Bettina Lamprecht

Bettina Lamprecht





Theater des Lebens

Was erwartet man von einer Frau, die durch Formate wie "Switch", "Ladykracher", "Pastewka" oder die "heute show" bekannt wurde? Richtig, sie sollte sehr lustig sein, vielleicht gar eine Rampensau und Draufgängerin in Sachen Dialog. Keines dieser Klischees trifft auf Bettina Lamprecht zu. Die 37-Jährige ist eine leise, zurückhaltende Person. Dass sie ab Freitag, 9. Januar, 19.25 Uhr, das Gesicht einer neuen ZDF-Serie sein wird, hat die Schauspielerin aus der bislang zweiten Reihe noch keinen Zentimeter wachsen lassen. Im Interview sagt sie oft Sätze, die Zweifel ausdrücken. Weniger an der Qualität ihrer humoristisch-dramatischen Krankenhaus-Serie "Bettys Diagnose", aber mitunter an den eigenen Fähigkeiten. Dass sie sich im Casting für die "Medical Dramedy" über das Leben einer Krankenschwester durchgesetzt hat, freut sie natürlich - schließlich kann Bettina Lamprecht so ihre Leidenschaft für Krankenhäuser als Bühne für Leben und Tod weiter ausleben.

Das "Theater Operation" entwickelt seit 2008 Stücke an der Schnittstelle von darstellender Kunst und Medizin - so heißt es auf der Homepage des gleichnamigen Münsteraner Ensembles, zu dem auch Bettina Lamprecht gehört. Gegründet wurde es von einem Anästhesisten und Notfallmediziner, der zudem Schauspieler und Autor ist. Als Lamprecht, die neben ihren TV-Projekten immer viel Theater spielte, mit der Arbeit in diesem Ensemble begann, war noch lange nicht klar, dass auch ihre erste Fernsehhauptrolle in einer Klinik spielen würde.

"Bettys Diagnose" ist die Geschichte der Krankenschwester Betty Dewald, die an der Aachener Karlsklinik ihren Dienst verrichtet. Während ihr Privatleben einem Trümmerfeld gleicht - der bindungsunwillige Langzeit-Freund wird Vater eines One Night-Stand-Babys - gerät die vorlaute Betty auf der Arbeit immer wieder mit den autoritären Klinik-Hierarchien und dem Wahnsinn des Gesundheits-Apparates aneinander. Maximilian Grill ("Der letzte Bulle") spielt einen Arzt, Theresa Underberg ("Friesland") ist als Bettys Kollegin und beste Freundin zu sehen. Warum das Fernsehen immer wieder Krankenhäuser als Schauplatz seiner Geschichten wählt, leuchtet Bettina Lamprecht ein: "Sie verknüpfen Geburt und Tod, Krankheit und Gesundheit, das Schutzlose, Ausgelieferte, Abschied und Würde. Krankenhäuser bilden die ganze Komplexität des Lebens ab - und das in kurzer Zeit auf engem Raum."

Als die Mutter eines heute bald zweijährigen Sohnes mit der schauspielerischen Arbeit an medizinischen Themen begann, wollte sie es richtig machen. Für das Theaterprojekt leistete Lamprecht sehr viel Recherchearbeit, die deutlich macht, wie genau sich die Schauspielerin ihren Rollen nähert. "Wir sind in OPs mitgegangen, ich habe drei Tage lang auf der Intensivstation hospitiert und Interviews mit ehemaligen Koma-Patienten geführt - denn vom Aufwachen aus dem Koma handelte unser zweites Stück. An dem habe ich damals auch szenisch mitgeschrieben." Überhaupt probiert Bettina Lamprecht immer wieder neue Dinge. Obwohl die an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover ausgebildete Schaupielerin bereits mit 22 Jahren im Ensemble der vortrefflichen ProSieben-Show "Switch" stand und danach in zwölf Jahren 89 Folgen "Ladykracher" mit Anke Engelke drehte, sucht sie neben den kurzen Sketch- und Comedy-Formaten immer wieder andere Betätigungsfelder.

2014, man glaubt es kaum, versuchte sie sich erstmals als Stand-up-Comedian. Als Gast einer professionellen Stand-Upperin aus Israel erzählte sie im vergangenen Sommer an einer Berliner Bühne über ihr Leben als Hauptdarstellerin einer ZDF-Krankenhausserie. Auch dazu gehört Mut, so etwas macht nicht jeder. Und auf ihre Komik will sich die 1977 in Ilmenau geborene Dunkelblonde keineswegs festlegen lassen. "Ich denke nicht in Kategorien wie 'komisch' und 'ernsthaft", sagt sie. "Ich versuche, auch komische Rollen so ernsthaft zu spielen wie alles andere auch. Ansonsten funktionieren meine Figuren nicht."

Zwölf Folgen "Bettys Diagnose" hat sie nun hinter sich. Ihren kleinen Sohn brachte sie zu den Dreharbeiten, die an verschiedenen Orten in Nordrhein-Westfalen stattfanden, fast immer mit. Das hätte gut geklappt, sagt sie. Ihr Mann, ein bildender Künstler, der sich professionell mit Skulpturen, Video und Performance beschäftige, habe ihr den Rücken freigehalten. Neben dem Rollenstudium gehörte auch eine medizinische Fachberatung zum Alltag am Set von "Bettys Diagnose". "Das war eine ganz tolle Frau, die alle Handgriffe mit uns übte. Vor allem an den Drehtagen, an denen wir medizinisch anspruchsvolle Dinge zu tun hatten, begleitete sie uns."

Ob das Krankenhaus auch ein Ort für die Liebe ist oder ob dies eher in die Kategorie 'Schnapsideen aus der Parallelwelt des Fernsehens' passe, will man von der schauspielenden Krankenhausexpertin Bettina Lamprecht wissen. Ihre Antwort verblüfft mit einer interessanten Theorie. "Ärzte und Schwestern müssen sich in ihrer Arbeit ja emotional oft sehr abkoppeln. Es geht einfach um sehr viel, nämlich um Menschenleben. Durch dieses permanente Sich-Entkoppeln kann es auf der privaten Ebene natürlich zu Gegenreaktionen kommen. Da versucht man, diese Spannung irgendwie zu kompensieren und beim anderen, der die gleichen Erfahrungen gemacht hat, loszuwerden. Entweder ist man dann sehr einsam oder man öffnet sich stark." Ob es in dieser Hinsicht wohl eine Parallele zum Schauspielerberuf gibt, schließlich spielt man dort ebenfalls oft die dramatischsten aller Lebensmomente?

"Im Gegensatz zu Ärzten und Schwestern müssen wir das ganze Drama des Lebens nicht emotional wegschieben, sondern müssen es uns erarbeiten und an uns ranlassen. Sicher ist Schauspielerei auch ein Arbeitsumfeld mit einer hohen emotionalen Intensität. Bei uns Schauspielern geht es aber eher darum, dass man Spiel und Realität nicht verwechseln darf", lacht Lamprecht. Bei ihr hat man nie das Gefühl, dass da eine den Boden unter den Füßen verlieren könnte. Egal, ob nun "Bettys Diagnose" ein Erfolg wird oder nach zwölf Folgen wieder abgesetzt wird. "Zum Glück habe ich noch mein anderes Leben, wo ich wieder runterkommen kann", schließt die Wahlberlinerin ihren Vortrag über emotionale Grenzgängerberufe in der Klinik, auf der Bühne oder vor der Kamera. Ja, man hat den Eindruck, Bettina Lamprecht bekommt ihr Theater des Lebens ziemlich gut hin.

Quelle: teleschau - der mediendienst