Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)





Einer beschmutzte das Vogelnest

Riggan Thomson (Michael Keaton) ist frustriert. Der abgehalfterte Kinostar sucht händeringend Ersatz für eine Nebenrolle in dem Broadwaystück, mit dem er als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller reüssieren will. Die Namen Woody Harrelson, Robert Downey Jr. und Jeremy Renner fallen ihm ein. Aber wie könnte es dieser Tage anders sein? Die sind alle nicht abkömmlich, sie drehen Superheldenfortsetzungen oder andere Blockbuster-Sequel. So kommt es, dass Riggan eine unberechenbare Künstlerdiva (Edward Norton) anheuert, die ihm erst die Vorpremiere sabotiert und dann die Show stiehlt. "Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)" ist eine Art philosophische Superheldenfilmsatire gegen den grassierenden Superheldenfilmwahnsinn im Kino. Der Mexikaner Alejandro González Iñárritu überrascht hier als gewitzter Nestbeschmutzer. Bisher war der Filmemacher vor allem für existenzielle Schicksalsdramen wie "Amores Perros" und "Babel" bekannt.

Die tragische Tiefe des heißen Oscaranwärters "Birdman" (neun Nominierungen!) sollte man ob der heiteren Herangehensweise allerdings auch nicht unterschätzen. Geht es hier doch im Kern um die unerfüllte Sehnsucht einer ganzen Branche, geliebt und bewundert zu werden. Wobei der Unterschied zwischen Liebe und Bewunderung längst nicht allen klar ist.

Am wenigsten dem tragischen Helden dieser atemlosen Farce, Riggan Thomson. Mit Michael Keaton ist er sozusagen doppelbödig gut besetzt. Hatte Keaton doch selbst in den 90-ern seinen großen Durchbruch in der Batman-Rolle gefeiert. Dem alternden Star, den der alternde Star hier spielt, geht es genauso: Riggan Thomson feierte mal riesige Blockbuster-Erfolge in einer wegweisenden Comic-Verfilmung namens "Birdman". Die ist nun Fluch und Segen zugleich. Ältere Damen sprechen ihn auf der Straße euphorisch auf die alte Rolle an. Jüngere Menschen auch, aber mit lästerndem Tonfall.

Dabei will Riggan doch endlich als Künstler ernstgenommen werden. Die Broadway-Adaption eines ihm heiligen Raymond-Carver-Erzählbands soll sein Befreiuungsschlag werden. Doch mit der Dreifachbelastung als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller hat sich der abgehalfterte Star, der auch noch übernatürliche Wahnvorstellungen hat, wohl übernommen. Da hilft es wenig, dass ihm der erratische Co-Star Mike (Norton) mit seinem aufgeblasenen Künstlerego dazwischenfunkt. Und genauso wenig, dass seine als Assistentin beschäftigte Tochter Sam (Emma Stone) ihrem altmodischen Vater den Spiegel der Gegenwart vorhält: "Du hast nicht mal ne Facebookseite. Du existierst nicht!"

Man ahnt es bereits: Der Schauspielerberuf, wie er hier porträtiert wird, scheint ein ungesunder zu sein. Eigentlich kennt er nur die Pole Selbstzerfleischung und Hybris. Die Figuren sind alle Getriebene, was Iñárritu auf formaler Ebene virtuos aufgreift. Es gibt im Film fast nirgends sichtbare Schnitte, nur ein paar unsichtbare Zeitsprünge im Zuge einer einzigen (simulierten) Kamerafahrt durch ein Broadway-Theater und die Straße, an der es liegt.

Neben der aufregenden Kameraarbeit ist "Birdman" ein Film voller fantastischer Dialoge, der Höhepunkt ist eine Auseinandersetzung zwischen Riggan und einer sauertöpfischen Theaterkritikerin von der "New York Times". Erst teilt die allmächtige Schreiberin aus ("Sie sind kein Künstler, sie sind ein Prominenter!"), dann keilt der Star aus dem Popcornkino zurück. Man traut sich schon nicht mehr, etwas Schlechtes über "Birdman" zu schreiben, so ätzend und treffsicher gerät die Szene mit Kritikerkritik.

Aber das ist auch gar nicht nötig. "Birdman" ist so klug, virtuos und vergnüglich, wie es nur sein kann, wenn sich Hollywood selbst ans Bein pinkelt. Schlimm ist alleine, dass es offenbar nötig ist. Ist das Kino nicht am Ende, wenn es sogar inhaltlich so schamlos um sich selbst kreist? Vielleicht. Aber wenn es derart brillant geschieht, wirkt es zumindest sehr erleichternd.

Quelle: teleschau - der mediendienst