Wir sind jung. Wir sind stark.

Wir sind jung. Wir sind stark.





Die Jugendbande von Lichtenhagen

Bei den Internationalen Hofer Filmtagen gab es 2014 einmal mehr junges, unangepasstes Kino zu entdecken. "Wir sind jung. Wir sind stark" hieß einer der beeindruckendsten Filme. Er erzählt von den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992, als ein Wohnblock mit Flüchtlingen in Flammen stand, als Einheimische applaudierten und die Polizei von dannen zog. Burhan Qurbani, Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg, zeigt in eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Bildern beide Seiten: Junge Arbeitslose, die dem Nichtstun und der daraus resultierenden eskalierenden Gewalt verfallen sind, und - auf der anderen Seite - eine junge Vietnamesin, die sich mit Erfolg in die Gesellschaft integriert.

Selten hat ein Film so in die Zeit gepasst wie dieser. Obwohl noch vor Pegida und der neuen Ausländerfeindlichkeit entstanden, gibt er den Hass und die Ängste wieder, die auch damals, im August 1992, in Rostock-Lichtenhagen grassierten und zu handfesten Übergriffen der Einheimischen führten. Mehrere hundert meist rechtsextreme Randalierer waren an den Ausschreitungen beteiligt, bis zu 3.000 applaudierende Zuschauer behinderten schließlich den Einsatz von Feuerwehr und Polizei, als es in den oberen Stockwerken brannte. Molotowcocktails hatten das Wohnheim, in dem sich über 100 Vietnamesen, aber auch ein mutiges Fernsehteam des ZDF aufhielten, in Brand gesteckt. Der Skandal: Ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Ausschreitungen zog sich die Polizei zurück und überließ die Eingeschlossenen dem Mob.

Diese Szenen sieht man im zweiten Teil des lange Zeit schwarz-weißen Films, der sich hier explosionsartig und in plötzlicher Farbgebung in einem erstaunlich realistischen Showdown zur beeindruckenden Dokufiction steigert. Zuvor widmet sich "Wir sind jung. Wir sind stark." sehr lange und mit sehenswerter Sorgfalt einer Gruppe Jugendlicher, die versucht, mit Muskelspielen und neonazistischem Gehabe ihre Langeweile und ihre Unmündigkeit zu vertreiben. Stefan (der umwerfend spielende Jonas Nay) ist der Sohn eines maßgeblichen Lokalpolitikers, doch Geborgenheit gibt es für ihn nicht.

Ihnen gegenüber steht die Geschichte der Vietnamesin Lien (Trang Le Hong): Sie lebt mit Bruder und Schwägerin im Asylantenheim, hat sich ins Berufsleben integriert und will in Deutschland bleiben. Ihr Bruder dagegen will zurück nach Vietnam, angesichts der drohenden Gefahr. Als Parallelhandlung laufen die Schicksale der Migranten und der Einheimischen aufeinander zu - bis zum finalen Pogrom.

Burhan Qurbani, der Regisseur, zeigt die allmählich anwachsende Gewalt, die Führerstrukturen, die sich innerhalb der jugendlichen Gruppe entwickeln, weil man einfach irgendwo hinzugehören will. Aber auch den Hoffnungsschimmer der Liebe am Horizont. Als Sohn afghanischer Einwanderer entwickelte der Filmemacher, Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg, offensichtlich eine besondere Sensibilität für die Situation ungelittener Asylanten. Sein Film, dessen Drehbuch er gemeinsam mit Martin Behnke schrieb, ist jedenfalls viel mehr als eine Reproduktion der schrecklichen Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen. Er zeigt, wie leicht Gewalt aus Frustration heraus entstehen kann.

Erstaunlich nur, dass er die Arbeit der ZDF-Reporter von damals, die für ihre Leistung zu Recht einen Grimme-Preis erhielten, so wenig würdigt. Es passte offensichtlich nicht in den Rahmen der kritischen Betrachtung der sich voyeuristisch verhaltenden Medienwelt. Trotzdem ist "Wir sind jung. Wir sind stark" ein beinahe oscarverdächtiges Meisterwerk.

Quelle: teleschau - der mediendienst