Udo Jürgens

Udo Jürgens





Er war das Herz und die Seele des deutschen Chansons

Udo Jürgens ist am Sonntag überraschend verstorben. Der Star, der am 30. September sein 80. Lebensjahr vollendete, sei bei einem Spaziergang in Gottlieben in der Schweiz zusammengebrochen, teilte das Management mit. Er sei sofort wiederbelebt und in das Krankenhaus von Münsterlingen gebracht worden, hieß es in Medienberichten, doch dort sei der große Chansonier und Entertainer um 16.25 Uhr seinem Herzversagen erlegen. Die Nachricht vom Tod des Stars verbreitete sich am Sonntagabend rasend schnell über die sozialen Medien. Und überall die gleichen Reaktionen: Die Menschen waren geschockt, schließlich feierte Udo Jürgens gerade wieder Erfolge, er machte seit Monaten auf breiter Ebene von sich reden und stand vor weiteren Konzerten seiner triumphalen Tournee unter dem Motto "Mitten im Leben".

Alleine die Zahlen sind beeindruckend: Udo Jürgens hat über 1.000 Lieder geschrieben, über 50 Alben veröffentlicht, mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft. Aber was den stets mit staatsmännisch-seriösem Äußeren öffentlich auftretenden Musiker noch mehr zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Künstler machte, waren seine Art und seine Haltung.

Udo Jürgens war ein Denker, aber ohne aufgesetzte Intellektualität. Er trug edle Anzüge, war aber stets ganz nah beim Volk. Vielleicht war er in der Unterhaltungskultur der 60er-, 70er- und 80er-Jahre die wichtigste Stimme der aufstrebenden bundesdeutschen Mittelschicht. Und als solche hielt er sich an seine Liedtexte. Beim österreichischen Sänger und Komponisten galt seit so vielen Jahren: Es ist noch lange nicht Schluss - auch wenn er die 66 längst überschritten hatte. Wie sich allerdings andere Senioren im Alter verhalten, das ging ihm gewaltig gegen den Strich. Ausgerechnet dem Zielgruppenfachblatt "Senioren Ratgeber" eröffnete Jürgens vor einigen Jahren, wie sehr er sich an den "Bürgerlichen, Braven und Angepassten" stört und ihn das "Nach-mir-die-Sintflut-Denken vieler Älterer" aufrege. "Ich will unbedingt noch 'erwachsen' werden", sagte der Österreicher da zu seinen Zielen, das aber "sicher nicht gemütlich und angepasst".

So war er, der Mann, der den massenwirksamen deutschen Nachkriegschanson erfand. Er führte ihn an die Grenzen des Schlagers heran und war stets auch ein bisschen Rock'n'Roll am gläsernen Klavier - wenn auch im weißen Bademantel. Am 30. September wurde Udo Jürgens, der sich als echter Handwerker und Könner stets auf eine wie selbstverständlich wirkenden Art und Weise über alle Genre- und Altersgrenzen hinwegzusetzen vermochte, 80 Jahre alt. Ein Jubeltag, an dem er nicht nur mit seiner Präsenz und Konstitution beeindruckte, sondern auch mit Plänen. Aktuell standen wieder einmal Fernsehauftritte auf der Agenda - zuletzt stand er bei der Aufzeichnung für die "Helene Fischer-Show" (am 25. Dezember 20.15 Uhr, ZDF) auf der Bühne. Mit der Gastgeberin sang er eine Ballade ein, die nun in besonderem Maße Aufmerksamkeit auf die insgesamt rund dreistündige Show-Aufzeichnung lenken wird.

Über 100 Millionen Tonträger hat Jürgens verkauft. Nicht nur aus heutiger Sicht ein unglaublicher Erfolg. Zumal der Jazzfan aus großbürgerlichem Elternhaus seine Hits fast alle auf Deutsch sang. Vor seiner Tournee, die trotzig "Mitten im Leben" hieß, redete der Superstar erst im Herbst 2014 ausführlich über die letzten Herausforderungen des Lebens und die Furcht vor dem Ende. "Natürlich stehe ich nicht mitten im Leben, das weiß ich", sagte Udo Jürgens vor Journalisten in Hamburg. "Die Plattenfirma bestand darauf, dass Album und Tour so heißen müssen." Ein Mann von 80 Jahren lässt sich eben von den PR-Fuzzis nicht den Mund verbieten. Auch wenn die Industrie das Bild vom rüstigen, immer jungen Kraftmenschen am Klavier, jenen schwitzenden Womanizer im Bademantel auf ewig konservieren will, wusste der echte Mann hinter dem Image gut Bescheid, was die Stunde geschlagen hat.

Tatsächlich war Jürgen Udo Bockelmann, wie er bürgerlich hieß, ein eher schwächliches Kind, das oft krank war. Im elterlichen Schloss wuchs er mit einem älteren und einem jüngeren Bruder auf. Sein Vater, der in Moskau als Sohn eines einflussreichen Bankiers geboren wurde, musste nach einer Inhaftierung infolge des Ersten Weltkriegs zurück nach Deutschland fliehen, wo die Familie Bockelmann ursprünglich auch herkam.

