Jörg Pilawa

Jörg Pilawa





"Der reine Wahnsinn"

Auch wenn der eine oder andere schon bei der bloßen Ankündigung schmunzeln wird: Es ist wahr, Jörg Pilawas App-Rateshow "Quizduell", die zum Start im Mai 2014 noch grandios an der Technik scheiterte, kommt zurück ins Erste. Ab 2. Februar, immer montags bis freitags, um 18.00 Uhr, wollen es alle Verantwortlichen inklusive Moderator besser machen als im vergangenen Jahr. Wobei das Desaster ja in gewisser Weise auch eine Sternstunde war: Jörg Pilawa erhielt für sein spontanes und angenehm selbstironisches Krisenmanagement live on air viel Lob. Auch jetzt im Interview überwiegt das Augenzwinkern, wenn sich der 49-Jährige an die verrückten Tage erinnert. Für die Neuauflage hat der vielbeschäftigte Moderator nach eigener Auskunft ein "sehr gutes Gefühl". Na dann ...

teleschau: Herr Pilawa, 2014 war für Sie wohl kein ganz normales Jahr. Was haben Sie aus den vergangenen Monaten gelernt?

Jörg Pilawa: (lacht) Vor allem, dass auch im deutschen Fernsehen bisweilen absolut nichts mehr kontrollierbar und planbar sein kann. Dass man von einem Tag zum anderen lebt und alles passieren kann. Was nächstes Jahr alles auf mich zukommen wird? Keine Ahnung!

teleschau: Besonders turbulent war es für Sie im Mai. Jetzt können Sie es ja sagen: Was ging wirklich in Ihnen vor, als die "Quizduell"-App während der Livesendung abgeschmiert ist?

Pilawa: Es war der reine Wahnsinn. Man hatte uns vorher wieder und wieder versichert: Die Leitung steht, da kann nichts schiefgehen. Das glaubte ich. Auch noch zwei Minuten nach Beginn der Sendung ... Bis dann alles daneben ging und absolut nichts funktioniert hat. Das hätte mir natürlich den Boden unter den Füßen wegziehen können, aber dann reagiert man reflexartig. Ich glaube, wir haben das einzige Richtige getan, indem wir uns ein bisschen über uns lustig gemacht haben. In meinen Augen war das aber nichts Besonderes.

teleschau: Sie wurden anschließend als der perfekte Krisenmanager des Unterhaltungsfernsehens gefeiert.

Pilawa: Womit ich nicht gerechnet hätte. Ich dachte, ehrlich gesagt, dass es mir die Kritiker und all die Blogger und anonymen Kommentatoren da draußen jetzt so richtig besorgen. Nach dem Motto: Der Pilawa kriegt es nicht gebacken.

teleschau: Wieso kam es genau anders?

Pilawa: Wahrscheinlich weil wir da mal zeigen konnten, was dem Fernsehen in den letzten Jahren verloren gegangen ist. Plötzlich war Fernsehen mal nicht steril, nicht perfekt, sondern wir hatten eine riesengroße Panne - live on air. Unzulänglichkeiten sind menschlich, und daher hat das den Leuten gefallen. Das war endlich Fernsehen zum Anfassen. Mein persönliches Highlight war das Faxgerät, das wir uns ins Studio gestellt haben mit der Bitte an die Zuschauer, uns Faxe zu schicken. Spätestens da waren wir in den 80er-Jahren angekommen und schon fast im Bereich der Comedy.

teleschau: Welche tiefere Erkenntnis haben Sie aus dem einerseits gescheiterten, andererseits durchaus erfolgreichen "Quizduell"-Testlauf gewonnen?

Pilawa: Dass wir Fernsehmacher vielleicht einem riesigen Irrtum erlegen sind, indem wir all die Jahre annahmen, dass immer alles bis ins Detail perfekt funktionieren muss. Dass wir keine Fehler und damit auch nur noch wenig Spontaneität zugelassen haben. Ich finde wirklich, wir sollten umdenken und nicht nur versuchen, Perfektionismus im Hochglanzformat abzubilden, sondern auch ein bisschen unsere Schwächen als Menschen zeigen. Warum denn auch nicht!

teleschau: Sie meinen, es sollte wieder mehr echtes Live-Fernsehen geben?

Pilawa: Ganz genau. Das Problem ist aber, und das nicht nur im Fernsehen, dass ein großer Teil unseres Handelns heute von Angst gesteuert ist: Bloß nichts Falsches sagen, weil du hinterher auf die Mütze kriegen kannst - in den sozialen Medien, sofort und in absolut nicht vorhersehbarem Ausmaß. Diese Angst hat sich natürlich auch in den Köpfen der TV-Leute eingebrannt. Hinzukommt, dass das Produzieren von Aufzeichnungen in Reihe viel kostengünstiger ist als eine Liveproduktion. Und so wird hübsch jeder kleine Fehler, jeder Stolperer, Verhaspler und alles, was sonst so schieflaufen kann, rausgeschnitten. Ich würde mir wieder viel mehr echte Liveshows wünschen - das sage ich als Produzent und als Moderator.

teleschau: Für den die Live-Situation sowieso reizvoller ist, oder?

Pilawa: Ja, klar. Man erreicht dabei eine ganz andere Tiefe, denn man kann immer spontan sein, aufs tagesaktuelle Geschehen eingehen. Für mich ist es frustrierend, als Moderator nur an der Oberfläche zu kratzen. Ich kämpfe fürs Livefernsehen, und ich weiß, dass ich nicht der Einzige bin.

teleschau: Live is Life ... Uns fällt da noch so ein Fernsehmoment aus dem Jahr 2014 ein!

