Nikolaj Lie Kaas

Nikolaj Lie Kaas





Das Mentos in der Cola

Man sollte sich davor hüten, den dänischen Schauspieler Nikolaj Lie Kaas mit seiner Rolle in den Verfilmungen der Jussi-Adler-Olsen-Bestseller zu verwechseln. Deren Hauptfigur Carl Mørck dürfte als einer der übellaunigsten Ermittler in der Geschichte der Kriminalliteratur eingehen. In "Schändung" (Start: 15.01.), der zweiten Adler-Olson-Adaption, verkörpert der Däne ("Idioten", Illuminati", "Kommissarin Lund") wieder jenen Kommissar, der zwar in ein Kellerbüro hinabsteigt, aber selbst dort nicht zu lachen wagt. Der 41-jährige Kopenhagener, Familienmensch und Vater zweier Töchter, entspricht hingegen dem klassischen Bild des netten Dänen von nebenan: Er ist höflich und auskunftsfreudig und ein Insider in Sachen skandinavische Befindlichkeit und Krimikultur, wie sich im Interview zeigt.

teleschau: Kriminalromane aus Skandinavien sind ungeheuer erfolgreich. Warum stechen die Thriller des Dänen Jussi Adler-Olsen dennoch heraus?

Nikolaj Lie Kaas: Ich denke, es hat mit der Figur des Kommissars zu tun. Carl Mørck ist ein wahnsinnig unterhaltsamer Sarkast. Alles findet in seinem Kopf statt. Er sieht die Dinge immer ein bisschen anders als der Rest der Welt. An seinen Gedanken teilzuhaben, macht beim Lesen sehr viel Spaß. Natürlich kann man das im Film nicht eins zu eins umsetzen. Dann müsste man die ganze Zeit eine Off-Stimme die Gedanken Carl Mørcks sprechen lassen. Ein ästhetischer Kniff, der im Film selten wirklich gut funktioniert hat ...

teleschau: Kann man aus einem solchen Gedanken-Roman trotzdem einen starken Film machen?

Lie Kaas: Hm, das ist eine ziemlich grundsätzliche Frage. Es gibt Dinge, die lassen sich schlecht von Buch auf Film übertragen: Ironie, Sarkasmus, Gedankenwelten. Dazu kommt, dass man bei einem Buch von 400 oder 500 Seiten immer bestimmte Aspekte einer Geschichte weglassen muss. Filme sind dann stark, wenn sie menschliche Beziehungen darstellen können. Da ist das Zusammenspiel der Hauptfiguren Carl und Assad ist einfach klasse. Ein Oberzyniker, der niemals lacht und ein lebensfroher, grundoptimistischer Typ sind ein Ermittlerteam, das sehr düstere Kriminalfälle bearbeitet. Diese Konstellation hat schon ziemlich viel Potenzial.

teleschau: Sarkastische Ermittler gibt es in der Literatur viele. Spätestens seit Raymond Chandlers Detektiv Philip Marlowe ist er eine feste Größe. Was fasziniert die Welt an diesen Lebensverächtern?

Lie Kaas: Diese Helden sind so, wie wir manchmal selbst gerne wären. Carl Mørck hasst die sozialen Regeln des Zusammenlebens und hält sich einfach nicht dran. Er ist unfreundlich und eigensinnig. Er zeigt seine schlechte Laune, ohne sich einen Kopf zu machen, wie das beim Gegenüber ankommt. Ich wäre manchmal gerne Carl Mørck. Auch wenn man natürlich bedenken muss, dass das Leben von Menschen wie ihm irgendwann einsam und verbittert endet (lacht).

teleschau: Das skandinavische Wertesystem verlangt nach Selbstbescheidenheit, Höflichkeit und Solidarität. Sind Figuren wie Carl Mørck für einen freundlichen Dänen wie Sie deshalb ein besonders gutes Ventil?

Lie Kaas: Ich glaube, dieser Gedanke trifft absolut zu. Wissen sie, was passiert wenn man ein Mentos-Bonbon in Coca-Cola legt? Es explodiert. Figuren wie Carl sind das Mentos in unserer seligen skandinavischen Coca-Cola-Welt mit ihren gepflegten Landschaften und gut funktionierenden Gesellschaften. Als ich mit meinem Schauspielkollegen Fares Fares, der den Assad spielt, zu diesem Interview nach Hamburg kam, sahen wir mitten in der Stadt drei etwa 60-jährige Frauen, die ihr liegengebliebenes Auto anschieben mussten. Wir dachten sofort, dass wir aussteigen und ihnen helfen müssten. In Skandinavien wäre es ein Unding gewesen, es nicht zu tun und einfach weiterzufahren. Wir waren aber extrem spät dran, und man versicherte uns, dass da schon jemand anders helfen würde. Obwohl ich niemand anderen gesehen habe. Es ist schön, in einem Land zu leben, in dem man diesen Damen auf jeden Fall helfen muss. Und doch sehnt sich auch jeder Däne oder Schwede manchmal danach, einfach weiterzufahren (lacht).

teleschau: Die Sehnsucht, böse sein zu dürfen, erklärt den Erfolg düsterer Kriminalromane und Filme in Skandinavien selbst. Warum ist der Rest der Welt aber ebenso fasziniert?

