" ist ein mechanisch durchgespieltes, seelenloses Gemetzel-Machwerk.

"Speed" und die "Matrix"-Trilogie auf der einen, "Das Haus am See" und "Was das Herz begehrt" auf der anderen Seite: Keanu Reeves' Filmografie liest sich wie eine ständige Gratwanderung zwischen Hochgeschwindigkeits-Action und Schmonzettenkino. Wohin der von ihm verkörperte "John Wick" gehört, ist dabei zunächst sogar unklar. Der stille Mann verliert seine Frau an eine tödliche Krankheit. Nass glänzende Regenschirme bei der Beerdigung, der Witwer schaut ratlos durch die Panoramafenster seiner Bauhaus-Villa. Da klingelt es. Ein Hündchen wird geliefert - das Vermächtnis seiner toten Frau, damit John Wick nicht so allein ist. Er heult Tränen der Trauer und der Dankbarkeit.

Doch das Tristesse-Idyll wird bald von Josef Tarasov (Alfie Allen) empfindlich gestört. Als John Wick ihm seinen 1969er Mustang nicht verkaufen will, dringt der russische Nachwuchs-Mafioso mit seinen Leuten bei ihm ein, schlägt ihn zusammen, klaut das Auto - und tötet Daisy, den Hund. John Wick dürstet deshalb nach blutiger Rache. Als gefährlicher Auftragskiller außer Diensten weiß er mit viel Schießprügeln und Munition sein Vorhaben kompetent umzusetzen. Josefs Vater Viggo (Michael Nyquist), für den Wick einmal gearbeitet hat, ist total geschockt und engagiert ausgerechnet Marcus (Willem Dafoe), Wicks Freund und ehemaliger Kollegen, um ihn aufzuhalten.

"The Red Circle", der Name des Musikclubs, in dem bald die Schnellfeuergewehre rattern, spielt auf "Le Cercle Rouge", einen Gangsterfilm-Klassiker von Jean-Pierre Melville an. Zentrale Motive von John Boormans "Point Blank", ein anderer Genre-Höhepunkt, werden gut durchgeschüttelt und in neuem Arrangement präsentiert. Die Regisseure Chad Stahelski und David Leitch sowie Drehbuchautor Derek Kolstad reproduzieren in "John Wick" gängige Ballereinlagen oder kopieren fleißig große Vorbilder. Schlimm ist, dass sie dabei offenkundig nichts verstanden haben.

Bei Melville und Boorman ist der Tod ein unentrinnbares Schicksal und Gewalt eine Katastrophe für alle Beteiligten. Die Gangster werden mit Pathos gezeichnet und entpuppen sich doch als armselige Typen. "John Wick" hingegen feiert Brutalität als schickes Vergnügen für Dandys. Er tritt im eleganten dreiteiligen Anzug auf, schießt seinen Opfern vorzugsweise aus nächster Nähe ins Gesicht, ganz cool und ohne Sekrete abzubekommen. Das Töten ist hier so verlogen einfach und furchtbar selbstverständlich, als wäre es ein Computerspiel. Den Killer über Tierliebe sympathisch machen zu wollen, ist so absurd, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Die besten Ideen der Vorbilder plündern, ihr Ethos ins Gegenteil verkehren und mit dem Leichenfaktor zehn multiplizieren: "John Wick" geht todsicher an Seelenlosigkeit, Redundanz und Protzerei zugrunde.

Quelle: teleschau - der mediendienst