Pilawa: Natürlich: Per Mertesackers Eistonnen-Interview nach dem harten Algerien-Spiel bei der WM. Für mich der Moment des Fernseh-Jahres. Das war so ein menschlicher, ehrlicher Augenblick - einfach herrlich, was da passiert ist. Und wissen Sie, was mit dem schönen Interview passiert wäre, wenn es nicht live on air dazu gekommen wäre: Es wäre in der Tonne gelandet, und zwar nicht in der Eistonne. So aber war's ein Highlight, über das man ganz zu Recht noch sehr lange gesprochen hat.

teleschau: Gesprächsthema Nummer-Eins war 2014 in der TV-Branche dennoch ein anderes. Sind Sie nach dem "Wetten, dass ..?"-Aus und dem monatelangen Markus-Lanz-Bashing eigentlich froh, dann doch so einen weiten Bogen um das Erbe von Thomas Gottschalk gemacht zu haben?

Pilawa: (lacht) Sollte ich wahrscheinlich sein, oder? Aber das Thema ist so lange vom Tisch ... Worüber ich mir in den vergangenen zwei, drei Jahren aber sehr viele Gedanken gemacht habe, ist diese mittlerweile weit verbreitete Online-Getriebenheit der Medien und speziell auch des Fernsehens. Dieses reflexhafte Reagieren auf Shitstorms oder auch auf positive Hypes. Ein Beispiel: Bei einem guten "Tatort" werden vielleicht 10.000 bis 12.000 Tweets abgesetzt, von 5.000 oder 6.000 Usern. Während dessen aber schauen zehn, elf Millionen Menschen zu, die dabei alles tun, nur nicht twittern. Man hat aber komischerweise das Gefühl, als würde sich die halbe Nation auf der Couch einen Wolf twittern ... Verstehen Sie, was ich meine?

teleschau: Dass man viel mehr relativieren sollte?

Pilawa: Ja, und auch mal auf Durchzug stellen, wenn man mal was liest, das unter die Gürtellinie zielt. Bei den ganzen "Wetten, das ..?"-Shitstorms war es ja wohl ähnlich. Es ist nun mal nie die schweigende Mehrheit, auf die von verantwortlicher Seite reagiert wird, sondern wir richten uns, manchmal vielleicht auch nur unbewusst, immer sofort nach dem, was lesbar ist: eine schnell geäußerte Meinung, daran kann man sich festhalten. Aber wir müssen unser Programm auch für die schweigende Mehrheit machen!

teleschau: Haben Sie generell mit Kritik ein Problem?

Pilawa: Überhaupt nicht. Nur finde ich, dass Kritik offen und fair kommuniziert werden sollte, und nicht so plump aus der Anonymität heraus mit einem Pseudonym.

teleschau: Nun sind sich jedenfalls alle einig: Das gute, alte Lagerfeuer ist erloschen. Warum zündeln Sie trotzdem immer wieder?

Pilawa: (lacht) Weil ich ganz einfach den Glauben noch nicht ganz verloren habe. Wir müssen nur davon ausgehen, dass künftig am Samstagabend mehrere Lagerfeuer gleichzeitig lodern.

teleschau: Sie haben sich 2014 ja auch gleich mit einer Reihe von Klassikern des Lagerfeuerfernsehens beschäftigt und Kulenkampffs "EWG" oder auch Rudi Carrells "Am laufenden Band" zurück ins Fernsehen gebracht.

Pilawa: Ja, aber das hatte vielmehr mit meinem Faible, mit echter Nostalgie zu tun, als mit der Hoffnung, damit noch mal 15 Millionen Zuschauer vor den Fernsehern zu versammeln. Natürlich, als ich 13, 14 Jahre alt war, in den 70-ern, schaute ich immer zusammen mit meinen Eltern diese Sendungen an. Immer! Aber hätte ich "Am laufenden Band" auch geguckt, wenn ich damals schon ein Tablet, ein Smartphone, eine Spielekonsole gehabt hätte, oder wenn wir zwei weitere TV-Geräte gehabt hätten mit über 100 Programmen? Wohl kaum. Das Lagerfeuer brannte deshalb so groß, weil es nur eine einzige Feuerstelle weit und breit gab. Heute kann ich mir aussuchen, an welcher Flamme ich mich wärmen möchte.

teleschau: Zehn Millionen Zuschauer bei einer Primetimeshow am Samstagabend - wird es das jemals wieder geben?

Pilawa: Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht gibt's mal so einen Ausreißer, aber in Serie nicht mehr. Das ist Geschichte.

teleschau: Blicken wir voraus: Am 2. Februar startet "Das Quizduell" tatsächlich in eine neue Runde. Bammel?

Pilawa: (lacht) Ach wo. Ich bin ganz gespannt darauf, wie es sich anfühlt, diese Sendung so wie geplant zu Ende zu moderieren - auch wenn einige Zyniker schon jetzt sagen, wir sollten von vornherein ein paar Fehler einbauen. Ansonsten vertraue ich einfach auf meine Routine und auf unser dezent modifiziertes Konzept, das die Sendung noch ein bisschen flexibler und flotter macht. Und auf die upgedatete Version der App natürlich. Wäre ja schon schön, wenn das interaktive Element diesmal nicht aus einem Faxgerät im Studio besteht.

Quelle: teleschau - der mediendienst