Eine reiche Familiengeschichte, die selbst ohne die Karriere von Udo Jürgens erzählenswert wäre. Jürgens hat sie in dem Familienroman "Der Mann mit dem Fagott" vor zehn Jahren aufgeschrieben, 2011 wurde sie als gleichnamiger ARD-Zweiteiler verfilmt.

Fit hielt er sich seit Jahrzehnten im Wasser. Im Bauch seiner Villa an der Algarve gibt es einen Pool von nennenswerter Größe. "Da schwimme ich jeden Tag einige 100 Meter", sagte Jürgens. Gesund gelebt habe er meistens, aber keineswegs immer. "In den 70-ern wurde unglaublich viel getrunken und gefeiert, dem konnte man sich kaum entziehen." Aber offenbar ist Jürgens gut aus dieser Nummer rausgekommen. Nach zwei gescheiterten Ehen lebte er zuletzt abwechselnd in der Schweiz und in Portugal.

Im November 2013 verriet er, nach seiner letzten Scheidung im Jahr 2006 wieder liiert zu sein. Weitere Auskünfte gibt es dazu nicht. Viel lieber sprach er über seine beiden offiziellen Kinder aus der Ehe mit dem Fotomodell Erika "Panja" Meier: John und Jenny, die mittlerweile auch schon 50 und 47 Jahre alt sind. Im ARD-Dokumentarfilm zum 80. des Sängers loben sie den Vater, wenn auch durchscheint, dass er früher nicht oft daheim war. "Wenn ich da war", sagte Udo Jürgens, "dann allerdings zu 100 Prozent".

Auf die kluge Frage an den notorischen Womanizer, ob er in seinem Leben genug geliebt habe, antwortete er entschieden: "Mit Sicherheit nicht. Ich bin zweimal geschieden, das sagt doch eigentlich alles." Offenbar hat Jürgens zwischenmenschliches Scheitern durchaus als Niederlage verbucht, was ihn bei allem Selbstbewusstsein der Superstars sympathisch macht. "Früher dachte ich, dass ständiger Sex Glück bedeutet", bilanzierte er und ergänzte, er wisse "dass das Glück immer ein flüchtiger Vogel bleibt und man sich für vergangenes kurzes Glück später nichts mehr kaufen kann".

Das Schwerste im Leben, sagte Udo Jürgens, sei ohnehin, den Alltag zu bewältigen. Dann beieinander zu bleiben, wenn Zeiten und Gefühle alles andere als rosig sind und die Mühen der Ebene im Leben anstehen. Aus diesen Worten sprach die Angst des exzessiven Bühnenmenschen vor jenem Moment, da die Hotelzimmertür ins Schloss fällt und man alleine ist. Udo Jürgens hatte das, trotz aller Groupies und zweier weiterer unehelicher Kinder, oft erlebt. Er war aber auch sensibel und wach genug, sich an diese Momente zu erinnern.

Ebenso wie an die Tatsache, dass es nicht normal ist, mit 80 noch ein solches Pensum wie er zu schaffen. Noch bis Ende März 2015 sollte seine "Mitten im Leben"-Tour dauern. Er füllte bis zuletzt die größten Hallen, zuletzt am 7. Dezember in Zürich, wo ihn die Menschen einmal mehr feierten. "Wenn du ein Abschiedslied, ein richtig gutes machst", sagte er in der ARD-Dokumentation von Hanns-Bruno Kammertöns und Michael Wech, "muss man den Tod durchhören durch das Lied". Derzeit könne er keine Abschiedslieder spielen, das ginge ihm zu nahe, gab Udo Jürgens zu. "Das Alter ist vor allem eine Aufgabe", bilanzierte der Superstar.

ARD und ZDF änderten bereits am Sonntag ihr Programm, um Sendungen zum Gedenken an den verstorbenen Entertainer auszustrahlen. Am heutigen Montag, 22. Dezember, zeigt das Erste um 20.15 Uhr nochmals die WDR-Dokumentation "Der Mann, der Udo Jürgens ist". Auch das ZDF räumt am Montagabend die beste Sendezeit frei: Um 20.15 Uhr entfällt die Komödie "Bloß kein Stress", dafür läuft die große Geburtstags-Gala "Udo Jürgens - Mitten im Leben" in einer Wiederholung. Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen ließ sich am Sonntagabend wie folgt zitieren: "Udo Jürgens war ein großer Künstler und Entertainer, ein Mann, der über 60 Jahre hinweg unermüdlich und leidenschaftlich sein Publikum mit seinen Liedern und seiner Haltung begeisterte und bewegte. Schon zu Lebzeiten eine Legende, wird er als eine einmalige und unerreichte Persönlichkeit in Erinnerung bleiben." Und auch ZDF-Intendant Thomas Bellut würdigte Udo Jürgens. "Das ZDF verneige sich "vor einem der größten Entertainer unserer Zeit", sagte Bellut. "Udo Jürgens hat vielen Menschen über viele Jahre großartige Musik, allerbeste Unterhaltung, aber auch nachdenkliche Texte geboten. Wir vermissen ihn schon jetzt."

Quelle: teleschau - der mediendienst