Lie Kaas: Wir haben es in Sachen Düsterheit auf ein erstaunlich hohes Niveau geschafft. Das ist jedoch nicht so verwunderlich an einem Ort, an dem es viele gut ausgebildete und talentierte Autoren, Filmemacher und Schauspieler gibt. An dem die Winter jedoch so lang und dunkel sind, dass eine große Anzahl von Menschen Anti-Depressiva schlucken muss, um damit klarzukommen. Ich halte den Erfolg skandinavischer Krimis aber auch für eine Modewelle. Die rollt jetzt schon viel länger, als ich das am Anfang für möglich gehalten hätte. Andererseits bin ich mir sicher, dass diese Welle in den nächsten fünf bis zehn Jahren abebben wird.

teleschau: Jussi Adler-Olsen hat angekündigt, zehn Carl-Mørck-Romane schreiben zu wollen. Heißt das, sie spielen nach "Schändung" den Kommissar noch acht weitere Male?

Lie Kaas: Natürlich würde unser Produzent gerne zehn Filme drehen, denn sie laufen ja sehr erfolgreich. Dennoch wird mir schwindelig beim Gedanken, noch acht weitere Filme lang Carl Mørck zu sein. Es hat nichts damit zu tun, dass ich die Rolle nicht mag oder die Filme nicht schätze. Es ist einfach eine verdammt lange Verpflichtung für jemanden wie mich, der immer wieder neue Dinge probieren will. Ich habe einen Vertrag über vier Filme, danach sehen wir weiter.

teleschau: Dänemark besitzt für ein solch kleines Land eine sehr lebendige und auch international erfolgreiche Film- und Fernsehkultur. Geht es deshalb auch den dänischen Schauspielern gut?

Lie Kaas: Es ist bei uns wie überall auf der Welt. Zehn Prozent der Schauspieler bekommen 80 Prozent der Jobs. Der Rest geht weitgehend leer aus. Das ist natürlich extrem ungerecht. Die Produzenten setzen aus finanziellen Erwägungen gerne auf bereits bekannte Gesichter. Wie gesagt, das ist überall auf der Welt so. Mit dem gegenwärtigen Niveau von Filmen und Fernsehserien aus Dänemark können wir natürlich sehr zufrieden sein.

teleschau: "Kommissarin Lund", "Borgen" oder "The Bridge" sind TV-Serien, die international für Furore sorgten. Hat das die Situation für Schauspieler in Ihrem Land nicht irgendwie verbessert?

Lie Kaas: Aufgrund des Erfolgs dänischer Serien wird mittlerweile tatsächlich mehr produziert. Die Folge ist, dass es insgesamt etwas mehr Arbeit für uns Schauspieler gibt. Dadurch kommen auch glücklicherweise mehr neue Gesichter zum Einsatz, was natürlich immer wünschenswert ist. Selbst bei uns in Dänemark ist man mittlerweile müde, immer dieselben Nasen im Fernsehen zu sehen (lacht).

teleschau: Auf welche neuen dänischen Serien kann man sich freuen?

Lie Kaas: Momentan wird die Familienserie "The Heritage" sehr gelobt. Da geht es um den Niedergang einer reichen Sippe nach dem Tod ihrer Patriarchin. Eigentlich sollte das Ganze nach einer Staffel enden, aber nach dem gewaltigen Erfolg soll es nun weitergehen. Dann gibt es noch spannendes Projekt, bei dem ich auch dabei bin. Die Serie "Follow the Money" erzählt von Wirtschaftskriminalität und Betrug im großen Stil. Sie wird aber erst Ende 2015 oder Anfang 2016 ausgestrahlt. Ich spiele darin den Chef einer großen Firma. Thomas Bo Larsen verkörpert die Hauptfigur des Polizisten, der dieses ganze Rätsel entwirren soll. Ich habe die ersten beiden Folgen schon gesehen, das wird auf jeden Fall sehr gut werden.

teleschau: Sie haben eine tragische Familiengeschichte. Ihre Eltern waren beide Schauspieler, beide nahmen sich das Leben, als Sie noch sehr jung waren. Hat Sie diese Erfahrung nicht abgeschreckt, den gleichen Beruf wie Ihre Eltern zu wählen?

Lie Kaas: Mein Vater Preben Kaas war in der Tat ein Star in Dänemark. Ein brillanter Komödiant und Komödien-Autor. Als er starb, war ich sieben oder acht Jahre alt. Allerdings hatte mein Vater in meinem Leben bis dahin kaum stattgefunden. Meine Eltern trennten sich, als ich zwei Jahre alt war. Danach sah ich meinen Vater nie wieder, weil meine Mutter und er wohl ziemlichen Stress hatten. Ich wuchs bei meiner Mutter auf, die zwar früher mal ein bisschen geschauspielert hatte, die von Beruf aber eigentlich Buchautorin war. Mit dem ganzen Film- oder Fernsehgeschäft hatten wir nichts zu tun. Ich verlebte eine ziemlich normale, unspektakuläre Kindheit. Meine Mutter starb, als ich 15 war. Im gleichen Jahr gab es ein Casting für einen Film namens "The Resistance". Darin ging es um den dänischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg. Ein Freund meldete mich dort einfach an. Ich ging hin, bekam die Rolle und von da an war ich Schauspieler.

teleschau: Haben Sie sich mit Ihrem Vater auseinandergesetzt?

Lie Kaas: Ja, vor allem über seine Arbeit. Es ist verrückt, wenn man sich seinen Vater, an den man keine Erinnerungen hat, über das Fernsehen erschließen muss. Trotzdem muss ich sagen, dass er ein brillanter Künstler war, weshalb ich auch später seinen Namen angenommen habe. Als Kind hieß ich Nikolaj Lie. Meine alten Freunde kennen mich nur unter diesem Namen. Das Kaas habe ich später hinzugefügt, um meinem Vater Respekt zu zollen. Ich denke, mein Talent habe ich von ihm. Da ist es nur fair, seinen Namen am Leben zu erhalten.

Quelle: teleschau - der mediendienst